I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • In der Sackgasse

    Manchmal wird es eng im Leben

    Mensch, ist das eng hier. Ich stecke fest. Gut, ich habe Schutzbleche um mich herum. Wenn ich anecke, schramme ich mir die Kotflügel und beide Außenspiegel.

    Die italienische Mama hinter der Fensterscheibe grinst still in sich hinein. Ja ja, die deutschen Touristen …

    Was war passiert? – Claudia und ich lieben italienische Bergdörfer. Der Kirchplatz liegt ja in aller Regel an der höchsten Stelle des Ortes. Dort wollten wir hin. Das Sträßchen links den Hügel hinauf musste dorthin führen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Dachte ich mir. Manchmal laufen die Gehirnwindungen aber konträr zu den kurvenreichen Straßen und Gassen. Das sollten wir gleich erfahren.

    Ich war wahrscheinlich auch zu beseelt von der Idee, in dem Kirchlein dort oben eine kühle Verschnaufpause zu genießen und eine nachmittägliche Meditation einzulegen.

    Von Sackgasse war nichts zu lesen. Tomaten hatte ich auch keine auf den Augen, war aber wieder mal zu ungestüm. Mich reizen ja diese kleinen Gassen, in denen man das Ende nicht erkennen kann. Ich wollte schon als junger Mensch immer wissen, wie es weitergeht.

    Da fällt mir gerade ein: Früher, mit 20 Jahren, habe ich ständig ausprobiert, ob ich mit dem letzten Tropfen Benzin noch bis zur Tankstelle komme oder liegen bleibe. Liegen geblieben bin ich mehr als 25 Mal. Ganz schön bescheuert. So musste ich bis zur Tanke laufen. Und mir – gegen Pfand – einen gefüllten Kanister ausleihen. Innerstädtisch kein Problem. Doch mitten in der Nacht außerhalb von Düsseldorf liegen zu bleiben, bis nach Neuss zu laufen und dort eine rund um die Uhr geöffnete Tankstelle zu finden, war schon abgedreht. Aber ich liebte es total, bis an die Kante zu gehen, um neue Erfahrungen zu machen.

    Hier in den italienischen Bergen war nicht viel Platz. Auch eine neue Erfahrung! Die Gasse wurde immer schmaler. ‘Das kann doch nicht der Weg zur Kirche sein?‘, schoss es mir durch den Kopf. Mittlerweile waren es auf beiden Seiten gerade noch zehn Zentimeter bis zu den Hauswänden. Rechts und links, und kein Wenden möglich. Als es ganz schmal wurde, standen wir vor einer dreißigstufigen Treppe. Ja, da fällt dir erst mal nichts mehr ein. Und die italienische Mama öffnete das Fenster und legte sich genüsslich in die Auslage. Schweigend, lächelnd, amüsiert.

    Das war jetzt Adrenalin pur. Es gab ja damals noch keine Warnpiepser, erst recht keine Rückfahrkameras. Da hatte ich uns aber schön in die Sackgasse hinein manövriert. Die Hauswände kannst Du ja nicht verschieben.’Wahrscheinlich‘, schoss es quer durch mein Gehirn, ’fahren hier nie Autos rein. Du bist der erste Vollidiot, der das zustande bringt.‘

    Rückwärtsgang einlegen, den Körper hinter dem Steuer hoch hieven … Hals verdrehen – und rückwärts durch die Scheibe gucken. Die italienische Mama nicht beachten … uuuund dann gaaaanz langsam … zurück. Beide Seitenspiegel einklappen. Das Gaspedal nur millimeterweise bedienen. Also unterstes Schneckentempo. Zwei Meter geschafft. Die italienische Mama beugt sich zum Fenster hinaus und schaut jetzt belustigt von vorne zu.

    „Warum musst Du immer ausprobieren, wo eine Straße endet?“ wirft Claudia ein. Sie ist ganz nervös. Das beruhigt mich wieder. Es reicht ja, wenn einer von uns nervös ist.

    Noch keine Schramme geholt. Ich denke, das klappt nur, wenn man keine Angst hat, im Leben auch mal anzuecken.

    Als die Gasse breiter wurde, strömte ein tiefer Seufzer aus mir heraus. Mein Blick fiel zur Treppe. Die italienische Mama hatte die Fensterläden wieder geschlossen. Puuuh, die zwanzig Meter zurück waren Millimeterarbeit.

    Zur Kirche sind wir nicht mehr hochgestiegen. Wir mussten – in doppelter Hinsicht – erst einmal herunterkommen.

    Und ich frage mich beim Schreiben: Welche positive Erkenntnis lässt sich von dieser Geschichte ableiten? – Wenn Du Dich in Sackgassen Deines Lebens hineinmanövrierst, kannst Du trotzdem wieder hinausgelangen. Vielleicht mit dem einen oder anderen Kratzer. Das ist okay, denn den Fehler machst Du ja kein zweites Mal. Also keine Angst vor engen Situationen im Leben. Keine Angst vor Schrammen. Das Leben weitet sich auch wieder.

    Und wenn wir demnächst an einem schönen Sommertag ein italienisches Bergdorf besuchen, werde ich erst einmal einige Meter zu Fuß in das Dorfsträßchen hineingehen, um es nach Sackgassen, Verengungen, Steinstufen und anderen Unwägbarkeiten zu untersuchen.

    Experimente sind toll. Aber manchmal erleichtert Vor-Sicht auch das Leben.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Die Bank am See

    „Und dann meine Seele, sei weit, sei weit …

    … dass dir das Leben gelinge!“ Warmherzig, denke ich. Der Ruf nach der Weite stammt von Rainer Maria Rilke.

    Heute Morgen bin ich im Stadtwald meinen Füßen gefolgt. Habe mir einen Tag freigenommen von der Praxis und anderen Verpflichtungen. Eine kleine Insel wollte ich mir schaffen. Einen Tag ohne Handy, aber mit Vogelgezwitscher und einer leichten Brise über dem Teich. Dort, wo man den Menschen noch grüßt, der entgegenkommt. Wo Zeit relativ ist. Der Minutenzeiger keine Rolle spielt. Wo das Leben noch gelingen kann.

    Ein rotes Tretboot durchkreuzt langsam das Halbrund des Wassers. Zieht einsam seine Bahn. Ein Farbklecks vor grüner Kulisse. Eine schöne Parklandschaft liegt hier vor unserer Türe.

    Wer Arbeit hat, ist noch nicht hier, am frühen Mittag. Umso mehr genieße ich den Luxus der selbstgewählten Freiheit.

    Heute ist Kaiserwetter an der Galopprennbahn. Ich weiß gar nicht, woher der Begriff stammt. Jedenfalls strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel.

    Die Bank am See ist besetzt. Da treffen sich gerade Hundeliebhaber. Hier saß ich zum letzten Mal vor ewig langer Zeit. Das war 1967. Ich saß jeden Arbeitstag, an dem es nicht regnete, genau sechzehn Minuten an dieser Stelle. Mit einer riesengroßen Sehnsucht im Herzen.

    Was mir gerade so klischeehaft vorkommt, war meine Überlebensstrategie als Auszubildender auf dem Finanzamt in Krefeld. Hier saß ich und dehnte die Zeit. Und das kam so:

    Unsere Mittagspause war akribisch festgelegt. Vom Glockenschlag 13 Uhr bis zum Glockenschlag 13.30 Uhr. Es zog mich in dieser halben Stunde nicht in die Mensa, sondern in den Stadtwald zur Galopprennbahn.

    Ich durfte die Minuten nicht überziehen, denn jeden Mittag pünktlich um 13.30 Uhr lugte unser Vorsteher aus dem Fenster seines Büros im dritten Stock, um diejenigen in flagranti zu erwischen, die zu spät aus der Mittagspause kamen. Im Grunde verlangte er immer wie folgt angesprochen zu werden: „Guten Tag, Herr Leitender Oberregierungsdirektor Dr. Dingeskirchen!“ Dingeskirchen hieß er natürlich nicht. Aber den wahren Namen möchte ich hier doch verschweigen. Dr. Dingeskirchen war erst zwei Jahre vor seiner Pensionierung vom Oberregierungsdirektor zum Leitenden Oberregierungsdirektor befördert worden. Deshalb wollte er wohl auch immer so genannt werden. Es blieb ja nicht mehr viel Zeit für ihn. Da warst du mit dem Paternoster, diesem nach vorne offenen Personenaufzug, schon auf der nächsten Etage, bevor du die komplette Begrüßungsformel ausgesprochen hattest.

    Also, normalerweise war ich immer der Letzte, der aus der knappen Mittagspause zurückkehrte. Auf Glockenschlag sozusagen. Dr. Dingeskirchen schloss das Fenster. Ich war ja noch knapp pünktlich.

    Die Zeit hatte ich genau berechnet. Heute würde man sagen: Das Timing hat gestimmt. Abzüglich Autostrecke und Weg blieben sechzehn Minuten Unabhängigkeit. Da saß ich nun mit meinen neunzehn Jahren auf dieser Bank und reihte einen Augenblick an den anderen.

    Ich stellte mir vor, es gäbe diese irdische Zeit nicht, ich säße den ganzen Tag hier am See. In dieser Parklandschaft. Jede Minute sei ewig. Ein kostbarer Schatz. Manchmal lag ein leichtes Flirren in der Luft. So träumte ich mich langsam in diese Landschaft hinein.

    Ein verstohlener Blick auf die Uhr: Noch neun Minuten Zeit und Raum zum Atmen.

    Nichts und niemand störte in dieser Mittagspause. Das hier war meine Parallelwelt. Mein Freiheitsraum. Auch mein Geheimnis. Ständige Gegenwart. Augenblick um Augenblick.

    Ein kurzes Schauen: Noch drei Minuten.

    Die Natur tief einatmen. Auskosten. Und in den letzten Sekunden den Brustkorb weiten und füllen mit allem, was nicht an Schreibtisch erinnert. – So, danke, danke, danke! Aufbruch – und zurück. Diese sechzehn Minuten hatten den Geschmack von vielen Stunden, prall gefüllt mit Leben.

    Wer die Zeit dehnt, übersteht auch den Nachmittag. Und Dr. Dingeskirchen.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Der Zwerg am 10. Loch

    Der Zwerg kam aus dem Wald gerannt. Am 10. Loch. Blitzschnell. So schnell Richtung Abschlag, dass Frank (Name geändert) während des Schwungs keine Chance mehr hatte. Der Zwerg sprang an den Schläger, verdrehte die Schlagfläche – und die Kugel flog rechts weg in die Bäume. „Socket“ nennen Eingeweihte diesen Fehlschlag.

    Zum Verzweifeln. Immer am 10. Loch verlor Frank den Anschluss. „Unglaublich“, sprach er kopfschüttelnd und wiederholte: „Unglaublich!“

    Es dauerte lange, bis er mir davon erzählte. Irgendwie schämte er sich wohl dafür. „Sag mal, Doc … habe ich nicht alle auf dem Christbaum? Oder was ist los?“ Und er fuhr fort: „Ich kann da gar nichts machen. Natürlich weiß ich, dass es diesen Zwerg nicht gibt. Aber er ist trotzdem da. Wie eine Marotte, eine fixe Idee.“

    Bei der nächsten Mannschaftssitzung nahm er allen Mut zusammen. Den Golfkameraden war ja schon lange aufgefallen, dass er immer am 10. Loch patzte.

    „Wahrscheinlich haltet Ihr mich für verrückt“, begann er. „Da ist so ein Zwerg. Der lebt da rechts im Wäldchen.“ – „Hä?!“ Und: „Hammer!“ waren die ersten ungläubigen Kommentare.

    „Nein, ehrlich. Ich weiß nicht nur, wo der lebt. Ich weiß auch, welche Klamotten der trägt.“ – Schweigen im Wald und im Clubraum.

    „Are you on drugs?“, fragte der amerikanische Austauschstudent besorgt. Alle lachten. Nein, das war es nicht.

    Ja, und dann erzählte Frank seine unglaubliche Geschichte vom Zwerg, der an den Schläger springt und die Schlagfläche verdreht. Immer auf der 10. Bahn. Ein fieser Zwerg sei das. So runzelig und garstig.

    „Und wenn Du ihn zu Deinem Caddie ernennst und ihn einlädst, mit Dir über die ganze Runde zu gehen und Dir zu helfen?“ kam mir als Idee. „Wenn er den Job annimmt, sabotiert er Dich nicht mehr.“

    Ich wusste ja, Zwänge sind löschungsresistent. Aber „umdeuten“, das geht. Da fiel mir doch sofort Milton H. Erickson ein, der große Meister der modernen Hypnotherapie, der immer vom „Utilisieren“ sprach. Also alles für die Lösung, für den Therapieerfolg zu nutzen, was der Patient so anbietet. Dann nutzen wir den Zwerg eben für die Lösung des Problems.

    Frank war nicht abgeneigt, dem Zwerg eine neue Aufgabe anzubieten, ihn zu seinem Golfbegleiter zu ernennen. „Ein tolles Spieler-Caddie-Team“, meinte ich noch.

    Der rotbemützte Zwerg hat jetzt sogar einen Namen. Den habe ich aber vergessen. Nennen wir ihn der Einfachheit halber „Peter“.

    Was soll ich sagen: Wie stolz Peter jetzt auf einmal ist, und wie er sich über die Anerkennung freut! Aufrecht, fast militärisch, schreitet er links vom Meister, wie Frank es ausdrückt.

    Bis heute hat er seinem Team nichts davon erzählt. Aber alle wundern und freuen sich, dass er auf der zehnten Bahn die Kugel wieder trifft. Gut für die Mannschaft.

    Und heißt es nicht immer: Wer heilt, hat recht?! – Oftmals heilt die Verschreibung des Symptoms. Oder die Nutzbarmachung des beklagten Tatbestands. Egal. Niemand hat jemals herausgefunden, wieso sich der Zwerg in Franks Leben gedrängt hat. Aber jetzt hat er immer einen imaginären Helfer an seiner Seite. Einen externen Freund und Ratgeber, der ihm spiegelt, was Sache ist.

    Umdeuten lohnt sich. So sind alle Beteiligten zufrieden. Und ziemlich erleichtert. Peter sei Dank.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Löwenzahn durch den Asphalt

    Im Radio hörte ich vor einiger Zeit, dass es Pflanzen gibt, die nicht viel zum Leben brauchen, also sehr genügsam sind. Löwenzahn und Huflattich gehören dazu. Sie wurzeln sogar in Beton und Asphalt. Das erinnerte mich an folgende Erfahrung:

    Ich lernte schon vor Jahrzehnten einen ökologisch interessierten Transportunternehmer kennen. Sein Wagenpark lag vor den Toren einer Stadt im süddeutschen Raum. Auf einem Gelände, das nur über naturbelassene Wege erreichbar war.

    Nun kam die Verwaltung auf die Idee, den Hauptweg teeren zu lassen. Was sagte der Unternehmer: „Das ist für meine Fahrzeuge auf jeden Fall besser. Aber ich konnte meine klammheimliche Freude nicht verhehlen, als ich sah, wie sich kurze Zeit später Löwenzahn durch den Asphalt schob.“

    „Toll“, dachte ich, „ein starkes Bild: Löwenzahn durch den Asphalt!“ Welche Kraft, welche Energie muss dahinter stecken, wenn Pflanzen sich nicht nur von sanften Hügeln und Wiesen nähren lassen, sondern leben wollen um jeden Preis! Und sei es auf den unwirtlichsten Untergründen, egal ob Kiesbett, Straßenrand oder Teer. Der Löwenzahn kann uns so vieles lehren … Das zeigt auch folgende Geschichte:

    Brigitte (Name geändert), eine 55jährige Grundschullehrerin, die lange Zeit an Krebs erkrankt war, wollte ihre innere Stimme hören. Ihre Frage war nämlich: „Wenn ich wieder gesund bin, möchten dann mein Herz und meine Seele wieder zurück in den Unterricht – oder ist es besser für mich, frühzeitig in Pension zu gehen, um mein Leben noch genießen zu können?“

    Wir vereinbarten einen Spaziergang, der sie hinaus in die Natur führte. Als sie zurückkam, berichtete sie: „Bis zum Wald bin ich gar nicht gekommen. Mein Blick fiel schon bald auf einen Löwenzahn am Straßenrand. Wie er da durch den Asphalt gebrochen war… Ich war wie gefesselt. Ich konnte gar nicht weitergehen. Ich stand auf dem Bürgersteig und schaute eine halbe Stunde fasziniert hinunter in die Straßenrinne. Diese Pflanze … welche Kraft muss in ihr stecken! Und was für ein Durchhaltevermögen! Nicht satt und genährt, nein, mit dem Wenigen zufrieden. Ein Wunder!“

    „Und welchen Schluss ziehen Sie für sich daraus?“, fragte ich sie.

    Ganz ruhig saß sie da, lächelte und schwieg. Dann sprach sie leise: „Ich konnte meine Augen nicht abwenden. Für mein Herz ist die Botschaft klar: Halte durch! Bleib Lehrerin. Es ist Deine Bestimmung. Geh zurück zu Deinen Kindern. Sie brauchen Dich noch.“

    Erst zehn Jahre später ging sie altersentsprechend in Pension. Sie hat nicht nur durchgehalten. Sie war mit ihrem ganzen Herzen dabei.

    Löwenzahn durch den Asphalt – ein starkes Bild. Genügsam, kraftvoll und mutig – und doch voller Demut. Welch eine Hilfe in diesen Zeiten!

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Wenn sich Himmel und Erde berühren

    Das Geschenk von Bormes – Teil 3

    Das, was ich als Aufbrechen der Herzmitte bezeichne, ist bei mir mit einem brennenden Gefühl verbunden. Ein tiefgehendes Brennen, das mehr ist als eine wohlige Wärme. Ein Brennen, das mir anzeigt, ich bin tief in dieser Offenheit, in der sich Herz und Seele verbinden, auf ewig eins mit der Weisheit und Liebe des Universums. 

    In dieser Liebe Gottes gibt es keine Fragen mehr. Es gibt nur noch tiefe Freude und unendliche Dankbarkeit.

    Als ich nach ungefähr eineinhalb Stunden diese Dorfkirche verließ, traten auf dem Rückweg auch wieder eine leichte Wehmut, und – ich gebe zu – ein kleiner Anflug von Ängstlichkeit auf mein beseeltes Empfinden: Hoffentlich trenne ich mich nicht von diesem Gefühl.

    Und ich hörte wieder die innere Stimme von vorhin: 

    Denk an das Vertrauen. Im Zentrum der Liebe ist alles vorhanden. Und das heißt: Auch in dir ist alles vorhanden. Ich war, ich bin, und ich werde immer sein.

    Und ich fragte mich: Haben alle meine Zellen diese Botschaft des Herzens aufgenommen?

    Nun ja, der Alltag zeigt oft ein anderes Gesicht und viele, die dich kennen und auch mögen, wollen gar nicht, dass du solche Erfahrungen machst, denn sie haben Angst, dich zu verlieren.

    Und ich weiß, bei allen menschlichen Schwächen, zu denen uns unser Verstand verleitet, ist diese Berührung der Seele nicht mehr zu löschen.

    Mögen Wissenschaftler untersuchen, ob die Herzmitte, dieser Berührungspunkt der Seele, tatsächlich Wegweiser sein kann. Ich habe diese Erfahrung tief in meinem Herzen verankert. 

    Wahrscheinlich lag es noch nicht einmal an diesem Ort. Wenn Du dorthin gehst, um es auch zu spüren, wirst Du es an dieser Stelle vielleicht nicht erleben. Du kannst überall hingeführt werden, an jeden Ort dieser Erde. Du kannst Stimmungen vorfinden, die Dir die Berührung mit Dir selber erleichtern. Du kannst Atmosphären schaffen, in denen Dir das eher gelingt.

    Aber die Weisheit des Herzens, sie ist überall. Denn es gibt sie nur in Dir selbst. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

    Aus: Das Sternum-Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben – Dr. phil. Georg Rupp (macht sinn GbR, 1. Auflage 2004, ISBN 978-3938270028, Preis 29,80 Euro)

  • Wenn sich Himmel und Erde berühren

    Das Geschenk von Bormes – Teil 2

    Mir wurde klar, dass die Lehre aus dieser Zeit nur lauten konnte: Alles, was ich erreichen wollte durch meinen Willen, durch meine Strategie, durch meine Verzettelungen, war der untaugliche Versuch, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Mein Verstand, der größte Analytiker, ist ein untauglicher Ratgeber, meinem Leben eine andere Richtung zu geben.

    Und jetzt: An dieser Stelle, in dieser Dorfkirche, spürte ich zum ersten Mal – aus tiefster Seele – es geht nur über das Herz. Nur über die Liebe. Es geht nur über das Loslassen, über das Vertrauen, über die Dankbarkeit. Das letzte Dreivierteljahr war der Beweis, den ich anscheinend brauchte.

    Und mit dieser Erkenntnis im Herzen fühlte ich mich berührt. Berührt von den Herzen auf beiden Darstellungen, die auf einmal, so wenig Tiefe sie bei rationaler Betrachtung auch vermitteln mochten, eine Strahlkraft besaßen, die ich in diesem Maße noch nie erlebt hatte. Im Gegenteil: Dieser Augenblick gab mir das Gefühl einer grenzenlosen inneren und äußeren Freiheit, einer völligen Geborgenheit, die den Mut und die Demut zugleich befördert und wachsen lässt. 

    Und just in diesem Moment, in diese Freigabe an die göttliche Liebe hinein, geschah etwas Merkwürdiges: Mein Herz fing an zu beben, zu vibrieren, aufzubrechen. Das, was hier möglicherweise im dilettantischen Versuch der Beschreibung einem Kitschroman entlehnt zu sein scheint, war eine der tiefsten Erfahrungen meines Lebens: Mein Herz, meine Herzenergie, diese Lotosblüte, öffnete sich in diesem Moment meines Lebens. Jenseits jeder Zeit- und Raumrealität spürte ich tief in meinem Innern: Ich kann vertrauen. Kann mich verlassen auf Gott und das Leben. 

    Das Leben hat mir Geduld abverlangt, aber jetzt, in diesem Moment, bin ich angekommen in der Gnade und Weisheit der tiefsten göttlichen Erfahrung. Ich, so wie jeder Mensch, darf tief eintauchen in die Geborgenheit, in die Einheit und Harmonie. In die Zeitlosigkeit. In die grenzenlose Liebe. In die Freude und das Licht.

    Dieses Gefühl, man kann es nicht anders umschreiben, war das sprachlose Empfinden, ganz im Zentrum zu sein. Umhüllt von Wärme, Zuneigung und Vertrauen. Dort, wo alles in Fülle vorhanden ist, in der umfassenden Liebe einer grenzenlosen Güte und einer großen Seele, die über alles hinausreicht, was unser Verstand je wird ermessen können. 

    In diesem Moment, wenn sich Dein Brustkorb weitet, wenn sich Deine Seele öffnet, wenn Du Dein Herz freigibst, schenkt Dir die Gnade des Augenblicks das umfassende Empfinden: Du bist angekommen – endlich.

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

    Aus: Das Sternum-Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben – Dr. phil. Georg Rupp (macht sinn GbR, 1. Auflage 2004, ISBN 978-3938270028, Preis 29,80 Euro)

  • Wenn sich Himmel und Erde berühren

    Das Geschenk von Bormes – Teil 1

    Es war in Südfrankreich, an der Côte d’Azur im Jahr 2003. Ich war auf Reisen in der Nähe von Toulon, besuchte ein Seminar. An einem freien Nachmittag wollte ich mich nicht der allgemeinen Tendenz anschließen, Saint-Tropez zu erobern, sondern fragte den Veranstalter nach einem ruhigen Ort, eher im Hinterland gelegen. So entdeckte ich Bormes-les-Mimosas an einem Hang in Küstennähe, nicht touristisch unerschlossen, aber zu diesem Zeitpunkt noch recht still und verträumt.

    Mich faszinierten die steilen Treppen, auf denen die Nachmittagssonne ihr Spiel trieb. Der aufbrechende Frühling, der Duft des Südens und diese Einzigartigkeit von Licht und Schatten, die Brechungen und Verwerfungen, die scherenschnittartigen Muster, die der Torbogen warf, und die Helligkeit des Dorfplatzes, auf dem die Boule-Spieler nur im Schatten eines einzigen Baumes Schutz vor der Sonne fanden.

    In diesem Szenarium, in dem du nie sicher bist, ob du deine Sonnenbrille aufbehalten oder ablegen sollst, weil es auf den Serpentinenstraßen zu hell und in den engen Häuserschluchten zu dunkel ist, inmitten dieser meeresnahen Gerüche der Côte d’Azur, nur unterbrochen von den stinkenden Abgasen knatternder Mopeds, suchte ich meinen Weg durch den Ort.

    Schon fragte ich mich, wo denn in dieser extremen Hanglage die Dorfkirche sei, die sich ja normalerweise am höchsten Platz, sozusagen thronend über allem Irdischen befindet, als mir klar wurde: Es gibt sie nicht. Es lässt sich nicht thronen in dieser Gebirgsidylle … bis ich sie auf einmal am Ende einer Häuserreihe entdeckte. Ich fühlte mich sehr hineingezogen in dieses Gotteshaus. 

    Es war recht still und kühl und dunkel. Ein schmuckloses Inneres. Nichts für kulturbeflissene Touristen, wohl aber zur Kontemplation geeignet.

    Normalerweise pflege ich mich in die letzte oder vorletzte Bank zu setzen, den Blick schweifen zu lassen und vielleicht ein Vaterunser zu beten. Aber dieses Mal zog es mich, ohne dass ich den Grund benennen konnte, ganz nach vorne. Und so sah ich mich auf einmal in der ersten Bankreihe sitzen. Mein Blick fiel auf ein großes Gemälde auf der rechten Seite: Maria, die Mutter Gottes, mit dem blauen Mantel, als Symbol für die himmlische Liebe, und einem roten Herzen in der Brustmitte, das mit einem Schwert durchbohrt war.

    Direkt gegenüber auf der linken Seite befand sich die Abbildung des triumphierenden Jesus Christus, mit einem ebenfalls roten, dornenumkränzten Herzen in der Mitte der Brust.

    Man könnte nun sagen, dass ich in einem Dreieckswinkel zu beiden Gemälden saß, so, wie man es zu Hause von den Lautsprecherboxen gewohnt ist, um Stereo zu hören. Ich verbat mir solche Gedanken angesichts des Ortes und schaute unmittelbar vor mir auf das Strahlenkruzifix mit dem gekreuzigten Jesus. 

    Umgeben von diesen – im künstlerischen Sinne – eher kitschig zu nennenden Zeichen christlichen Glaubens fühlte ich mich in diesem Bergdorf zwischen Hyères und Saint-Tropez irgendwie zu Hause. Unmerklich wuchs mein Empfinden: Ich wurde in der Mitte zwischen dem Altarkreuz und den beiden Herz-Jesu-Gemälden …, ja wie soll ich es beschreiben … eingesogen. Es begann nun eine Zeit, oder besser Zeitlosigkeit, die ich, als ich wieder „bei Verstand“ war, als eineinhalb Stunden bemessen konnte.

    Aber der Reihe nach: Mir fiel zunächst ein, dass ich in den letzten neun Monaten vor diesem denkwürdigen Tag versucht hatte, mein Leben voll und ganz über den Verstand zu regeln. Ich versuchte, Texte für mein geplantes Buch zu schreiben und kam kein Stück weiter. Ich versuchte, positiv zu denken: Es war Krampf. Ich versuchte, mein Laufband zu strapazieren: Es half nichts. Ich versuchte, zu meditieren, um Eingebungen zu erfahren: Vergebens. Die letzten neun Monate waren Stress gewesen. Ohne jeden zählbaren Erfolg. Ohne Ausgleich. Ohne Sinn. Ja, ohne wirkliche Lebensqualität. 

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

    Aus: Das Sternum-Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben – Dr. phil. Georg Rupp (macht sinn GbR, 1. Auflage 2004, ISBN 978-3938270028, Preis 29,80 Euro)

  • Aufgeklärt

    Die wilden 1960er Jahre waren anfangs noch arg verklemmt. Damals liefen im Kino die Helga- und die Oswalt-Kolle-Filme. Die Nation musste aufgeklärt werden. Die Kommune 1 mit ihrer freien Liebe gründete sich erst im Januar 1967. Und die brauchte dem Anschein nach keine Aufklärungsfilme. Da hieß es nur: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“

    Aufklären hat ja etwas mit „klären“ zu tun, also mit dem Thema: Klarheit in etwas Ungeklärtes bringen. Auch das Wetter kann aufklaren. Dann sehen wir das Himmelsblau und die Sonne wieder offen. 

    „Aufklären“ bedeutet aber auch: Klar werden, nicht mehr rätselhaft sein. Manche Menschen sind sich selbst ein Rätsel. Sie haben keine klare Sicht auf sich selbst. Sie stehen wie der Ochs vorm Berg, fischen im Trüben, sind vollkommen vernebelt, blicken nicht mehr durch. Oder haben diesen dicken, fetten Balken im Auge, der jede Sicht versperrt. Auch in Hinsicht auf das freie Denken. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“,sagte Francis Picabia, der spanische Maler.

    Im alltäglichen Leben gibt es viele Produkte für mehr Klarheit. Aber wir können ja nicht einfach einen Glasreiniger benutzen, um wieder klar zu sehen. Und ein Gehirnreiniger ist noch nicht erfunden. 

    Aber seit Helga und Oswalt Kolle sehen wir klar. Zu dieser Aufklärung wesentlich beigetragen hat Mitte der 1960er Jahre die Rektorin einer katholischen Volksschule in unserer Stadt. Wie meine Schwägerin erzählte, sprach sie in der achten Klasse über die Vereinigung von Mann und Frau. Da wurde es auch höchste Eisenbahn, denn am Ende der achten Klasse starteten die jungen Menschen in ihre berufliche Ausbildung. Die Rektorin Frau Wohlsein (Name geändert) war ledig, streng katholisch und ziemlich verschroben. So bemühte sie sich, den Vorgang der Vereinigung mit einem österlichen Beispiel zu belegen.

    Sie stand vor der Klasse und sagte: „Ihr müsst euch das so vorstellen: Wenn Mann und Frau zusammenkommen, dann ist das, als ob die Osterkerze ins Weihwasserbecken taucht.“ – Köstlich! So herum lässt sich das ja auch mal betrachten. Jetzt sehen wir doch alle gleich ein wenig klarer …

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Dieser Tag ist der erste Tag Deines restlichen Lebens!

    Wenn Du diese Überschrift liest, fällt Dir dann ein: „Ich bin schockiert. Mein Leben läuft davon!“? – Oder denkst Du: „Toll, jeder neue Tag ist ein Geschenk!“? – Natürlich kannst Du auch „dazwischen denken“: „Viele Jahre sind weg … Aber es bleibt ja noch was.“

    Woran Du wieder einmal erkennen kannst, dass Dein Denken, Deine Bewertungen und Interpretationen, Dein Leben bestimmen. Soweit, so gut – oder auch nicht.

    Aber mit diesem Spruch hat es noch etwas anderes auf sich. Du kannst die Uhr nicht mehr zurückdrehen. 

    Oder wie mein über 80-jähriger Mentor Dr. Wolf Büntig zu sagen pflegt: „Alles, was war, ist genauso gewesen.“

    Dieser Satz, dieses Eingeständnis, dass wirklich war, was geschehen ist, diese radikale Akzeptanz aller Ereignisse und Vorfälle, aller Verletzungen und Traumatisierungen, hat etwas Versöhnliches. Es muss nichts Verzeihendes in sich tragen. Es ist nicht entscheidend, ob Du dem Täter, den Grausamkeiten des Lebens, der Fülle an Ungerechtigkeiten, die über Dich gekommen sein mögen, verzeihst. Du musst keinem vergeben. Das steht Dir gar nicht zu. Das können wir einer spirituellen Energie, einer höheren Instanz, anvertrauen.

    Es geht nur um Dich und Dein (Über-)Leben.

    Der Dalai Lama sagte sinngemäß: Verzeihen ist radikal egoistisch. Damit meint er: Es geht um Dein Gleichgewicht, um Deine Seelenbalance, um Deine innere Freiheit!

    Alles, was war, ist genauso gewesen! Die absolute Anerkenntnis, dass nichts, aber auch gar nichts mehr an Deiner Vergangenheit zu ändern ist, gibt Deinem Leben, gibt Deiner Seele Raum. Du kannst wieder atmen … und loslassen!

    Der Satz „Dieser Tag ist der erste Tag Deines restlichen Lebens“ hat für mich persönlich eine zusätzliche Bedeutung. Im Grunde basiert er auf einer alten Indianerweisheit und heißt im Original: „This day is the first day of the rest of your life.“ 

    Ich war damals 19 Jahre alt, als ich diesen Spruch auf einem Poster fand. Im Hintergrund war ein altes Schwarz-Weiß-Foto zu sehen, wohl aus den 1920er Jahren, auf dem ein Indianerhäuptling sein Boot langsam flussabwärts treiben ließ.

    Damals durchlebte ich meine zweite große Sinnkrise. Die erste überfiel mich schon mit Beginn der Pubertät. Es ging und ging nicht vorwärts. Ich hatte den falschen Beruf gewählt und steckte in einer tiefen Depression. Am liebsten hätte ich mein Leben nochmals von vorn begonnen. Na ja, das wünschen sich sicherlich gar nicht so wenige Menschen … 

    Just in diesem Moment meiner Selbstzweifel fiel mein Blick auf dieses Poster, das ich Monate zuvor an der Innentür des Bades befestigt hatte. Und auf einmal leuchtete mir dessen Sinngehalt bei jeder Morgentoilette immer tiefer ein: Dieser Tag ist der erste Tag Deines restlichen Lebens.

    Ab jetzt nahm ich mir vor, jeden Tag als den Beginn eines neuen Lebens zu betrachten. Unglaublich, manche Gedanken hängen einem tagtäglich vor Augen, und doch sagen sie einem lange Zeit nicht mehr als eine Blümchentapete. Und dann auf einmal macht es „klick“. 

    Bis heute bin ich dankbar, dass mir das Schicksal mit 19 Jahren diese Depression geschenkt hat, denn durch sie habe ich gelernt, auf meine innere Stimme zu achten. 

    Wenn Du beginnst, Deine Lebenserfahrungen – mögen einige auch noch so bitter für Dich gewesen sein – als „vergangen“, als „gewesen“ zu betrachten, kannst Du Dich leichter mit Deinem Leben versöhnen. 

    Auch wenn Du gelernt hast, dass es sich nicht gehört, egoistisch zu sein – sei es jetzt. Dir zuliebe. Sei es Dir wert. Nichts kannst Du an dem verändern, was bis gestern war. Aber Du bist frei zu sagen: „Es bleibt mir der Rest meines Lebens. Und dieser Tag ist der erste davon.“

    Genieße ihn!

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Ganz schön abgehoben

    Reden wir mal über ein (scheinbar) altmodisches Thema: die Demut. 

    Auf den ersten Blick passt dieser verstaubte Begriff so gar nicht in unsere aufgeklärte Zeit. Erinnern wir uns: Zumindest die Älteren haben noch erfahren, dass Demut irgendetwas mit „unterwürfig“, vielleicht sogar mit „kriecherisch“, zu tun hat. Wie der „Diener“ und den „Knicks“, den man uns früher in unserer Erziehung noch beibrachte.

    Zumindest hat es wohl nichts zu tun mit einem selbstbewussten, aufrechten Gang. Wir wollen doch nicht mehr so angepasst sein!

    Ich selber hatte früher gar keinen Bezug zur Demut. Mit zwanzig Jahren war ich ein typischer „68er“. Habe eher die Faust gereckt, als Ja und Amen gesagt. War auf Widerstand gebürstet. Nicht bereit, die Dinge des Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. „NEIN“ wurde mein Lieblingswort. Demut? Was für Schwächlinge. – Ganz schön abgehoben …

    Nun gut, der Lebensfluss hat viele Windungen und Kehren, und irgendwann begegnen wir der Demut ein zweites Mal. Denn Demut ist die Schwester der Dankbarkeit. Demut heißt auch: das Annehmen dessen, was ist. Auch: sich einordnen in die Struktur des Lebens. 

    Wer sich nämlich nicht einordnet, kann in sich verwahrlost, ohne Struktur bleiben. 

    Manche Menschen kennen nur den Mut, aber nicht die Demut. Der Mutige aber, der die Demut nicht kennt, kann tief fallen. Denn Mut ist die Höhe, der Aufstieg zu den „Göttern“. Die Demut ist die Erde, die Dich auffängt im Falle des Scheiterns. Sie gibt Dir Bodenhaftung. Wer die Demut nicht kennt, lebt ganz schön abgehoben. Der Absturz kann tief und hart sein. Wer aber den Mut mit der Demut paart, ist in sich geschützt. Demut ist die Fallschutzvorrichtung in sich selbst.

    Demütig zu sein, fällt gerade in einer Ego-Gesellschaft sehr schwer. Hinzu kommt, dass wir das Leben oft als ungerecht und unbarmherzig empfinden. Manchmal kann das Leben hart, bisweilen sogar rücksichtslos und grausam sein. 

    Ja, das Leben ist ungerecht: Du läufst gegen Türen, an denen „ziehen“ steht. Du willst schnell noch die Schuhe zum Besohlen bringen und entdeckst das Schild „Heute geschlossen“. Du stehst zwei Stunden an der Vorkasse für das Eishockey-Endspiel, und dann heißt es „ausverkauft“. Du bewirbst Dich – und kommst in die engere Wahl. Dann erfährst Du: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wir hätten auch Sie nehmen können, aber …“

    Das Leben ist nicht gerecht. Es war nie gerecht.

    Anzuerkennen, dass dieses Leben sich nie gerecht anfühlen wird, setzt ein hohes Maß an Demut voraus. Wenn Du aber Deinen Lebensweg akzeptierst, auch wenn Du gerade in einer schwierigen Phase angekommen bist, bleibst Du in Deiner Kraft. Und das ist allemal besser, als mit beiden Beinen fest in den Wolken zu stehen.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp