I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Sie haben Ihr Ziel erreicht!

    oder: Die täglichen Umwege des Lebens

    „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser,“ hat Charlie Chaplin mal gesagt. Das gilt für Straßen eher weniger. Besonders zur heutigen Zeit. Da heißt es: „Wenn möglich – bitte wenden!“ Heute gibt es eben Navis, um das Ziel der Fahrt nicht zu verfehlen.

    Das war nicht immer so einfach. Früher studierte man Landkarten und Stadtpläne, um sich zu orientieren. Das führte manches Mal zu bemerkenswerten Irrfahrten. 

    Zum Beispiel beim Wirrwarr in den Straßen der Großstadt. Claudia lacht heute noch darüber, wie wir uns vor vierzig Jahren im Einbahnstraßensystem von Düsseldorf hoffnungslos verfahren hatten. Die Straße, auf der sich unser Ziel befand, schien wie vom Erdboden verschluckt. Und ich hatte diesen blöden Plan in der Hand, den man so Feld für Feld auseinanderklappen konnte.

    Mittlerweile verpesteten wir schon nachhaltig die Luft durch unsere Kurverei im Stadtzentrum. Wir fanden einfach diese verfluchte Straße nicht. Als ich schon zum dritten Mal über dieselbe Kreuzung an der Berliner Allee fuhr auf der Suche nach einer Eingebung oder Freund „Zufall“, überkam mich plötzlich eine nicht mehr zu bremsende Wut. Es dauert normalerweise ja lange – aber damals war bei mir der „Point of no Return“ blitzschnell erreicht. 

    Mitten auf der Kreuzung stieg ich auf die Bremse, kurbelte das Seitenfenster runter (damals kurbelte man noch), zerriss diesen nervenden Stadtplan in tausend Fetzen und warf den ganzen Müll zum Fenster raus (Entschuldigung!). – Aber was soll ich sagen – wir bogen um die nächste Ecke … und das Straßenschild bewies glasklar: Hier seid Ihr richtig. Zehn Sekunden nach dem Tobsuchtsanfall. 

    Ja, liebe Leserin, lieber Leser, auch ein (damals junger) Therapeut fällt schon mal in die alten Muster des Giftzwergs oder Rumpelstilzchens zurück, wenn er das Brett vorm Kopf festgenagelt hat. 

    Ziele im Leben zu finden, ist oft gar nicht einfach. Da gibt es zwei Meinungen. Die eine sagt: „Der Weg ist das Ziel.“ Und die andere: „Das Ziel ist im Weg.“

    Bei mir war Letzteres der Fall. Wer verkrampft, kann weder denken noch auf seinen Bauch hören. Da kann das Ziel vor der Nase liegen – und Du findest es nicht. 

    Bei den Lebenszielen ist es oft nicht anders. Natürlich gibt es noch hunderttausend Mentaltrainer, die die Zielvisualisierung predigen. Du stellst Dir also vor, wo Du hingelangen möchtest. Meins ist das nicht mehr. Heute lebe ich lieber ungeplant spontan. Von Augenblick zu Augenblick.

    Gut, im Auto haben wir heute ein Navigationssystem. Die Kreuzungen an der Berliner Allee sind also nicht mehr das Problem. Für alles andere haben wir einen inneren Kompass, der uns an den Scheidewegen des Lebens als Ratgeber zur Seite steht: unsere Intuition und unser weises Herz. Und die funktionieren seit Jahren, sogar ohne Update …

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Solange es das Staunen gibt, feiert die Banalität keine Triumphe

    Neulich blätterte ich in einer Frauenzeitschrift. Ich blättere immer wieder mal in Zeitschriften, die sich nicht in erster Linie an uns Männer wenden. Die lese ich sogar viel lieber als Zeitschriften, die Männer mit Sixpacks nach jahrelangem Hantel-Training zeigen. 

    In dieser Zeitschrift fand ich die Rubrik „Zeit fürs Wesentliche“. Es ging um das Thema „Das alte Staunen“ und handelte von Fliegenpilzen, die ihre weiche Schale durchbrechen und hinaus ins Licht wachsen. Und auch das stand dort: In jedem Erwachsenen steckt noch das Kind, das er einmal war. Vielleicht gelingt es uns ja doch hin und wieder, über die Wunder dieser Welt zu staunen. 

    Dann dachte ich daran, wie es wäre, wenn wir uns vorstellen würden, erst vor kurzem geboren zu sein. Der dreijährige Junge, das fünfjährige Mädchen …

    Was alles würden wir zum ersten Mal in unserem Leben wahrnehmen? Was würde Dich überraschen? Was würdest Du mit großen Kulleraugen beobachten? Was mit großem „Oh Oh Oh Oh“-Mund bestaunen? Was würde Dich begeistern? 

    Ist es der Riesenkäfer? Der erste Schneeball? Die Pfütze, die ihr Wasser so herrlich herumspritzt, wenn Du voller Freude hineinspringst? Das erste krakelige Bild, das nur Du so malen kannst? Das Aufdecken von Unterschieden, die Dich staunen lassen, das Entdecken einer anderen Hautfarbe? Ist es der Luftballon, der in Kreiselbewegungen gen Himmel schwebt? 

    Wann hast Du zum letzten Mal gestaunt?

    Klar, wir Erwachsenen sind gegen Überraschungen gefeit. Uns hat das Leben unachtsam gemacht, abgebrüht, an uns prallt das meiste ab. Alles ist so selbstverständlich geworden. 

    Es ist Deine Entscheidung: Du kannst das Staunen neu entdecken. Tag für Tag. Und es ist ganz einfach: über Deine Sinne, über Deine Sinnlichkeit. Die Sinne sind nämlich ganz leicht zu bedienen. Und – wir haben sie immer bei der Hand.

    Wann stehst Du morgens in aller Frühe auf und beobachtest schweigend, wie langsam die Sonne aufgeht? 

    Wann setzt Du Dich wieder in die Schaukel wie ein Kind? Überlässt Dich dem Schwingen und fühlst Dich frei?

    Wann stellst Du Dir eine Rose auf den Schreibtisch und sagst Dir: „Das bin ich mir wert!“?

    Ein tibetisches Sprichwort sagt: „Werde wieder wie ein staunendes Kind, das die Welt entdeckt – jeden Augenblick neu.“ 

    Es gibt so viel Sinn … und Un-Sinn zu entdecken. Deshalb gebrauche Deine Sinne. Täglich. Aus welchen Gründen hat das Leben sie Dir sonst geschenkt? 

    Nachklang:

    Ende des letzten Jahrhunderts ging André Heller mit seinem „Wintergarten-Varieté“ auf Tournee. Er zeigte die letzten Vertreter aussterbender Künste. Der Abend war berührend und umjubelt.

    Als am Ende die kleinwüchsige Olga und ihr Mann, die durch das Programm geführt hatten, an die Bühnenrampe traten, gipfelte ihr kurzer Dialog in einem Satz, der mir seither nicht mehr aus dem Sinn geht: „Solange es das Staunen gibt, feiert die Banalität keine Triumphe.“ Kann man den Wert des Staunens berührender und wahrhaftiger darstellen?

    Lassen wir uns zum Staunen verführen. Das Leben wird es uns danken.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Denken ist wie googeln, nur krasser

    Gerade ploppt eine neue E-Mail hoch. Immer mehr Schrott wird rübergeschickt. Jetzt im November auch noch „Cyber Countdown mit Gutschein-Code und Geschenk-Karte extra.“ Und vor allem: „Black Friday“. Ein friedvoller Freitag wär mir lieber.  

    Aber diese E-Mail ist gut. Kommt von einer Freundin aus unserem philosophischen Kreis. Einmal im Monat treffen wir uns, um über den Alltag nachzudenken. Über Leben und Tod, Glück und Unglück, vor allem aber über Lebensfreude und Achtsamkeit. Zwölf tolle, neugierige Menschen. 

    Um 19.45 Uhr beginnt es. Treffen im Kreis. 20 Uhr kurze Meditation zur Einstimmung. Dann zwei Stunden ein vorbereitetes Thema, gut strukturiert. Und um 22 Uhr öffnen wir den Rotwein und erfreuen uns am Leben. Um 23 Uhr ist Schluss. Immer das gleiche Ritual. Schon seit über 12 Jahren. 

    Ja, und jetzt lese ich da am Bildschirm von unserer Philosophen-Freundin: 

    „Denken ist wie googeln, nur krasser.“

    Das kommt an und geht rein. Nicht nur wegen der bunten Farben. Da bekomme ich direkt Aufwind.

    Nicht immer nur Wissen konsumieren, sondern selber denken. 

    In der Tat, manchmal stelle ich mir das Gehirn als eine Baustelle vor – mit einem großen Schild davor, auf dem geschrieben steht: „Hier entsteht in Kürze ein neuer Gedanke.“ Habe ich mal als Cartoon gesehen. 

    Ein neuer Gedanke. Neues Denken. Querdenken. Schrägdenken. Unsinn denken. Eigen-SINN-ig denken. Auch eigen-ART-ig. Ohne Denkverbote denken. Grenzenlos denken.

    Man müsste an Volkshochschulen Kurse anbieten zum Nonsens-Denken. Und zum kreativen Blödeln. Dann wären wir nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch der kreativen Erfinder. 

    Also raus aus den Denkschablonen unserer Erziehung. Elternhaus, Schule und Gesellschaft haben uns eingenordet. Denken wir uns frei.

    Auch der „Denker“ von Rodin starrt ja nicht ohne Sinn auf die Erde vor seinem Sockel, sondern sinnt über die Höllenseiten des Menschseins nach, über das ewige Spiel von Licht und Schatten. Tiefe und Leichtigkeit sind keine Gegensätze. 

    Treffen wir uns also in philosophischen Zirkeln. 

    Fördern wir die Liebe zur Philosophie, die Liebe zur Weisheit. Und bei aller Digitalisierung – stellen wir doch ein kleines Schild vor unseren PC mit der Aufschrift: Selber denken befreit! 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Der röhrende Hirsch

    An der Wand hängt der röhrende Hirsch. Auf Leinen. Im Großformat. Ein Vierzehnender, wenn ich mich nicht verzählt habe.

    „Herzlich willkommen im Kaffee & Kuchen“ steht gegenüber mit Kreide geschrieben. Das erschließt sich mir nicht ganz. Aber ich bin ja auch nicht von hier. Also nicht aus der Stadt, in der ich gerade einen Cappuccino bestellt habe.

    Dieses Café ist nicht spektakulär. Zwölf kleine Tischchen für jeweils zwei Personen. Und oben auf der Empore eine Eckbank.

    Aber das Spektakuläre ist ja auch nicht das, was unser Leben ausmacht. Das sind doch eher die tausend kleinen Sonnen, die Tag für Tag in unser Leben scheinen. 

    „Leben ist Aufmerksamkeit“, sagte Hugo Kükelhaus vor langer Zeit. 

    Aufmerksam ist auch der Student, der hier seine Gäste bedient. Und er lächelt, einfach so. Das fühlt sich sehr sympathisch an.

    „Bis morgen“, verabschiedet sich eine ältere Dame. „Ja, bis morgen. Einen schönen Abend!“ antwortet der junge Mann lächelnd. Nur ein kleines Detail in seinem Arbeitsalltag. 

    Heute ist Freitag. Wahrscheinlich ist vorlesungsfrei. Ich beobachte, wie seine Fröhlichkeit das urige Café erhellt. Es ist so klar wie Kloßbrühe: „Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln.“ 

    Ich sage dem Studenten, dass ich die Art, wie er lächelt, sympathisch finde. Da steigen seine Mundwinkel noch ein Stückchen weiter nach oben. – Wie leicht es doch ist, Beziehung zu leben, kommt mir in den Sinn. So unverkrampft und einfach in diesem Moment.

    Mag der Hirsch an der Wand auch voll Inbrunst röhren – junge Menschen, die lächeln, erwärmen mein Herz. 

    Was sagte Claudia doch vor einigen Jahren, als sie danach gefragt wurde, welchen Sinn sie ihrem Leben gibt: „Den Menschen ein Lächeln schenken!“ Und dabei strahlte sie aus ganzem Herzen. Auch dafür liebe ich sie. 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Winterweiß

    Die Veredelung der Landschaft

    Winter. Im Januar zieht sich die Zeit. Gut, bei uns im Rheinland ist Karneval. Da kann man schon mal mit klar kommen, mit den farblosen Tagen. Also, vor allem die Pappnasengesichter helfen. Aber für viele ziehen sich die Tage. Auch wenn sie wieder länger werden.

    Heute ist die Erde winterhart gefroren. Alles hat sich auf Zeitlupe eingestellt. Mutter Natur ist nicht im Stand-by-Modus, sondern ganz auf Tauchstation gegangen. 

    Schnee liegt hier nicht so oft, am flachen Niederrhein. Oder taut schnell weg. Wenn der Wind nicht so biestig ums Haus blasen würde, wäre hier nichts los. Da würde sich nichts bewegen. Da könntest Du einen Film vom weißen Feld da draußen drehen und hättest das Gefühl, die Landschaft wäre ein Bühnenbild.

    Eine lange Weile legt sich über das Wäldchen gegenüber. ‘Natur in Trance‘, denke ich bei mir. Auch zum Vogelfutter dahinten am Baum fliegt heute nichts und niemand hin. Das Röhrchen mit der Wintermischung hängt wie bestellt und nicht abgeholt. 

    Es geschieht fast nichts. Wie schwer es doch ist, die Einfachheit auszuhalten! Das Auge findet kaum einen Halt. Die Unterscheidbarkeit ist futsch. Draußen nur weiß getünchte Landschaft.

    Und ich bin gerade dabei, meine Notizen abzubrechen. Das interessiert doch keinen, schießt es mir durch den Kopf. Was soll ich auch schreiben, wenn es nichts zu unterscheiden gibt?

    Jetzt schau doch mal genauer hin, mahnt eine innere Stimme. Schau Dir doch diese Schneekristalle über dem Wintergrün an. Eine einzige, alles beherrschende Farbe. Reduktion, Minimalismus pur. Tabula rasa. Nichts scheint vorgeprägt. Alles offen für einen Neubeginn.

    Ich stehe am Fenster – und denke gerade an Yves Klein, den französischen Konzeptkünstler. Arbeiten mit nur einer einzigen Farbe war sein Stilmittel. Der hat sich seine monochromen Farben sogar patentieren lassen. Viele seiner Werke sind reine, einfarbige Flächen. Sie lassen tief blicken. Blau, gold und rosa. 

    Einfarbig – wie der Winter. Reduzierte Leinwände – und doch irgendwie erhaben.

    Zurücknehmen, das gelingt uns Menschen meistens nicht so gut. Dabei sagte Laotse, der chinesische Philosoph, schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung: „In Einfachheit und Veredelung liegt Reichtum.“ 

    Gut, mit diesen Augen betrachtet, veredelt in diesem Moment der Schnee den Garten. Nur zwei Meisen und die Katze des Nachbarn hinterlassen kleine Spuren. Wenn Du die Augen weitest, spürst Du die Stille über dem Weiß.

    ‘Wie hektisch gestalten wir doch unser Dasein!‘ fährt es mir durch den Kopf. Und wie chaotisch. Zerbrochene Scherben einer Vase, unverbundene Flickenteppiche – das ist häufig unser Leben. Brüchig sind wir.

    Das Weiß verbindet. Legt sich über alles. Unberührt, ungebrochen.

    Der Winter ist ein Abschied vom Übermaß. Und, richtig betrachtet, ist er vor allem ein wundervoller Platz im großen Gemälde des Lebens. Wir können es auch mal von dieser Seite sehen. 

    Und deshalb sollte diese Geschichte nun doch zu Ende geschrieben werden.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Ist das Leben nicht schön?

    2. Teil

    Die Handlung vorher erspare ich mir. Aber die letzten zwanzig Minuten sind gut. Die schaue ich mir auf DVD auch immer mal wieder mit Patienten an. Vor allem, wenn sie davon überzeugt sind, sie hätten im Leben nichts geleistet und völlig unnütz gelebt. Sie seien nichts wert, fänden also auch keine Anerkennung, und das Leben sei sowieso sinnlos. 

    Dann passen die letzten zwanzig Minuten. Es sind lebensbejahende Szenen.

    Also, ich zeig’s immer ab dem Dreh auf der Brücke: James Stewart (als George Bailey) hat gerade mit seiner Privatbank Pleite gemacht und rennt nun wie von Sinnen an Heiligabend auf diese Brücke, um sich von ihr in die eiskalten Fluten zu stürzen. Während zu Hause seine Frau und die vier Kinder den Tannenbaum schmücken. Kurz und gut: Ein Engel ohne Flügel – also ein Engel zweiter Klasse – mit Namen Clarence wird vom Himmel hinab gesandt, um Georges Freitod zu verhindern. Wie nicht anders zu erwarten, rettet er ihn, denn er muss sich durch eine gute Tat noch seine Flügel verdienen. 

    Und als der durch Fremdverschulden pleite gegangene Bänker ausruft: „Ich wünschte, ich wäre nicht geboren!“, klingelt es beim Engel. Er bekommt vom Himmel den Auftrag, den Film zurückzuspulen. Und so laufen zu lassen, als hätte es George Bailey nie gegeben. Clarence: „Dein Wunsch wird Dir erfüllt!“

    Beide gehen in die Stadt zurück. Niemand erkennt ihn. Sein Haus wurde nie gebaut. Seine Frau ist unverheiratet geblieben. Kinder? Fehlanzeige. Selbst seine Mutter erkannte ihn nicht. Sie hatte ihn ja nie geboren. 

    Die Stadt hieß auch nicht mehr „Bedford Falls“, sondern „Pottersville“ nach seinem größten Konkurrenten, und war eine Hochburg des Lasters geworden. Er konnte ja nicht (wie im ersten Teil des Films) gegensteuern, weil es ihn – in dieser Version – nie gegeben hatte.

    Engel Clarence sieht seine Stunde gekommen. „Du hast die große Chance“, sagt er zu George. „Du kannst sehen, was ohne Dich aus der Welt geworden wäre.“

    Kurz und knapp, ganz gleich, wie er vor Verzweiflung taumelte, er konnte nichts bewegen, keine Fußspuren hinterlassen. Denn er hat ja – in der Prüfung des Himmels – nie gelebt.

    Als sich George aber aus Verzweiflung die Lunge aus dem Leib schrie: „Ich will wieder leben. Bitte Gott, lass mich wieder leben!“ hatte der Spuk ein Ende.

    Und es war klar: Wenn ein Menschenleben fehlt, gibt es sofort eine große Lücke.

    Dieser Kontrast, liebe Leserin, lieber Leser, lässt bei mir sämtliche Weihnachtsglöckchen läuten. Denn George hatte im normalen Leben echt wichtige Spuren, große Fußabdrücke hinterlassen. Er wusste es nur nicht, hatte es nie so gesehen.

    Ja, so gab es an Heiligabend natürlich ein Happy-End, alle sammelten Geld für ihn, so dass er nun doch nicht pleite war – und Clarence, der Engel zweiter Klasse, bekam endlich seine Flügel und wurde befördert. Jedoch nicht, ohne George ein Buch mit der Widmung zu hinterlassen: „Ein Mensch, der Freunde hat, ist nie ein Versager!“

    Und ich stelle auf einmal fest, dass ich gar nicht mehr müde bin, nachdem ich mich in diese Geschichte hinein geschrieben, ja hinein gesteigert habe. 

    Also, nicht vorschnell antworten: „Ich habe keine Spuren in meinem Leben hinterlassen.“ – Auch wenn Du beim Sonnenaufgang liegen bleibst. So wie ich. 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Ist das Leben nicht schön?

    1.Teil 

    Heute bin ich müde. Irgendwie verdammt müde. Und da lese ich den Satz: „Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?“

    Dieser Spruch, denke ich, ist wie so viele Sprüche – irgendwie gut anzuhören. Passt aber gerade nicht.

    Das Foto dazu ist schön. Eine Schlucht. Unten schlängelt sich ein Fluss. – Mensch, denke ich, muss der eine Energie haben. Das Felsgestein hat er kompromisslos durchgesägt. Gut, die Zeit hatte er ja. Millionen von Jahren sind für Mutter Natur keine Ewigkeit. Trotzdem – er hat was hinterlassen, der Fluss. Eine Einkerbung größten Ausmaßes. Schon sehr beeindruckend. 

    Was hinterlassen wir?, denke ich. Klar, so eine tolle Formation geht natürlich nicht in 80 Jahren. Felsmassiv und unten Fluss.

    Aber Spuren … Spuren, Fußabdrücke, die sind doch möglich. 

    Zumindest kleine Spuren, kleine Fußabdrücke. Nichts Riesiges. Keiner muss Dir oder mir ein Denkmal setzen. Niemand eine Straße nach uns benennen. Ein Schiff auf unseren Namen taufen. Das Fernsehen muss nicht über uns berichten und später keinen Nachruf senden. 

    Aber das Gefühl zu haben, etwas von Dir und mir lebt hier auf Erden weiter – das hat doch was. Das berührt uns. 

    Mal ehrlich: 

    • Lebst Du in Deinen Kindern weiter? 
    • Im Kreis der Familie? 
    • In der Chronik Deines Vereins?
    • In Deinen beruflichen und privaten Erfolgen?
    • Oder auch in Deinen Gedanken, Deinen Konzepten, Deinen Ideen?
    • Was hinterlässt Du schon bis heute? Welche Spuren?
    • Was hast Du bis heute ins Leben gebracht?
    • Was gäbe es nicht, wenn Du nicht geboren wärest?
    • Was würde fehlen, wenn es Dich nicht gäbe?

    Jetzt antworte bitte nicht vorschnell: „Nichts würde fehlen!“ Denn diese Worte zeigen dann ja nur, dass Du nicht bereit bist, zu reflektieren, über Dich nachzudenken. Oder dass Du Dich nicht magst. Frage Dich also ganz ehrlich:

    • Welche Spuren, welche Fußabdrücke habe ich bis heute auf dieser Erde hinterlassen?
    • Wo, wie und wodurch ihr meinen Stempel aufgedrückt? 

    Während Du die ersten Einfälle sammelst und aufschreibst, möchte ich Dir eine Geschichte erzählen: Sie ist ein Teil, der wichtigste Teil eines alten Hollywoodschinkens aus dem Jahre 1946, der immer zu Weihnachten auf irgendeinem Kanal im Deutschen Fernsehen gesendet wird. „Ist das Leben nicht schön?“ heißt er. Mit James Stewart als George Bailey und Donna Reed als seine Frau in den Hauptrollen. Aber das ist nicht so wichtig. Entscheidend sind die letzten zwanzig Minuten. 

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Lebensfreude kaufen

    Es wird kälter. Wir hier am Niederrhein sagen: „Et is usselig kalt.“ Am 4. November. Gewissermaßen „zwischen den Jahren“. Also zwischen goldenem Oktober und dem Weihnachtsmarkt.

    Claudia sagt: „Du brauchst mal wieder eine neue dicke Winterjacke.“ 

    Ich habe ja eigentlich nie Zeit, nach neuen dicken Winterjacken zu suchen.

    „Ich habe noch eine alte dicke Winterjacke“, antworte ich. „Und ich hab jetzt gerade auch nicht die Zeit zu suchen.“

    „Das weiß ich“, meint Claudia. „Aber heute ist verkaufsoffener Sonntag. Und die Markenjacken sind heute, aber auch nur heute, um 20 Prozent reduziert.“

    Ja, was sollst Du da sagen?! 

    „Warum tut es denn meine alte dicke Winterjacke nicht mehr?“ – 

    „Die sieht abgetragen aus“, antwortet Claudia.

    „Abgetragen? Wo denn?“ – 

    „Ja, guck Dir mal den Kragen an. Den bekommst Du nicht mehr sauber. Und die Jacke schimmert auch an manchen Stellen. Die ist abgetragen.“ – 

    „Abgetragen? Das hab ich noch nie so gesehen!“ – 

    „Das kannst Du ja auch nicht so sehen mit der Jacke am Leib. Ich seh das ja von außen, und da seh ich den Speckkragen. Den kriegst Du nicht mehr sauber!“ –

    „Meinst Du, Du kriegst den eher sauber als ich?“, frage ich, so frei in den Raum …

    „Den bekomme auch ich nicht mehr sauber. Der ist einfach abgetragen.“ Und ergänzt: „Lass uns mal schnell fahren. Wir gucken eben, kostet ja nichts.“

    „Ich brauch ja auch noch spezielle Batterien für die Feuermelder, die alten piepsen andauernd“, sage ich noch.

    Angekommen. Im Untergeschoss gibt es Haushaltsartikel und Batterien.

    „Lass uns erst nach oben fahren, Wintermode für Herren, zweite Etage.“

    Auf der Rolltreppe rollen Menschen nach oben und unten. Irgendwie sind die auch nicht mehr in Sommerlaune. Die Freiflächen sind schon zugestellt mit Nippes und Kram. Das kann kein Mensch wirklich gebrauchen wollen. Neu sind in diesem Jahr anscheinend Weihnachtsteller mit bemalten Hundeköpfen.

    So, wir sind in die zweite Etage hochgerollt. Wintermode für Herren. Meine Frau organisiert mit sympathischem Lächeln den kompetentesten Berater, der gerade frei ist. 

    „Wir probieren mal zwei Größen aus“, sagt der nette Verkäufer. Wahrscheinlich trägt er selber Herrengröße 46. Ein jugendlich schlaksiger Typ.

    Mit der kleineren Größe scheint er bei mir nicht einverstanden.

    „In der größeren Form haben Sie etwas mehr Platz für die Lebensfreude! 

    Ja, ich werd nicht mehr … Was meint der jetzt mit „Lebensfreude“? – Oben? Mitte? Unten?

    „Hier!“ sagt er und zeigt auf die vier Kilo, die noch zwischen mir und meiner Zufriedenheit stehen. Zielsicher hat er den Scheitelpunkt meines Bauchansatzes getroffen. 

    Mehr Platz für die Lebensfreude … Je länger ich mit dem Verkaufsberater zu tun habe, umso mehr gefällt mir seine Einstellung: Freiheit für Lebensfreude! „Nichts soll einengen“, meint er ganz ohne Ironie. 

    Mehr Platz für die Lebensfreude?! Ist das nicht ein toller Gedanke?! 

    Meine Physiotherapeutin drückt es so aus: „Wenn sich der Bauchbereich nach vorne wölbt, haben die inneren Organe mehr Platz.“ – Hallelujah!

    Die „Lebensfreude“ vergesse ich nicht. Jetzt auch nicht in der Herrenmode.

    Leute, verbiestert sein hilft doch auch nix. Idealgewicht ist ideal für die, die es haben. Solange sie nicht die Gesundheit gefährdet, ist ne kleine Plauze doch eine gute Form des Genusses. Verknöchert und enthaltsam leben ist nicht zwingend vorgeschrieben. Mensch, feier Dein Leben! Lass Raum für Entwicklung. Auch in den Konfektionsgrößen. 

    Meine Frau schien jedenfalls sehr zufrieden, als ich dem netten Verkäufer eine Lebensfreude abgekauft habe: mit 20 Prozent Nachlass, nur heute. Und das Beste: Die neue Jacke ist überhaupt noch nicht abgetragen!

    Ins Untergeschoss zu den Batterien sind wir auch noch gefahren. Die hingen sogar in Griffhöhe. Welche Freude!

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Der Geist der Weihnacht

    Ist der eigentlich noch da? Gibt es den noch? Oder ist Halloween schon wichtiger geworden? Ich wollte doch über die „Besinnung“ schreiben. Und über die Stille. Heute, am 31. Oktober, sehe ich überall diese gruseligen Masken, Totenköpfe, Sensenmänner. Aber auch diese von innen beleuchteten Riesenkürbisse, aus denen im Zickzackschnitt Augen, Nase und Mund herausgeschnitzt wurden.

    Es ist, wie es ist. Halloween hat sich durchgesetzt. Mir ist Sankt Martin aber lieber. Die Idee und der Wert des Teilens. Die selbst gebastelten Fackeln mit den bunten, durchscheinenden Motiven. Die Gemeinschaft im Martinszug. Die Freude in den Augen der Kinder. – Gut, wenn es regnet, ist sie nicht ganz so groß. Aber stolz auf das, was es gebastelt hat, kann jedes Kind sein.

    Ich bin als kleiner Knirps immer gerne mit der ganzen Schulklasse im bunten Zug gegangen. Die Eltern standen beseelt am Straßenrand. Die Dunkelheit erhellen, damit Hoffnung spenden, Lichtträger sein – das ist christliche Tradition im besten Sinne. 

    Ist es nicht berührend: Schon eine einzige Kerze genügt, um das Dunkel zu lichten. Der Ordensgründer Franz von Assisi (1181-1226) drückte es so aus: „Ein Sonnenstrahl reicht hin, um viel Dunkel zu erhellen.“

    Ja, und jetzt sitze ich hier vor meinem Block, es ist Halloween und ich freue mich auf Sankt Martin. Und mir geht das Wort Besinnung nicht mehr aus dem Kopf. Es fließt in meinen Stift. In diesem Wort ist der Sinn, sind die Sinne enthalten. Wünschen wir uns nicht auch besinnliche Weihnachten?

    Der Weg in die Besinnung ist gar nicht so weit. Die Sehnsucht nach Stille, nach innerem Frieden, ist uns mit auf unseren Lebensweg gegeben. 

    Kurt Tucholsky (1890-1935), der Schriftsteller, Journalist und Kritiker schrieb: „Man muss aus der Stille kommen, um etwas Gedeihliches zu schaffen. Nur in der Stille wächst dergleichen.“

    Alles Große geht durch die Stille. Im Zeitalter der uns überflutenden sozialen Medien mit Facebook, Twitter und Instagram, im Zeitalter ständiger Erreichbarkeit sind wir besinnungslos von Lärm umgeben. Das lässt uns unruhig und hektisch werden.

    Unsere Städte sind dauerhafte Lärmquellen geworden – und machen uns dadurch krank. Und vor lauter Neonleuchtmitteln bleibt uns das Wunder des Sternenhimmels verborgen. Auch unser Schmücken im Advent ist mehr geworden. Früher gab es einen Weihnachtsbaum mit Kerzen und Lametta, die eine oder andere Kugel zur Zierde. Das machte glücklich und reichte uns.

    Irgendwann hingen die ersten Strohsterne im Fenster, später die ersten Lichterketten. Dann wurde im Vorgarten der erste Busch illuminiert, und die Event-Fans fingen an, aufblasbare Weihnachtsmannattrappen an die Hauswände zu nageln. Mit Glühbirnen wie auf einem Rummelplatz. 

    Kurze Zeit später entbrannte eine Art Wettbewerb mit einem kompletten Rentierschlitten auf dem Dach und einer Lichtinstallation, die in Intervallen „Happy Christmas“ aufleuchten ließ. 

    Ehrlich, bald haben wir es geschafft! Siehe die Originalwerbung 2018: „Festliche Lichtflut für zu Hause. Dein Nachbar wird verblüfft sein!“ – Ja, super. Vor allem wird er nicht schlafen können.

    Was ist aus der Stille, der Konzentration auf das Wesentliche und Einzigartige geworden? Stille und Besinnung sind nichts Alltägliches mehr. Stille ist nicht mehr Wert an sich, sie ist zum Luxus geworden, den man sich gönnt, um sich etwas Gutes zu tun. 

    Gerade an Festtagen können wir aber unsere Routine durch achtsames Innehalten unterbrechen. Wir können unseren Atem spüren, ein paar tiefe Atemzüge nehmen und darauf achten, wie die Luft durch die Nase fließt, die Lunge füllt, den Körper wieder verlässt. Wir können ein paar Minuten in die Stille gehen – und wir können uns Zeit für Dankbarkeit nehmen. Uns bewusst werden, wofür wir in unserem Leben dankbar sind. Ohne Dankbarkeit gibt es keine Versöhnung mit uns selbst und mit den anderen. Und ohne Versöhnung gibt es keine Weisheit – und keine Weihnacht. 

    Ein erfülltes Leben setzt also Auszeiten und Ruhephasen voraus. Einen harmonischen Rhythmus zwischen außen und innen, zwischen laut und leise, forte und piano.

    Einmal im Jahr feiern wir Weihnachten. Geben wir dann der Stille Raum. Und stellen wir uns die Frage nach der Richtung unseres Lebensweges. Ein Hinweis können uns die christlichen Mystiker geben, die die Frage stellten: Wie lang ist der Weg des Lebens? – Ihre Antwort darauf ist so einfach wie tiefgründig: „Der Weg des Lebens ist 30 cm lang. Er reicht vom Kopf ins Herz.“

    Diesen Weg zu gehen, ist unsere Aufgabe. Am besten öffnen wir schon zu Halloween unser Herz, wagen mehr Liebe und lassen den Geist der Weihnacht in uns wirksam werden.  

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Wenn die Bäume im Herbst ihre Blätter verlieren –  ist das Mangel oder ist das Fülle?

    Auf manche Gedanken muss man ja erst einmal kommen … Bisher dachte ich immer: Wenn der Sommer geht, verliert das Jahr an Kraft. Wir nehmen Abschied von den langen, warmen Tagen. Vom heiteren, beschwingten Zwitschern der Vögel. Vom sonnengetränkten Flirren der Lüfte. – Wenn Herbst und Winter kommen, läuft das Leben auf Sparflamme, geht die Fülle zur Neige, setzen Mangel und Sparsamkeit ein …

    Und nun las ich in einem – ja, neudeutsch sagen wir wohl „Newsletter“ – die Überschrift „Gute Neuigkeiten“. Schön!

    Darunter war zu lesen, dass die Natur keinen Mangel kennt. Dass Leben und Sterben Fülle sind. Wenn wir uns nur die Fülle an sterbenden Blättern im Herbst fasziniert anschauen. Da ist kein Mangel. Zumal die Blätter wieder guten Humus ergeben. Nahrung für das, was nachfolgen wird.

    Es ist immer eine Frage der Sichtweise. Mangel- oder Fülle-Denken, -Sehen, -Fühlen entstehen in uns selbst. Es ist die Frage, wie wir die Dinge bewerten. 

    Wie schon bei der Sache mit dem halbvollen oder halbleeren Glas. Halbvoll? Halbleer?

    Es gibt auch eine dritte Sichtweise: Ganz gleich, ob halbvoll oder halbleer. Hauptsache, ich weiß, wo die Quelle ist …

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp