I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Das scheint doch ziemlich klar zu sein. Wenn mich jemand beleidigt, bin ich verletzt. Wenn ich gelobt werde, freut mich das. Wenn in China ein Sack Reis umfällt, lässt mich das kalt.

    Gefühle in mir entstehen anscheinend durch bestimmte Personen oder äußere Ereignisse. Von außen eben. Davon gehen die meisten Menschen aus.

    Ja, dann kann man in der Tat nichts machen. Dann sind Gefühle eben Produkte der Außenwelt. Wir können uns nicht selber steuern, sind somit den Verhaltensweisen und dem Wohlwollen unserer Umwelt völlig ausgesetzt.

    Wenn Du jetzt denkst: „Das kann doch wohl nicht wahr sein?!“ … dann liegst Du richtig. Es ist genau andersherum.

    Wenn A zu B sagt: „Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank!“ hat diese Aussage niemals unmittelbare Auswirkungen auf das Gefühl von B. Warum?

    Vorher finden zwei Prozesse statt:

    B muss die Aussage von A erst einmal wahrnehmen.
    Also hören, was A gesagt hat. Ist B taub, muss er bzw. sie die Bemerkung von den Lippen ablesen können.

    Wenn Du in Kanada in Urlaub bist, und hinter Dir steht ein Grizzly-Bär, den Du nicht wahrgenommen hast, hast Du keine Angst. Wenn Du aber weißt, wie Grizzly-Bären riechen – und Du bekommst einen gewissen Geruch in die Nase … dann …

    Was gehört also dazu, ein Gefühl zu entwickeln?

    Du musst auf irgendeinem Sinneskanal etwas Bestimmtes wahrnehmen.

    Das aber löst immer noch kein Gefühl aus. Es fehlt nämlich noch eine wichtige, zweite Komponente.

    Hierzu ein Beispiel:

    Wenn Du einem kleinen Kind, altersentsprechend, eine Lichtquelle zeigst, und dieses Zeigen mit dem Wort „Lampe“ verbindest, wird es in kurzer Zeit zu vergleichbaren Gegenständen auch sagen: „Lampe“.

    Warum? Es assoziiert. Es bewertet.

    Diese Bewertung ist Teil eines kognitiven, mentalen Prozesses: Das, was ich wahrnehme, formt sich in meinem Kopf, in meinem Verstand, zu einer von mir so gesehenen Geschichte.

    Jeder kennt das Beispiel von der halbgefüllten Flasche: Ist sie noch halbvoll – oder schon halbleer? Was ist sie tatsächlich? – Sie bleibt halbgefüllt. Ob ich sie als „halbvoll“ oder als „halbleer“ betrachte, ist Folge meiner Bewertung.

    Das, was ich über eine Situation, über eine Aussage, über ein Ereignis denke – das entscheidet über das Gefühl, das ich in Bruchteilen einer Sekunde später in mir empfinde.

    Woher kommen die unterschiedlichen Bewertungen?

    Jeder Mensch ist anders – und denkt anders. Die Art und Weise, wie ich über bestimmte Dinge denke, wird von meiner eigenen Lebensgeschichte beeinflusst – und davon, wie ich mich heute, jetzt, in diesem Augenblick, fühle: Kann ich heute Bäume ausreißen? Oder fühle ich mich schlapp und ausgelaugt? Wirken sich Medikamente aus, habe ich Alkohol getrunken, ist mein Biorhythmus oben oder unten? Stehe ich eine Woche im Dauerregen oder tanke Licht und Wärme?

    Was alles auf mich einströmt, beeinflusst ebenfalls meine Gedanken über die momentane Situation, in der ich mich befinde.

    Wenn A also sagt: „Du hast nicht alle Tassen im Schrank!“ … und mir schießt möglicherweise – ganz unbewusst – mein Vater durch den Kopf, der, als ich Kind war, mit erhobenem Zeigefinger vor mir stand und wütend ausrief: „Bist Du noch recht bei Trost?!“ … dann spürst Du wahrscheinlich unmittelbar dieses flaue Gefühl im Magen – so, wie damals.

    Wirklich „unmittelbar“?

    Nicht wirklich: Du entscheidest über die Art und Weise, wie Du jetzt, in diesem Moment, über Deine damalige Situation denkst – und was Du jetzt, in diesem Augenblick, über die Person A denkst. Deine Entscheidung, wie Du jetzt, in diesen Sekundenbruchteilen, bewusst und unbewusst denkst, damit – und nur damit – löst Du Dein Gefühl in diesem Augenblick aus.

    Das heißt also: Du – und nur Du – bist der Meister Deiner Gefühle. Du entscheidest, ob Du Dich jetzt gut oder schlecht fühlst. Denn Dein Gefühl ist Ausdruck Deiner Bewertung, Deiner Sichtweise der Dinge.

    Das klingt hart. Denn es lässt keinen Ausweg zu, den anderen Menschen, die Umstände, die Politiker, die Religionsgelehrten oder den Nachbarn für Deine Gefühle verantwortlich zu machen. Wenn das so wäre, wärest Du das Opfer. Das mag bequem sein, aber: Willst Du wirklich „Opfer“ sein? Oder willst Du Dein Leben, willst Du Deine Gefühle, Deine Sichtweise der Welt, selber bestimmen?

    Sei Dir bewusst: Alles, was Du fühlst, geht durch den Filter Deines Denkens, Deiner inneren Selbstgespräche.

    Es gibt nur wenige Ausnahmen:

    Wenn Du mit nackten Füßen in eine Glasscherbe trittst, hast Du ein Schmerzgefühl, ohne vorher gedacht zu haben.

    Wenn Du Dir harte Drogen einwirfst, hast Du bestimmte Gefühle, möglicherweise den „Horrortrip“, ohne vorher Entsprechendes zu denken.

    Wenn Du in einer endogenen Depression steckst, die durch Stoffwechselstörungen, das heißt durch Substanzverluste im Gehirn, zustande kommt, kannst Du Dich auf einen Schlag niedergeschmettert fühlen, ohne vorher etwas Negatives gedacht zu haben.

    Aber – in fast allen anderen Fällen ist Deine Art des geistigen Umgangs mit den Dingen des Lebens entscheidend für das Gefühl, das Du wählst.

    Ja, Du wählst Dein Gefühl. Spürst Du, welche Macht Du hast?

    Früher war es allgemeiner Sprachgebrauch, von einem Menschen, der ganz in sich gesammelt war, zu sagen: „Der hat eine stoische Ruhe.“ Junge Leute kennen den Begriff heute kaum noch.

    Die „stoische Ruhe“ kommt von den Stoikern. So hießen die Mitglieder einer Philosophenschule, der Stoa, die ca. 300 vor unserer Zeitrechnung in Athen gegründet wurde, ihre größte Ausstrahlung aber in Rom zur Zeit um Christi Geburt besaß. Bekannte Stoiker waren Marc Aurel, Seneca,
    Epiktet und andere.

    Die Stoiker legten großen Wert darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen. Das heißt also auch, für ihre eigenen Gefühle verantwortlich zu sein.

    So brachten sie beispielsweise ihren Kindern schon frühzeitig bei, dass jeder Mensch über sie denken könne, was er wolle. Wenn Du aber – quasi mit der Muttermilch – schon jedem anderen die Freiheit gibst, über Dich denken zu können, was er will … was geschieht dann, wenn später jemand
    zu Dir sagt: „Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank!“?

    Jeder kann über Dich denken, was er will! Also kannst Du freundlich bleiben und, wenn es Dich
    interessiert, lächelnd erwidern: „Mein Freund, dann sag mir mal: wieso?“

    Der Stoiker Marc Aurel sagte: „Die Welt ist das, was unsere Gedanken aus ihr machen.“ So, wie Du denkst, wirst Du Dich fühlen. Es steht Dir frei.

    Dies ist allerdings kein Plädoyer für das oft propagierte „positive Denken“.

    Positives Denken hat nur dann Sinn, wenn Du wirklich im tiefsten Inneren von dem überzeugt bist,
    was Du denkst. Es wird Dir nichts nützen, zu denken: „Ich fühl mich von Tag zu Tag immer besser und besser,“ wenn Du Dich gleichzeitig alt und ausgebrannt fühlst. Entscheidend ist immer, ob Du
    wirklich daran glaubst, was Du denkst. Im Englischen spricht man von „beliefs“, von Gedanken, an die ich glaube.

    Die Stoiker haben es uns vorgelebt: Für die Gelassenheit und Ruhe im Augenblick, für die Annahme dieses Lebens, für das Gefühl, mit dem wir jeden Morgen aufstehen und uns durch den Tag bewegen, sind weitestgehend wir selbst verantwortlich. Das macht uns so reich an Einflussmöglichkeiten über uns und unser Leben.

    Natürlich sind die Zeiten heute andere als zur Blütezeit der Stoa. Aber dennoch: Warum sollten wir die Macht über unsere Gefühle aus der Hand geben, wenn wir sie durch unser Denken beeinflussen und steuern können?

    Ein chinesisches Sprichwort besagt:

    „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über Deinem Haupt
    fliegen, kannst Du nicht ändern.
    Doch kannst Du verhindern, dass sie Nester in Deinem Haar
    bauen.“

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Ein schönes Beispiel dafür, dass es keine Altersgrenze gibt, mehr Mut im Leben zu
    entwickeln, zeigt folgende Geschichte:

    Eine 75-jährige Dame, teilweise gelähmt und auf eine Gehhilfe angewiesen, war
    Teilnehmerin an meiner experimentellen Untersuchung zur „Sozialen Kompetenz im Alter“. Zur Verbesserung der inneren Selbstgespräche und zum Aufbau von Mut und Selbstvertrauen hatte sie den Satz „Ich schaff es schon!“ durch verschiedene Methoden im Unterbewusstsein verankert.

    Ein halbes Jahr nach Ende des Kurses sah ich sie wieder. Ich fragte sie: „Was macht Ihr Satz: Ich schaff es schon!?“

    Darauf antwortete sie: „Der heißt nicht mehr „Ich schaff es schon!“ Der heißt nur noch „Schaffscho!“

    „Was heißt denn „Schaffscho“?“

    „Also,“ lächelte sie, „es war ein schöner Sommertag. Ich bin spazieren gegangen und habe mich an der Natur und an der Sonne erfreut. Auf einmal stellte ich fest:
    Du bist ja so weit weg von Zuhause wie seit Jahren nicht mehr. Da bekam ich einen Schreck. Aber aus meinem Inneren kam der Satz: Ich schaff’ es schon. Diesen Satz hatte ich ja gelernt! Und im Nu hatte ich keine Angst mehr. Ja, und dann habe ich mir vorgestellt: Du bist eine alte Dampflokomotive! Aber die hat ja Kraft, die kann ja ziehen … und dann bin ich einfach „angefahren“ – so, wie die Dampflok immer schneller fährt: Ich schaff es schon, ich schaff es schon, ichschaffesschon, ichschaffschon, schaffscho, schaffscho, schaffscho …

    Was soll ich Ihnen sagen – mir ist noch nie ein Weg so leicht gefallen wie dieser.“

    Das „Schaffscho“ war also die Verkürzung des Ausgangssatzes, bei dem die ältere
    Dame die Bewegung der Pleuelstangen, die die Räder der Dampflok verbinden, immer schneller nachahmte.

    Ein halbes Jahr später traf ich sie zum letzten Mal. „Na, was macht denn Schaffscho?“  „Brauch‘ ich nicht mehr,“ antwortete sie verschmitzt, „ich mach‘ jetzt nur noch … so!“ Und dabei stieß sie ihre beiden Fäuste kurz nach vorn. Das war die verkürzte Bewegung der Pleuelstangen. Die ältere Dame hatte ihren Anker immer weiter reduziert auf eine kurze Armbewegung hin.

    „Wissen Sie was, Herr Rupp, Sie können es mir glauben oder nicht … wenn ich so mache, also kurz beide Fäuste nach vorne stoße, bin ich topfit!“

    Ich finde es einfach toll, wenn Menschen es sich selbst wert sind, immer weiter und
    weiter an sich zu arbeiten, neue Dinge zu erfahren, und ihren Mut und Glauben
    an sich selbst immer wieder aufs Neue zu erproben.

    Diese experimentelle Untersuchung zum Thema „Soziale Kompetenz im Alter“ mit über hundert allein lebenden Frauen über 60 Jahren zeigte, dass auch ältere Menschen erstaunlich viel Selbsthilfepotential aktivieren können. Mehr Mut und gesteigertes Selbstvertrauen führten zu eindeutigen Verbesserungen. Sie litten weniger an Depressionen, knüpften leichter Kontakte, lernten „nein“ zu sagen und konnten sich im Alltag besser durchsetzen.

    Aus: „Das Sternum Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben“ (ISBN: 978-3938270028).

  • Es gibt soviel Güte und Wärme zu entdecken, dass wir, wären wir nicht so blind, einen unermesslichen Reichtum einatmen könnten.

    Dies gilt nicht nur für Verliebte, die sich nicht satt sehen – oder, sagt man nicht besser: satt trinken? – können an und in den Augen des Anderen, die sich in ihrer Verliebtheit in den funkelnden und strahlenden Augen-Blicken des geliebten Partners unsterblich wiederfinden …

    Augen sind das Spiegelbild der Seele. Manche Augen-Blicke vergisst man sein Leben lang nicht.

    Mindestens einmal im Jahr entrinne ich der Hektik des Alltagslebens, indem ich die Benediktiner-Abtei St. Josef in Gerleve bei Münster aufsuche. In diesem Kloster habe ich mich seit jeher wohlgefühlt. Als ich zum erstenmal diesen Weg zur Innerlichkeit suchte, wurde ich auch dem Abt des Klosters vorgestellt. Dies geschah kurz vor dem gemeinsamen Mittagsmahl, als alle Patres und Fratres in demütiger Ordnung und schweigend vor dem Abt in die Mensa, den Speisesaal, schritten.

    Abt Clemens hatte die Augen als Zeichen seiner inneren Sammlung und Kontemplation Niedergeschlagen.

    Kurz vor dem Erreichen der Türe unterbrach der Gäste-Pater sein andächtiges Schreiten: „Darf ich Ihnen vorstellen: Herr Rupp, ein neuer Gast.“

    Was nun geschah, bleibt für immer in meinem Herzen verankert.

    Abt Clemens hob seinen Kopf und änderte mit dem ersten Augen-Blick, der meine Augen berührte, auch seine innere Haltung. Im Bruchteil einer Sekunde traten seine Augen aus der Versenkung heraus und nahmen mich, den Fremden, erstaunt und liebevoll wahr. Auf eine Weise wahr, als könne man einen inneren Schalter betätigen, mit der das Licht in den Augen, „angeknipst“ würde. Von einem auf den anderen Moment stand ich im Licht seiner Augen.

    Als sich seine Augen weit öffneten, und für etliche Sekunden in den meinen verweilten, strahlten sie eine Liebe und Güte aus, die mir in meinem ganzen Leben von einem Unbekannten noch nie zuteil wurden.

    Das irritierte und veränderte zur damaligen Zeit alles, was ich über Körpersprache, über die psychologischen Momente eines ersten Aufeinandertreffens, gehört, gelesen und erfahren hatte. Wie kann ein Fremder einem Fremden auf diese Weise begegnen? 

    Wie kann ein Mensch, der den anderen nicht kennt, ihn noch nie gesehen hat, ohne ihn den Bruchteil einer Sekunde abzuschätzen, einzuschätzen, eine solche Liebe verströmen?

    Ich war bis ins Mark getroffen. Womit hatte ich eine solche Liebe und Güte verdient?

    Ich hatte doch nichts geleistet, ich war doch gerade erst … hier! Ich bin doch nur – da! Ein „normaler“ Mensch, der nichts Außergewöhnliches vorweisen kann.

    In diesen Sekunden, in denen sich unsere Blicke – nein, unsere Herzen trafen, wurde mir schlagartig bewusst: Wir alle sind Teil einer großen, ewigen Seele, die uns alle vereint. Die uns nicht trennt, die uns alle teilhaben lässt an dieser einzigen,  großartigen göttlichen Symphonie.

    Als seine weiten, offenen Augen mir diese Liebe sandten, wurde mein Weltbild erschüttert. Freiheit und Abgrenzung waren mir bis zu diesem Zeitpunkt das Wichtigste im Leben. Jetzt, in diesem Moment, in diesem Augen-Blick, wurde tief in mein Herz geschrieben: Liebe, Demut und Weisheit sind die wichtigsten Gaben, die Gott uns auf den Weg gegeben hat.

    Als sich seine Augen nach vielen Sekunden, die mir wie eine kleine, kostbare Ewigkeit vorkamen, wieder nach innen kehrten, und er seinen Weg in den Saal fortsetzte, war mir bewusst: Ich wurde reich beschenkt.

    Kein einziges Wort wurde gewechselt, kein Zeichen war nötig außer diesem Leuchten der Augen, das dem Leuchten der Seele entspringt. Später habe ich mich mit den Regeln des Heiligen Benedikt
    befasst. So konnte ich dankbar nachvollziehen, was geschehen war. Wie in den Regeln steht, soll auch der Abt sich jedem Gast „zu Füßen werfen“, da ihm in Gestalt eines Fremden Jesus Christus selber begegnet.

    Was ich zutiefst erfahren habe: Es gibt kurze, unauslöschliche Augen-Blicke im Leben, die Botschaften des Himmels sind.

    Und: Die wahren Werte des Menschseins sind tief in den Schatzkammern unserer göttlichen Seele geborgen. 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Einmal im Monat treffen wir uns zu einem philosophisch-spirituellen Abend. Der Abend, an dem ich den „Erleuchtungsteppich“ kennen lernte, war ein ruhiger Spätnovembertag. Wir saßen im Wintergarten zusammen. Draußen steht ein knorriger Walnussbaum, dessen Früchte Herbst für Herbst die Eichhörnchen einsammeln, im Schein einer Außenleuchte. Leicht entrückt schaute ein Freund unentwegt nach draußen.

    Was keiner von uns bemerkt hatte, formulierte er zwei Stunden später wie folgt:

    „Ich schaue die ganze Zeit auf die zwei Blüten zwischen Lichtquelle und Baum.“

    Wir alle hatten sie nicht wahrgenommen, nicht beachtet, oder nicht wertgeschätzt. Zwei wunderschöne blaue Blüten gegen Ende November, draußen, wo die Natur sich auf den Winter eingerichtet hat.

    Unser Freund fuhr fort: „Das sind für mich „Erleuchtungspunkte“.

    Mein Zen-Lehrmeister spricht immer von Erleuchtungsknoten. Er sagt: Sei achtsam und entdecke die kleinen Dinge des Alltags. Nimm alles das, was Dich erfreut, was Dein Herz beseelt, Dich lächeln oder staunen lässt, als einen Erleuchtungspunkt in Deinem Leben an. Knüpfe jeden Erleuchtungspunkt in die Grundlage, die Grundausstattung Deines Lebens ein. So entsteht im Laufe der Zeit Dein ganz persönlicher Erleuchtungsteppich. Knoten für Knoten entsteht das Muster Deines Lebens. Sei achtsam, und Du wirst im Hier und Jetzt viele Erleuchtungspunkte finden, die Dich das Leben mit anderen Augen und einem erfüllten Herzen sehen lassen.“

    Die beiden zarten Blüten, die unser Freund achtsam wahrnahm, waren zwei Blüten des blauen Eisenhuts (lateinisch: Aconitum napellus), die er nun in seinen Erleuchtungsteppich einknüpfen konnte.

    Das alles beeindruckte uns sehr, und wir fragten ihn, wie er denn im Alltag so viele Erleuchtungspunkte finden könne, dass am Ende seines Lebens ein stattlicher Erleuchtungsteppich gewebt sein könnte.

    Darauf erwiderte er: „Jeden Morgen, schon bevor ich zum Dienst gehe, nehme ich mir vor, fünf Erleuchtungspunkte zu sammeln. Das kann der Morgentau auf den Feldern sein, eine Blume am Wegesrand, ein Sonnenstrahl, der scherenschnittartige Schatten wirft, ein wundervoller Gedanke, ein Gebet, eine harmonische Melodie, das Lachen eines Kindes auf dem Weg zur Schule, die
    Stille eines Augenblicks. Es gibt soviel zu entdecken, was unser Leben bereichert. Wir müssen nur hinschauen. Erleuchtungspunkte gibt es ohne Zahl.“

    In herzlicher
    Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Stell Dir vor, Du sitzt in einer lauen Sommernacht an einem Strand. Über Dir der leuchtende Sternenhimmel.

    Und während Du da sitzt und schaust, entdeckst Du am Nachthimmel einen Stern, der heller leuchtet als die anderen. Während Du schaust, wird die Intensität, mit der er sein Licht verbreitet, immer größer.

    Du spürst – soweit er von Dir auch entfernt sein mag –, dass er Dir mit seinem Strahlen immer näher kommt. Ja, jetzt strahlt er mitten in Dein Herz.

    In dieser Verbindung schenkt er Dir die Kraft und erleuchtet Dein verborgenes Inneres.

    Am nächsten Morgen machst Du Dich auf eine Wanderung. Es zieht Dich in die Nähe eines Berges. Du gehst über sehr viel Geröll… Deine Füße spüren jeden Stein, auf den Du trittst. Trotz dieser Schwierigkeiten steigst Du weiter den Berg hinauf bis zu einer Ebene unterhalb des Gipfels. Du bist jetzt auf einer Wiese angekommen und legst eine Pause ein.

    Du siehst Blüten, die sich sanft im Wind bewegen. Nicht weit entfernt nimmst Du raue und verdorrte Pflanzen und Gewächse wahr.

    Gewachsenes und Zerfallenes an diesem Berg, auf dessen Weg zum Gipfel Du Dich jetzt gerade
    befindest.

    Auf einmal wird Deine Aufmerksamkeit auf etwas gelenkt, was Du hier, an dieser Stelle Deiner Wanderung, nicht erwartet hast: Etwas, das sich anhört, als ob ein Kind ganz leise, fast stumm, vor sich hin leidet und weint. Du gehst diesem leisen Wimmern nach – und jetzt siehst Du dieses Kind. Ängstlich und traurig, eingewickelt in eine Decke. Unter seinen Windeln trägt es viele Verwundungen, Narben und Verletzungen. Wie oft schon ist es lieblos behandelt worden, hat Entbehrungen erlitten, keine Geborgenheit verspürt.

    Und wie Du es betrachtest, wird Dir bewusst, dass dieses Wesen Dein eigenes inneres verletztes Kind ist. Das innere Kind in Dir, das Du so oft nicht wahrgenommen hast, weil Dir die Kraft fehlte und Du lieber weggesehen hast, um Dein eigenes Leid nicht wahrnehmen zu müssen.

    Das innere Kind in Dir, das Du so oft nicht wahrgenommen hast, weil Dir die Kraft fehlte und Du lieber weggesehen hast, um Dein eigenes Leid nicht wahrnehmen zu müssen.

    Jetzt aber spürst Du wieder die Verbindung zum Stern, der in jener Nacht am leuchtenden Sternenhimmel immer heller strahlte und Dein Herz zum Leuchten brachte.

    Berührt von diesem inneren Leuchten traust Du Dich jetzt, dieses verletzte innere Kind behutsam in Deine Arme zu schließen.

    Du trägst es auf Deinen Händen zu einer sprudelnden Quelle ganz in der Nähe. Du spürst Deine
    Bereitschaft, für dieses innere Kind die Verantwortung zu übernehmen. Aus der Quelle sprudelt heilendes Wasser, das Du nun über alle seine Verletzungen träufelst.

    Es schaut fast ein wenig erstaunt, und Du empfindest intensiv, wie Du ab jetzt Dein inneres Kind nähren kannst. Ihr werdet nun miteinander den weiteren Lebensweg bestreiten. Du begleitest Dein inneres Kind zu einem kleinen Bächlein, das aus der Heilquelle entspringt und in kleinen Kaskaden bergabwärts fließt.

    Mit leichtem Herzen geht Ihr zu zweit den Weg vom Berg wieder ins Tal zurück.

    Geh eine Weile diesem Gefühl nach, Dein ängstliches, verletztes inneres Kind entdeckt, angenommen und geheilt zu haben. Spüre eine Zeitlang hinein, welche Gefühle Dich auf diesem Weg begleiten – zu dieser Phase Deiner Reise, ganz im Hier und Jetzt.

    Und während Ihr zwei gemeinsam und unzertrennlich wieder am Ausgangspunkt, am Strand, angekommen seid, sendest Du einen dankbaren Gruß zu jenem Stern, der immer heller geleuchtet hat, bis er seine Strahlen mitten in Dein Herz aussenden konnte.

    Das Bächlein aber ergießt sich in die Weite des Meeres und nimmt den Rest aller Verwundungen, Narben und Verletzungen mit sich. Alles Heilsame durchströmt Deine Zellen und lässt tiefen inneren Frieden in Körper, Geist und Seele einkehren. Jetzt und für alle Zeit.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp 

    Imaginationsübung nach einer Idee von Dieter Hoff (Diplom-Psychologe, Münster)

  • Bis vor einiger Zeit sprach ich immer – wie es auch bei vielen anderen Autoren zu lesen ist – von
    „Loslassen“. Wer loslässt, hat die Hände frei. Mir ist aber klar geworden, dass „Loslassen“ mit Kraftaufwand zu tun hat. Es ist wie dieses Tau in meinen Händen, das ich festhalte und meine Haut verletzt, sobald ich es durch meine Hände gleiten lasse. Veränderung, Wandlung geschieht weniger durch Kraftaufwand, sondern „geschieht“ im Vertrauen darauf, dass mein Herz meine
    Sehnsucht kennt und weiß, wo das Land meiner Bestimmung liegt.

    Statt des Begriffes „Loslassen“ habe ich die beiden Worte „Sein lassen“ sehr schätzen gelernt. Sein lassen. Let it be – wie es die Beatles besangen.

    „Sein lassen“ klinkt unangestrengt, fast mühelos. Einfach sein lassen…

    Die „Brüllaffen“ des Lebens hinter sich lassen. Sich von der Sprache des Herzens führen lassen. Sich öffnen. Vertrauen. Lieben.

    „Sein lassen“ heißt, dem Seelenfrieden Raum zu schenken. Zu atmen. Tief zu atmen. Den offenen Raum in sich zu spüren. Im „Sein lassen“ das Eins-sein erahnen. Das hat für mich etwas
    von gelebter (und geliebter) Mystik.

    Was will jetzt, im „Sein lassen“, gelebt werden? Ist es die Sehnsucht, der Aufbruch, die Wandlung?

    Draußen im Garten haben die Forsythien zu blühen begonnen, heute legt sich ein leichter Schneeregen darüber. Die Neugeburt der Natur, Wandlung und Aufbruch, die Ouvertüre des
    Frühlings… Wir sollten die Angst vor den Häutungen des Lebens „sein lassen“. Wer reifen will, hält nicht fest.

    Lassen wir es „geschehen“.
    Genießen wir das Hier und Jetzt. Öffnen wir uns dem wichtigsten: der Weisheit eines authentischen Lebens.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Was heißt das eigentlich: „Außer Rand und Band?“ Jeder hat schon einmal Aussagen von Menschen gehört, die – wie vom Blitz getroffen – aus Freude, aus Überraschung oder aus Betroffenheit ausrufen:

    „Ich bin völlig aus dem Häuschen!“
    „Ich bin fassungslos!“
    Man muss sich diese Worte einmal durch Geist und Seele gehen lassen:

    „Jetzt bin ich aus dem Häuschen!“ heißt doch: Ich bin aus dem Rahmen des Üblichen gefallen, habe
    meinen Halt verloren, mein Koordinatensystem stimmt nicht mehr… ist im wahrsten Sinne des Wortes „ver-rückt“. Alles, was mich bisher gehalten hat, meine Maßstäbe, Normen, mein gesunder Menschenverstand, meine Sichtweise der Welt, ist ver-rückt, zur Seite gerückt, nicht mehr an dem Platz, an dem es immer war.

    „Ich bin fassungslos!“ heißt so viel wie: Ich habe meine Fassung verloren, die Birne ist nicht mehr in der Verschraubung, sie hängt freischwebend im Raume, alles, was mir bisher Stabilität gab, ist weg. Der Boden unter den Füßen fehlt.

    Aus dem Häuschen sein, aus dem Rahmen fallen, aus der Reihe tanzen, völlig losgelöst sein… sind ausgesprochen nützliche Begriffe, für die ich der deutschen Sprache sehr dankbar bin. Da haben kluge Köpfe passende Worte für ein Lebensgefühl gefunden, aber: Dürfen wir „außer Rand und Band“ sein? Dürfen wir „aus dem Rahmen fallen“? Wir dürfen es nicht nur, wir sollten es!

    Wer immer im selben Rahmen bleibt, verwickelt sich. Wer sich auf eine Sache versteift, versteift an
    Körper, Geist und Seele.

    Stell Dir das Leben vor wie einen Weg mit Leitplanken: Wer aus Angst, vom Weg ab zu kommen, immer in der Mitte bleibt, der kann sich selbst nicht erfahren.

    Wer mit Scheuklappen durchs Leben geht, bleibt eng und starr und furchtsam. Er bleibt im wahrsten
    Sinne des Wortes „mittel-mäßig“.

    Die Mitte muss sich der Mensch erarbeiten. Dabei sollte er schon mal vom Weg abkommen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

    Wer keine Angst vor den Grenzen, vor den Leitplanken, vor den bisherigen Rändern seines Lebens hat… wer schon mal (legal!) über Grenzen geht… wer Neuland betritt… der lebt intensiver.
    Nur wer Ungewohntes wagt, ent-wickelt sich.

    Wer neugierig auf die Polaritäten seines Lebens ist, sie erfährt und integriert, der kann in und aus
    seiner Mitte leben.

    Der genießt und akzeptiert jeden Zentimeter seines Lebensweges. Zur einen und zur anderen
    Seite, im Rückspiegel und nach vorn.

    Der ist offen für Wandlungen. Auf dem Weg eines gelungenen und reichen Lebens.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp    

    Aus: „Das Sternum-Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben“ – Dr. phil. Georg Rupp (Macht Sinn GbR, 1. Auflage 2004, ISBN 978-3938270028, Preis 29,80€)

  • Friede im Herzen

    Stell Dir vor, Du bist draußen in der Natur. Es ist eine laue, warme Sommernacht. Über Dir strahlt ein sternenklarer Himmel. Du spürst den Zauber des Augenblicks. Du wandelst unter dem Sternenzelt und gelangst zum Ufer Deines Lebensflusses.

    Hier und Jetzt, am Ufer Deines eigenen Lebensstromes siehst Du kleine, erleuchtete Boote, die auf sanften Wellen ganz langsam an Dir vorüberziehen.

    Sie haben sich auf eine große Abenteuerfahrt begeben. Auf die besondere Fahrt zu Deinem Herzen – und durch Dein wunderbares, großes Herz hindurch.

    Jedes Boot hat seine eigene Aufgabe. An Deck ist als Passagier jeweils ein ganz persönliches Gefühl von Dir. Du siehst Boote, die ein wunderschönes, tiefes Gefühl zu Deinem Herzen tragen.

    Aber ebenso entdeckst Du auf einigen Booten verborgene Seiten Deines Inneren, Deine Schattenseiten.

    In einem Boot fahren alle Deine Ängste. Du siehst, wie sich dieses Boot auf Deinem Lebensfluss durch eine Enge zwängt. Und auch Dein Herz wird enger, sobald dieses Boot Dein Herz durchkreuzt.

    Aber ist es nicht so, dass Dein Herz um diese Ängste weiß?! Und schon spürst Du, wie sich Dein wissendes Herz wieder weitet.

    In den nachfolgenden Booten fahren alle Deine Schattenseiten, Deine „Kellerkinder“: Deine große Traurigkeit, Deine Zweifel, Dein fehlendes Vertrauen, Deine quälenden Schuldgefühle, Deine tiefen Verletzungen und noch nicht verheilten Wunden, Deine eingegrabene Wut, Dein unüberwindbarer Groll…

    Immer wieder passieren sie die engen Schluchten in Deinem Herzen. Eines nach dem anderen.

    Du schaust genau hin – und lässt all die Boote friedlich an Dir vorüberziehen. Viele Geschichten
    und Erfahrungen Deines Lebens ziehen an Dir vorbei. Alle Boote lässt Du in Frieden ziehen und bleibst im Vertrauen ganz nah bei Deinem wissenden Herz.

    Ja, Du nimmst all die Boote dankbar und in Liebe an als wesentliche Teile Deiner selbst. Alle
    Boote und alle Passagiere gehören zu Dir. Alles bist Du. Und Du weißt es jetzt, in diesem Moment und für alle Zeit.

    Und wie Du Dein Herz in tiefer Dankbarkeit darin unterstützt, sich immer freier zu öffnen und
    zu weiten, siehst Du, wie ein hell erleuchtetes Boot mit Deiner Liebe zu Dir, zu Deinen Nächsten, Deinen Freunden und Deiner Familie an Dir vorüberzieht.
    Friedlich zieht es seine Kreise. Liebe und Vertrauen weiten Dein Herz und lassen es leicht werden.

    Tief in Dir spürst Du das Licht und die Wärme Deines Herzens, wie es gerade eben Deine Seele berührt.

    Dein Lebensstrom fließt friedlich und leicht durch Dein Herz. Und so kannst Du nun Deine Hände
    auf Deinen Herzraum legen – und dabei gleichmäßig tief aus- und einatmen… und aus… und ein…

    Liebe durchströmt Dich durch und durch.

    Alles wird hell in Dir und um Dich herum.

    Gelassen und mit Zuversicht in Deinem Herzen siehst Du, wie die Boote mit all Deinen erlösten
    Schattenseiten im Herzen vor Anker gehen. Es folgen alle Boote mit Deiner Zuversicht, Deiner großen Liebe und Deinem Vertrauen. Auch sie werfen Anker und legen am Ufer Deines Herzens an. Alles ist hell und weit in Dir. Du bist angekommen in Dir selbst.

    Alle erlösten Gefühle und alle Gefühle, die Dich in Deinem Leben getragen haben und immer tragen werden, haben nun in Deinem Herzen einen weisen Platz gefunden. Nichts verengt das Herz – alles ist frei und weit und offen. Alles fließt – und innerer Friede kehrt ein in die Mitte und Tiefe Deines Herzens.

    Lass all das geschehen, lass es so sein. Atme ruhig weiter in Dein lichterfülltes und lichtdurchflutetes Herz.

    Stell Dir vor, Du stellst nun viele Lichter am Ufer Deines Lebensflusses auf. Du spürst eine tiefe Dankbarkeit in Dir für die reiche Erfahrung, die Du hast machen dürfen.
    Fülle Dein großes Herz mit all Deinem Licht, Deiner Liebe und Deiner Weisheit – und bringe es zum Leuchten.

    Nun bleibe in dieser Dankbarkeit mitten in Deinem Herzen. Höre gut zu, was es Dir sagt und welche Botschaft es Dir für Deinen weiteren Lebensweg sendet. Bleibe mitten im Fluss Deines Lebens, frei, lebendig, demütig und dankbar – jetzt und für alle Zeit.

    Spüre zum Abschluss tief in Dich hinein, ob Du jederzeit Deine Boote wieder in Deinem Herzen begrüßen kannst. 

    Und dann komm langsam, auf Deine eigene Art und Weise, wieder in das Hier und Jetzt zurück.

    Claudia Rupp

    Diplom-Sozialpädagogin    

  • Einst fragte ein Junge seinen Großvater, wie denn die Perlen entstehen, die so wunderschön in der Sonne glänzen.

    Der Großvater antwortete, dass die Muscheln am Meeresboden liegen und sich ab und zu öffnen, um Nahrung aufzunehmen und die Schönheit des Lebens zu sehen. Wenn dabei ein kleines Sandkorn in das Muschelgehäuse gelangt, umhüllt die Muschel es Schicht für Schicht, da ihr Körper so weich und verletzlich ist, bis schließlich eine wunderschöne Perle entstanden ist.

    So ergeht es auch uns Menschen, erzählt der Großvater weiter. Wenn wir uns aus Angst vor Schmerzen nicht für den Reichtum und die Schönheit des Lebens öffnen, bleibt unser Leben arm und leer. Doch jeder, der selbst Schmerzen erlitten hat, wird zu seinen Mitmenschen barmherziger und liebevoller sein.

    Darum, mein Junge, öffne Dein Haus weit und vertraue Dich dem Leben an, und wenn der Schmerz in Dich dringt, nimm ihn an und verwandle ihn in eine Perle, die unvergänglich ist.

    Es ist nicht wichtig, was Dein Schicksal ist, sondern wie Du es meisterst.

    Verfasser unbekannt

  • Christian (selbstständiger IT-Berater, 45 Jahre) kam zu mir ins Einzel-Coaching. Es klingt paradox, aber er hatte zu viel Erfolg. Seine neue Geschäftsidee, die er zwei Jahre zuvor umgesetzt hatte, schlug so gut ein, dass er in 24 Monaten bereits 15 Mitarbeiter einstellen musste. Das schmeichelte seinem Unternehmer-Ego, hatte ihn allerdings viel Kraft gekostet. Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt müde, schlapp und ausgebrannt. Nahe am Burn-out.

    Als er vor mir saß, sagte er mir: „Ich verzettele mich. Ich kann die Prioritäten nicht festlegen. Das Management nach innen macht mir keinen Spaß, dieses Arbeits-Controlling. Ich sehe mich mehr als Außenminister. Pressearbeit, Vorträge halten und natürlich neue Kunden gewinnen – das alles macht Freude.

    Andererseits kann ich aber auch schlecht loslassen. Ich habe Angst vor Kontrollverlust. Ich bin keine 30 mehr. Ich merke zunehmend mein Alter. Ich kriege das nicht auf die Reihe. Ich mache fünf Dinge gleichzeitig. Nein sagen geht auch ganz schlecht. Wofür mache ich das?“

    Ich spiegelte ihm, dass Menschen, die fünf Sachen gleichzeitig machen, völlig in Auflösung sind und sich keiner Sache mehr konzentriert hingeben können. Hingabe setzt die Zentrierung auf eine Mitte voraus. Ich muss nicht Mutter Teresa sein, um mich hingebungsvoll einer Tätigkeit widmen zu können. Auch die Selbstfürsorge und Selbstliebe spielen eine große Rolle. Wenn ich nicht sorgsam mit mir selbst umgehe, wie kann ich dann meine Liebe, mein Herzblut, meine schöpferische Kraft in mein Handeln fließen lassen?

    Heute, drei Jahre nach diesem Coaching-Prozess, hat Christian in seiner Firma eine zweite Führungsebene eingebaut, gönnt sich mehr Freizeit, wirkt wesentlich vitaler und auch jünger.

    „Ich habe gelernt“, sagt er, „dass Erfolg im Beruf oft nur eine einseitige Befriedigung gibt. Ich bin immer noch erfolgreich, aber in einem überschaubaren Rahmen.
    Meine Frau war richtig glücklich, als ich mich entschieden hatte, nicht zu expandieren. Mittlerweile arbeitet sie in meinem kleinen Unternehmen mit, wir sind uns nahe und haben noch viele Pläne für die Zukunft. Aber mit Augenmaß.
    Lieber etwas weglassen, als uns zu viel vorzunehmen.

    Ich bin zwar immer noch ein Kopfmensch, das kann ich nicht leugnen. Aber ich treffe keine Entscheidungen mehr, ohne auch mein Herz zu befragen. Danke für die Wegbegleitung.“

    Wer könnte den Inhalt eines Coachings zutreffender beschreiben als Johann Wolfgang von Goethe in seinem Briefwechsel mit Bettina von Arnim:

    „Finde Dich, sei Dir selber treu, lerne Dich verstehen, folge Deiner Stimme, nur so kannst Du das Höchste erreichen.“

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp