Posts

  • Die Belebung der Demokratie

    Eine psychologische Beschreibung

    Ich bin mit Leib und Seele Demokrat. Diese Aussage mag für manche Leserinnen und Leser nicht sehr interessant sein. Oder selbstverständlich. Aber ich darf diese Tatsache hier sicher erwähnen. Ist ja mein eigener „Futter-für-die-Seele“-Artikel. 🙂

    Ich halte die Demokratien weltweit für großartige Erfindungen – und gleichzeitig für extrem gefährdet. 

    Woran lässt sich das erkennen?

    Vor kurzem las ich ein Interview mit Stephan Lewandowsky. Er ist vielfach ausgezeichneter Professor an der Universität in Bristol (Hafenstadt in England) und dort Inhaber des Lehrstuhls für kognitive Psychologie. 

    Lewandowsky beschreibt als das „größte Problem, das wir momentan haben“, die „hellen, blinkenden Lichter neuer Informationen, die alle fünf Millisekunden auf unseren Smartphones aufleuchten und versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Seine These lautet: Unsere Demokratien sterben an einem Übermaß an Information. (Siehe: „Psychologie heute“, März 2026, Editorial)

    Schauen wir doch einfach mal in ruhigere Zeiten zurück. In eine Zeit ohne Handys. Und beschreiben die „Lagerfeuer-Romantik“ der Pfadfinder oder Hippies. Wir saßen im Kreis, blickten in die Mitte auf das lodernde Feuer. Mit Sicherheit hatte jemand seine Gitarre dabei. Das Feuer wärmte uns – und wir sangen die Lieder, die zu unserer Generation passten. Der Kreis gab uns Schutz in der Gemeinschaft. Das Knistern und der Funkenflug waren Friedensangebote für Herz und für Seele. Der Kreis und das Feuer gaben Raum zu fühlen und mitzuschwingen. Und Platz für die eine oder andere Geschichte. 

    Und heute? Gibt es ein Übermaß an Informationen. Dafür sind wir aber nicht gemacht, sagt Stephan Lewandowsky. Wir können so viele Informationen nicht verarbeiten: „Wir haben uns vor tausenden von Jahren entwickelt, da saßen wir ums Feuer herum und haben zugehört, wie einer aus der Runde eine Geschichte erzählt hat. Heute werden wir mit Informationen geflutet, 24 Stunden lang, 7 Tage die Woche.“ Und das führe schließlich dazu, dass niemand diese Flut kognitiv verarbeiten könne.

    Die Folge: Wir geraten unter Stress und müssen uns entscheiden, welchen Dingen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Das ist schwierig. Denn unser Gehirn bevorzugt unter Stress negative Nachrichten – evolutionär verständlich, weil es einst für unser Überleben wichtig war. Heute aber schädlich, weil wir Katastrophen-Meldungen und populistischen Übertreibungen den Vorzug geben.

    Ein Lösungsansatz könnte sein, die Anzahl der konsumierten Informationen drastisch zu reduzieren. „Limit your input“, rät Professor Lewandowsky. Schenken wir uns mehr Zeit – auch in der Verarbeitung von Informationen. Denken – und fühlen – wir wieder mehr. Und länger.

    Am „Lagerfeuer“ (oder vor einer Kerze) sitzen, das Smartphone abschalten, sich vertiefen, Zeit nehmen, die Seele baumeln lassen … nie hätte ich gedacht, dass die Reduzierung von Stress auch unserer demokratischen Entwicklung helfen kann.

    Setzen wir uns doch einfach wieder öfter vor einen knisternden Ofen – und legen die hellen, blinkenden Lichter meilenweit weg. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Wer schämt sich denn am besten fremd?

    Teil 2 — Über die eigene Scham, wenn Andere sich daneben benehmen

    Szenenwechsel: In unserer therapeutischen Ausbildung in Münster mussten wir „Mutproben“ bestehen. Wie soll man auch als schüchterner Therapeut Menschen zu mehr Selbstsicherheit verhelfen?!

    Die hohe Schule des Selbstsicherheitstrainings waren die sogenannten „shame attacking exercises“. Die „Scham angreifenden Übungen“. Also, Verrücktes tun, ohne sich zu schämen. Das war für mich – nach meinen ganzen Vorübungen in der Jugendzeit – kein wirkliches Problem. Wir waren etwa zwanzig Studenten der Verhaltenstherapie. Die Aufgaben zogen wir aus einem Hut. In Dreiergruppen ging es dann unter das Volk.

    Einer von uns hatte die Aufgabe gezogen, vor dem Eingang des größten Münsteraner Kaufhauses lauthals ein zeitgenössisches, provokatives Gedicht zu rezitieren. In dieser Prosa kamen auch gewagte Zeilen vor wie: „Ich gestehe, ich habe Geschlechtsverkehr ausgeübt – mit geöffneten Augen!“

    Da stand also unser Kommilitone und mühte sich nach Kräften, laut und deutlich gerade diese Textstelle vorzutragen. Was geschah? – Nichts. Die meisten Menschen dachten sowieso nur an ihre Einkaufszettel. Einige wenige schüttelten im Vorübergehen leicht ihren Kopf. Und ein paar Studenten blieben stehen und klatschten laut und johlend Beifall. 

    Der Kommilitonin von uns war die Aufgabe zugefallen, mit einem Handtuch über der Schulter ins naheliegende Hotel zu gehen und an der Rezeption nach einer freien Dusche zu fragen. Und nicht locker zu lassen.

    Und auf meinem Zettel stand: „Geh die Salzstraße rauf und runter, bleibe vor den Schaufenstern stehen und rufe jedes Mal laut aus! „Nä, was ein herrliches Design!“ – Wobei „Design“ als „Dessäng“ auszusprechen war.

    Irgendwie war es eine verrückte und herrliche Zeit. 

    An den Beispielen erkennst Du die hohe Schule, die eigene Scham selbstsicher zu überwinden.

    Claudia schämt sich ja noch immer für andere. Mir hilft bis heute allerdings der Satz: „Ich kann die Welt nicht retten.“ Also auch niemanden vor der Vielzahl seiner eigenen Fettnäpfchen schützen. 

    Manche Handlungen finde ich skurril. 

    Manche Verhaltensweisen voll daneben.

    Manche Gewohnheiten absurd.

    Aber, wer weiß… Vielleicht bin ich ja nicht nur Psychotherapeut geworden, um Menschen als außenstehender Coach durch Krisensituationen zu begleiten. Sondern auch, um zu lernen, dass es besser ist, nicht zu viel Verantwortung für andere zu übernehmen. Denn eine Regel der Psychotherapie besagt ja auch: Jeder Mensch, Kunde, Klient im geistigen Normalzustand ist für sein Leben selbst verantwortlich. Und das ist auch gut so.

    Deshalb brauche ich mich ja für niemanden fremdzuschämen.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Wer schämt sich denn am besten fremd?

    Teil 1
    Über die eigene Scham, wenn Andere sich daneben benehmen

    So alt ist der Begriff noch gar nicht. Er stammt wohl aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, wurde 2009 in den Duden eingeführt und 2010 in Österreich zum Wort des Jahres gewählt. 

    „Fremdschämen“ meint umgangssprachlich, sich für Handlungen oder Verhaltensweisen anderer Personen zu schämen, die als peinlich empfunden werden.

    Ein Beispiel aus früheren Tagen: Ich hab sie ja noch im Ohr, die grölenden jungen Männer, die früher ihren Dienst bei der Bundeswehr beendet hatten und sich am gleichen Tag die Kante gaben. Vor Freude und Erlösung. Oder auch, um zu dokumentieren: Wir sind harte Kerle, wir haben die eineinhalb Jahre mit Bravour überstanden. Grölend durch die Straßen zu ziehen schienen Freiheitsgefühl und Mannsgehabe zugleich. Und, was schon damals auffällig war: Sie schienen sich für ihr Verhalten nicht zu schämen. 

    Auch Fußball-Fans können das locker hinbekommen. Sind es vielleicht nur Rituale, die den Zusammenhalt beschwören sollen?

    An dieser Stelle brauchen wir keine wissenschaftliche Weisheit. Bedeutsam ist nur: Es schämen sich nicht die Individuen oder Gruppen, die die Regeln einer Gesellschaft verletzen. Das übernehmen andere für sie. Also handelt es sich um ein stellvertretendes Schamgefühl. Fremdschämen betrifft dabei hauptsächlich empathische Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können.

    Eine der größten Fremdschämerinnen ist meine Frau Claudia. Ich neige ja manchmal zu spontanen und nicht vorhersehbaren Aktionen.

    Zu früheren Zeiten beschäftigte ich mich nämlich mit der Frage: Warum soll es Speakers´ Corner nur im Londoner Hyde Park geben? Also fing ich an, in Fußgängerzonen Reden zu halten. Nichts Politisches. Mit Vorliebe über das „Nichts“. Also, was können wir uns unter dem „Nichts“ vorstellen?! Ist das „Nichts“ nichts? Oder etwas, das wir nicht kennen? – Ich redete mich in einen Zustand hinein, in dem ich selbst kaum noch mitbekam, was da aus mir herausbrach. Über das „Nichts“ kannst Du enorm viel erzählen, wenn Du nicht nachdenkst. Manchmal redete ich mich um Kopf und Kragen, meinte Claudia.

    Als ich zum ersten Mal loslegte („Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger …“), ungeplant, einfach so – in der Fußgängerzone eines Städtchens im Westerwald -, war Claudia schockerstarrt. Es kam ja sehr spontan. Mit Panik in den Augen verschwand sie hinter den Kleiderständern des erstbesten Geschäfts, um Sekunden später an der nächsten Straßenkreuzung abzutauchen. 

    Mein Kopf blieb dran. Ich tat ja keinem weh mit meiner Art. 

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Kleine blaue Blümchen

    „Bitte bestellen Sie bei uns am Tresen.“ Das kleine Schild steht hier auf jedem Tisch. Bis zum Tresen ist es nicht weit. Das Bistro ist klein und befindet sich in der ersten Etage eines Haushaltswarengeschäftes in Freiburg im Breisgau. Die blauen, mit Gräsern so natürlich gebundenen Blümchen stehen hier in einem Mini-Glastöpfchen, das aussieht wie ein winziges Weckglas. 

    Jeder Blumenfreund erkennt sie sofort: Es sind Pflanzen aus der Familie der Glockenblumengewächse. Zarte, kleine Sträußchen. 

    Der Hauptgrund meiner Aufmerksamkeit ist Claudia. „Meine blauen Lieblingsblümchen“, sagt sie sofort beim Platznehmen. „Sind die entzückend!“, betont sie mit einem Lächeln. – ,Und die Glastöpfchen verkaufen sie sicher auch hier im Haus’, denkt der Geschäftsmann in mir. 

    Der Tag ist heiß. Der Klimawandel nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Aber hier oben, im hinteren Bereich des Geschäftes, ist es leicht klimatisiert, also angenehm kühl. Da lassen sich Erfrischungen auch wirklich genießen. 

    Die kleinen blauen Blümchen … 

    Ich erinnere mich bei ihrem Anblick: Ein amerikanischer Psychologe gründete vor Jahrzehnten hier in Europa eine christliche Meditationsgruppe. Er nannte sie „Les petites fleurs“: die kleinen Blümchen. Damals, mit der Arroganz meiner wilden Jahre, zog ich ungläubig meine Augenbrauen zusammen. Sich freiwillig kleinmachen? Nichts Herausragendes schaffen? Das erschien mir eindeutig zu wenig für dieses Leben. 

    Und doch strahlten die Augen dieser Menschen – bei aller Bescheidenheit – etwas aus, das die vielen im Rampenlicht so oft vermissen lassen: eine Dankbarkeit, Demut und Klugheit … ja, mag sein, sogar Weisheit. 

    Die kleinen blauen Blümchen …

    Vielleicht ist der schönste Anlass zur Lebensfreude nicht die eigene Wichtigkeit, das eigene Streben nach Erfolg. Sondern das Da-Sein für die Gemeinschaft. Die Liebe zum „Du“ und zum „Wir“. Zur Natur und zur ganzen wunderbaren Schöpfung. Die Freude, die wir teilen, und das Lächeln, das wir verschenken.

    Die kleinen blauen Blümchen … 

    Zwischen blinkenden Kaffee- und Espressomaschinen, die hier zur Vorführung bereitstehen, wirken sie wie eine kleine Geste, die das Herz erwärmt.

    Kurz bevor das Bistro schließt, kommt die freundliche junge Dame, die hier ihrer Arbeit nachgeht, an unseren Tisch. Anscheinend bemerkt sie die Herzensverbindung, die Claudia zum kleinen Glockenblumenstrauß aufgenommen hat. „Ich muss die über das Wochenende leider wegwerfen“, sagt sie und zeigt auf die Vase. „Montag bekommen wir neue Blumen“, nickt – und hält kurz inne. „Sie mögen sie? Soll ich Ihnen ein Sträußchen einpacken?!“ 

    Jetzt, am Sonntag in unserer Ferienwohnung, sitze ich vor unseren kleinen Glockenblumen, erfreue mich an ihnen – und schreibe diese Geschichte. Die kleinen blauen Blümchen haben wir in ein Trinkglas gestellt. Wasser haben sie. Und Aufmerksamkeit. Es gibt nur keine Mini-Glastöpfchen wie im Bistro. Die aussehen wie winzige Weckgläser. Es wird den Blumen egal sein. 

    Und ich lese ein Zitat, das Mutter Teresa (1910-1997), der albanischen Ordensschwester, zugeschrieben wird. Es lautet: 

    „In diesem Leben können wir keine großen Dinge tun.

    Wir können nur kleine Dinge mit großer Liebe tun.“

    Welch außergewöhnlicher Gedanke. Welche Anregung für mehr Solidarität und Lebensfreude. Frei von Egoismen.

    „Wie wahr“, sagt Claudia – und lächelt. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • The road not taken!

    Der Weg, der nicht begangen wurde

    Du wirst ihn nicht kennen. Ich kannte ihn auch nicht: Robert Frost, den US-amerikanischen Dichter und vierfachen Pulitzer-Preisträger. 

    Frost (1874-1963) schrieb unter anderem das lyrische Gedicht: The road not taken.

    Aber von Anfang an …

    1989 erschien in den USA ein Kultfilm, der ein Jahr später in deutscher Übersetzung zu uns herüberschwappte und einen lateinischen Schlüsselsatz mit sich führte, der Kultstatus gewann: „Carpe diem!“ – „Nutze den Tag!“ 

    Der Film hieß: „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams in der Hauptrolle. Ein Englischlehrer in den autoritären 1950er Jahren an einem US-amerikanischen Internat. Mit Prügelstrafe und anderen Ungerechtigkeiten. Auch fast 40 Jahre nach der Kino-Premiere hat er nichts von seiner Faszination eingebüßt.

    Robin Williams, der früher selbst Schüler an diesem Internat war, erzählte als Lehrer seinen Abiturienten vom Geheimnis und der Freiheit in einer alten Indianerhöhle, wohin er mit einigen seiner Kameraden nachts durchgebrannt war. Dazu mussten sie zuerst die Internatsmauern überwinden. In dieser Höhle jenseits der Mauern fühlten sie sich frei – und lasen sich nachts poetische Gedichte vor, die sie im Anschluss interpretierten. 

    Was sich ahnen lässt: Einige seiner Schüler im Film entschieden sich nach seinen Berichten auch für die Fortsetzung seines Abenteuers. Nachts in der Höhle, beim Schein einer Taschenlampe, lasen sie sich gegenseitig – gespannt und beseelt – aus der englischen Literatur vor. (In der heutigen Zeit fast unvorstellbar.)

    Ein Hauptthema dabei war das Gedicht „The Road not Taken“ von Robert Frost. Der Inhalt geht so: Im Wald gabeln sich zwei Wege. Der eine wurde oft begangen. Es wächst kein Kraut mehr auf dem Pfad, kein Gras und keine Pflanze. Denn ständig wurde er betreten. 

    Der andere blieb unberührt. So neu und voller Geheimnisse – bis ins Unterholz hinein.

    Für welchen Weg entschied sich der Dichter in seinem Text? Er schwankte lange in seinen Überlegungen hin und her – und wählte schlussendlich den einen, der kaum beschritten wurde. 

    Und das, schrieb er am Schluss, habe den Unterschied gemacht.

    Allerdings … zur Wahrheit gehört, dass wir erst im Rückblick auf unser Leben feststellen können, ob es die beste Wahl gewesen ist.

    The Road not taken – der Weg, der noch nicht begangen wurde. 

    Es ist immer unsere eigene Entscheidung: Halten wir am Alten fest, gehen wir auf „Nummer Sicher“? Oder wagen wir den Spurwechsel? Probieren wir aus, was wir noch nicht kennen? Aus Interesse, aus Neugierde, aus Abenteuerlust, aus Freude an der eigenen Entwicklung? 

    Für mich schließt das eine das andere ja nicht aus. Manchmal bleibe ich den früheren Entscheidungen treu. Manchmal denke und handle ich neu und unvertraut. Beides hat seinen Platz in meinem Leben. Der Weg kann oft begangen – und manchmal ganz frisch und neu sein. 

    Ich wünsche Dir – neben der Sicherheit, die wir alle brauchen – auch viele neue und belebende Erfahrungen auf Wegen, die Du noch nicht gegangen bist. Sie führen Dich zu wertvollen Erkenntnissen auf der Reise Deines Lebens.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Soll ich oder soll ich nicht?

    Über das Zögern und Zaudern – und das Entscheiden und Machen

    Wer sich nicht entscheiden kann, könnte Bigamist werden.

    Oder am kalten Buffet verhungern. 

    Oder alle Jobangebote ausschlagen, weil sie noch nicht die hundertprozentige Erfüllung zu bieten scheinen.

    Wer sich nicht entscheiden kann, lebt sein Leben als eine Art „Vielleicht“ …

    Es ist immer das Gleiche: Du stehst vor einer Weggabelung und überlegst Dir, welchen der Wege Du betreten sollst. Oder Du fragst Dich: Soll ich nach vorne gehen? Oder besser nicht? Bleibe ich stehen? Oder gehe ich zurück? 

    Mir ist es auch so gegangen. Die Frage bei mir lautete bis vor Kurzem: Mache ich in meinem Alter noch mal eine Praxis für Psychotherapie auf – oder ist das totaler Blödsinn und nur dem eigenen Anerkennungsstreben geschuldet? 

    Also: Soll ich – oder soll ich nicht?

    Gut, jetzt hätte ich mir selbst den Ratschlag geben können: Mach dir vor der Entscheidung eine Plus-Minus-Liste. Wie könnte die aussehen? 

    • Menschen helfen können = +
    • Langweilige Verwaltungsarbeit leisten müssen = –
    • Anerkennung finden = +
    • Mögliche Auseinandersetzungen mit Kassen und Kammer führen = –
    • Berufung leben, Sinn finden = +
    • Sich selbst und seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten möglicherweise überschätzen = –

    Was kommt dabei heraus? – Eher eine Patt-Situation. Plus und Minus heben sich auf. Da stehst Du – oder stünde in diesem Falle ich – an der Weggabelung und treffe keine Entscheidung. Sowas kann ganz schön lähmen und die Verzweiflung fördern. 

    Geht es Dir auch öfter so? Ja, nein, vielleicht, eher nicht?

    Anders herum: Wann fielen Dir die Entscheidungen leicht? Hör einfach mal nach innen … Wenn Dein Herz für Dich entschieden hat! Wenn Du gar nichts mehr dagegensetzen konntest, weil Dein Herz, Deine Intuition, Dein „Instinkt“ Dir den Weg gezeigt haben. 

    Um jetzt für Dich weiterzukommen, brauchst Du nur zu handeln. So, wie der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe schon früher sagte: „Wirf Dein Herz über das Hindernis – und spring ihm nach.“

    Dein ehrliches, nicht manipuliertes Herz, Deine innere Weisheit, Deine Seelenfreude und Zuversicht – sie zeigen Dir den Weg. Auch wenn die Strecke sich gabelt und dehnt.

    Die Voraussetzung: Hab Vertrauen in Deine innere Stärke. „Vertrauen“ bedeutet nicht, „vertrauensselig“ zu sein. Allerdings: an sich selbst zu glauben. Sich selbst etwas zuzutrauen. Und: Fehler als Lernmöglichkeit zu akzeptieren. Denn aus Fehlern lernst Du. Versuchst Du sie zu vermeiden, bleibst Du verunsichert zurück. Deshalb: Entscheide Dich an der Weggabelung. Du kannst irren, ja. Du kannst scheitern, klar. Und Du kannst phantastische Erfahrungen machen.

    Ich habe mir die Frage, ob ich mit 77 Jahren noch einmal von vorne starte, nochmal eine neue Praxis eröffne, nicht lange gestellt. Ich habe mich aus dem Bauch heraus entschieden. Egal, wie es ausgeht.

    Wird fortgesetzt mit dem „Futter-Artikel“: Der Weg, der nicht begangen wurde. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • 36 Grad im Schatten

    … und wie wir darüber denken 
    Teil 2

    Die kältesten Wochen bei uns in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen waren die Wintermonate 1962/63. Damals, mit 14 Jahren, bewunderte ich die Parade der Eiszapfen, die von allen Dachvorsprüngen herabhingen. Wahre Kunstwerke der Natur. Monatelang waren auch die Seen zugefroren. Mehrmals in der Woche versuchte ich, auf dem Eis mit meinen Schlittschuhen Kringel zu drehen. Oder mit geeigneten Stöcken Eishockey zu spielen. Mir wurde erst völlig warm … und dann – nach einiger Zeit – wieder ziemlich kalt.

    In der Tat: Kalte Vorstellungen können Dich an sehr heißen Tagen locker abkühlen. Dazu fällt mir die folgende erstaunliche Erkenntnis als Argument ein: 

    In der Hypnoseforschung machte vor einigen Jahren ein außergewöhnlicher Bericht die Runde. Ein Stahlarbeiter einer amerikanischen Firma übersah im Werk einen Spezialeimer mit siedend heißem Öl, trat hinein – und zog sich am Bein allerschwerste Verbrennungen zu. Der Werksarzt, ein ausgebildeter Hypnosetherapeut, war – wie der Zufall es will – ganz schnell am Ort. Und suggerierte dem Verletzten, er sei mit seinem Bein in eine eiskalte Gletscherspalte getreten. Das Bein sei in der Lage, diese unglaubliche Kälte in extremem Ausmaß zu spüren. Es könnte beinahe abfrieren, wurde ihm suggeriert.

    Das Ende der Geschichte: Sein lädiertes Bein wurde nicht nur gerettet, es wurde auch wieder gesund. Was bis dahin als „Wunder“ galt: Selbst die Beinhärchen wuchsen wieder neu. Was für ein Glücksmoment! 

    Also: Ändere mit Deiner Vorstellungskraft die gefühlte Temperatur: Von siedend heiß zu eisig kalt. 

    Die letzten warmen Strahlen der Abendsonne färben den Tag rötlich ein. Keiner schmettert mir heute ein „O sole mio“ entgegen. Aber die Dankbarkeit für diesen zwar heißen, aber schönen Sonnentag kann mir niemand nehmen. Es bleibt eine Frage der Sichtweise. Die kannst Du ändern. Auch bei 36 Grad im Schatten. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • 36 Grad im Schatten

    … und wie wir darüber denken 
    Teil 1

    Hier sitze ich – ich kann nicht anders. Zu heiß ist es heute. Vor allem im Süden Deutschlands. Gott sei Dank weht eine leichte Brise über die schwer tragenden Weizenfelder.

    Ein leises Knattern fordert meine Aufmerksamkeit. Auf der schmalen Landstraße dahinten fährt ein Motorroller von A nach B. Gut, dass der Helm heute auch vor Sonnenbrand auf der Schädelplatte schützt.

    Gerade erinnere ich mich an einen ähnlich heißen Sonnentag in der Toskana. Damals, vor über vierzig Jahren. Ich nenne ihn den „singenden Caruso“. Auf einer Vespa fuhr er mir entgegen. Als sich unsere Blicke in halber Ferne trafen – des Vespafahrers und meine – begann er den Song „O sole mio“ zu schmettern. Aus voller Kehle. Vom Niveau her für den Privatgebrauch, dafür aber leidenschaftlich. Die Hymne an eine große Liebe. 

    Fünfzig Meter vor unserer Begegnung setzte er zum großen Finale an. Lächelnd, fast triumphierend, traf mich im Vorübergleiten sein „Crescendo“, die volle Dröhnung mit ansteigender Lautstärke. „O sole mio“ – ein heißes italienisches Lebensgefühl. Und eine Kommunikation über die Musik.

    Der Mittfünfziger auf seiner Vespa fiel vom Höhepunkt der Melodie in einen sanfteren Ausklang. Und schaute sich nach dreißig Metern noch einmal kurz nach dem jungen Deutschen um – nun lachten wir beide. 

    Und ich dachte im Nachhinein: ‚Wir in unserem Land stöhnen schnell und gern über alles, was uns missfällt. Wenn es zu heiß ist, soll es kälter sein. Wenn es zu kalt ist, soll es wärmer sein. Wenn wir euphorisch sind, sollen wir bedacht bleiben. Wenn wir bedacht sind, sollen wir euphorischer werden. Wenn wir spontan entscheiden, sollen wir noch einmal nachdenken. Wenn wir plus und minus abwägen, sollen wir uns einen Entscheidungsruck geben.‘

    Soll ich Dir mal was verraten?! – Wenn es wirklich grenzwertig heiß ist, so wie heute, mache ich mir ganz kühle Gedanken. Dann denke ich zum Beispiel an meinen ersten Schneemann und die Freude darüber. Ein älteres Mädchen half mir dabei. Denn von der langen Möhre und den zwei runden Kohlestücken für Nase und Augen wusste ich nichts. Stolz war ich, auch wenn die Pracht nicht lange hielt. 

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Vorsicht, Eigenwerbung!

    Stabile Seitenlage – und andere Glücksmomente

    Nicht wichtig … aber ein Mini-Jubiläum. Vor genau sechs Monaten habe ich mein achtes Buch veröffentlicht: Geschichten für mehr Mut und Lebensfreude.

    Okay, es gibt gerade wichtigere Dinge – in der Politik, beim Klimaschutz, in der privaten Sorgentabelle …

    Aber eine stabile Seitenlage kann auch bedeutsam sein. Als ich vor über einem Jahr an einer schweren Gürtelrose erkrankte, und sie um meinen halben Körper reichte, konnte ich nur auf einer Seite schmerzfrei liegen – in eben dieser „stabilen Seitenlage“. Nicht angenehm. Aber diese Seite gab mir die Chance, darüber nachzudenken, wie ich aktiv mein Schicksal beeinflussen könnte. Und auf einmal war der heilsame Impuls da: Du brauchst ein neues Ziel – Du schreibst ein neues Buch. Und deshalb handelt es auch von der stabilen Seitenlage.

    Eine Kostprobe folgt jetzt hier aus dieser Titel-Geschichte. Sie heißt: „Stabile Seitenlage – statt Angst vor dem Leben“.

    Kurz nach Silvester. Heißt es da für Dich: Neues Jahr – Neues Glück? Oder: Neues Jahr – Alte Probleme? 

    Wer von uns weiß schon, was die Zukunft bringt?!

    Eine frühere Patientin von mir, Lehrerin an einer Berufsschule, sah immer kohlrabenschwarz. Ich bat sie, am Beginn des Jahres aufzuschreiben, was in den kommenden zwölf Monaten auf sie einprasseln würde. An welchen Herausforderungen sie wahrscheinlich scheitern wird. Welche Dramen sich in ihrem Leben abspielen könnten: Krankheiten, Enttäuschungen, Überforderungen. Und: Das irgendjemand, vielleicht ein Kollege … schlimmer noch, das ganze Kollegium, in diesem Jahr dahinterkommt, dass sie in ihrem Beruf eine totale Versagerin ist. Eine Hochstaplerin, die sich in das Lehramt hineingemogelt hat. 

    Ihre typischen Sätze dazu: „Ich bin Nichts!“ – „Ich kann Nichts!“ oder auch: „Ich bin ein menschlicher Gesamtfehler!“ Rot angestrichen!

    Das Jahr verging – und am Jahresende nahmen wir uns die Liste erneut vor. Ich fragte sie:“ Wie viel Prozent Ihrer Befürchtungen sind in den vergangenen zwölf Monaten eingetroffen?“ – Ihrem Gesicht war anzumerken, dass sie sich sehr anstrengte, den Nachweis ihres Totalversagens und der Hochstapelei zu erbringen. Nach gefühlten fünf Minuten … 

    „Welche Katastrophen sind tatsächlich und nachweisbar eingetreten?“ Ein feiner Schweißfilm kroch auf ihre Stirn. Sie gab sich wirklich die größte Mühe. Dann, nach langen und lähmenden Augenblicken die unausweichliche Erkenntnis: „Tatsächlich … anscheinend … nichts!“

    Ich lächelte. „Für nichts – und wieder nichts – haben Sie sich ein ganzes Jahr verrückt gemacht. Klug scheint mir das nicht zu sein!“ 

    (Fortsetzung im Buch)

    In einer stabilen Seitenlage müssen uns ja nicht alle Übel dieser Welt begegnen.

    Es kann ja auch sein, dass wir einen guten Schlaf haben und von glücklichen Momenten träumen. Und dann fehlt vielleicht nur noch ein kleiner, innerer Ruck, um sagen zu können: Trotz alledem – das Leben ist schön!

    „Stabile Seitenlage – und andere Glücksmomente“. In drei Variationen. Beim „shop.tredition.com“ , in allen Buchhandlungen oder beim Autor selbst. Ab 9,99 Euro.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

    aus: Dr. Georg Rupp, Stabile Seitenlage – und andere Glücksmomente. Geschichten für mehr Mut und Lebensfreude. tredition GmbH, Ahrensburg, Deutschland

  • „Lieber Papa …“ 

    Was ist Poesietherapie? — Teil 2

    Hast Du schon mal Dinge aufgeschrieben, die auf Deiner Seele brannten? Hast Du sie hingekritzelt? Nur raus damit, um Dich freier zu fühlen?

    Im ersten Teil schrieb ich über Elke (Name geändert) und ihren Brief an ihre Mutter. Auf ihrem Weg zu sich selbst – und in ein unabhängiges Leben hinein.

    Auch dieser Weg klappte nicht auf Anhieb. Er war steinig und uneben. Aber der letzte Satz im offenen Schreiben an ihre Mutter ist ihr in Fleisch und Blut eingegangen: „Jetzt dreh ich mich rum – und lebe mein Leben intensiv und bis zum Anschlag!“

    Im zweiten Teil schreibe ich über Raimund (Name geändert), 58 Jahre. 

    Als sein Vater starb, schwankte er zwischen Trauer und Erleichterung. „Ja“, betonte er im Gespräch, „ich mochte ihn, liebte ihn sogar im tiefsten Herzen … aber es war auch nicht einfach mit ihm. Irgendwie habe ich immer gefühlt, dass er meinen jüngeren Bruder vorzieht.“ – „Das fühlt sich für Sie sicher heute noch traurig an, dass Sie damals benachteiligt worden sind“, spiegelte ich seine Gefühle wider.

    Deshalb könne er einen Brief an seinen Vater auch nur schweren Herzens mit „Lieber Papa“ oder „Lieber Vater“ beginnen. Ihm fiele es leichter, einfach an „seinen Vater“ zu schreiben.

    „Auch das ist völlig okay“, gab ich ihm zuversichtlich zurück. Und: „Können Sie denn Dank aussprechen, dass er an Ihrer Geburt beteiligt war?“ – „Das schon!“ antwortete Raimund spontan. – „Gut, dann kann’s ja losgehen,“ lächelte ich ihn an. Also:

    „Mein Vater! 

    Du hattest Deinen Anteil an meinem Leben. So hast auch Du – neben Mutter – mir das Wichtigste gegeben: mein Leben! Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen.

    Du hast mir manches mit auf meinen Lebensweg gegeben, das mir in meinem Leben geholfen hat. Auch dafür danke ich Dir.

    Einiges hast Du mir mitgegeben, das mir mein Leben nicht leichter gemacht hat. Ich habe immer gefühlt, dass Du meinen jüngeren Bruder mehr gemocht hast als mich. Ich fühlte mich ihm gegenüber benachteiligt. Das hat mich traurig werden lassen. Aber heute ist es meine Entscheidung, mich davon zu befreien.

    Vater, Du warst der Ältere – und ich bin der Jüngere.

    Du kamst vor mir – und ich komme nach Dir.

    Ich bin nicht auf dieser Welt – erst recht nicht nach Deinem Tod –, um Deine Erwartungen zu erfüllen. 

    Und Du warst nicht auf dieser Welt, um ein Urteil über mich zu sprechen.

    Für alles, was mein Leben bereichert hat – und auch heute noch bereichert – danke ich Dir … und halte es gerne bei mir.

    Alles, was mein Leben belastet – und nicht meins ist – gebe ich Dir zurück … und lass es bei Dir!

    Und jetzt – ohne diesen Ballast – dreh ich mich rum … und geh einfach spielen. In einem Leben, wie es mir gefällt.“

    Dein Sohn Raimund

    Raimund standen die Tränen in den Augen. Entlastungstränen. Rinnsäle der Erleichterung. Zum ersten Mal wusste er: „Ich brauche nicht mehr zu leiden unter der Ungleichheit . Ich muss nichts korrigieren, nichts besser machen. – Und jetzt gebe ich mir die Erlaubnis, ganz frei über mein eigenes Leben zu bestimmen.“ 

    Raimund begann, Regie in seinem Leben zu führen. „Bald kommen ja meine 60er Jahre. Dann fängt das Leben sowieso erst an!“, meinte er mit einem Gefühl von Trotz und Optimismus.

    Er hatte sich freigeschrieben. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp