I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.
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Der alltägliche Narzissmus
Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Dass die Vögel des Kummers und der Sorge über Deinem Haupt fliegen, kannst Du nicht ändern. Doch kannst Du verhindern, dass sie Nester in Deinen Haaren bauen.“
Was mit so blumenreichen Worten daherkommt, ist die erfrischende Erkenntnis, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen, nicht so Vieles an sich heranzulassen, sich besser abgrenzen zu können. Vor allem aber: sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.
Das war für eine Patientin ein Riesenproblem.
Sarah (Name geändert), achtzehn Jahre jung, möchte nämlich von allen Menschen, die ihr wichtig sind, geliebt werden. „So, wie ich bin!“ sagt sie mit leichtem Trotz in der Stimme. An der Betonung ihrer Worte erkenne ich, wie wichtig ihr die Akzeptanz durch ihr soziales Umfeld ist. Wenn ihre Mutter eine kritische Bemerkung fallen lässt, kann Sarah laut werden. Sehr laut. „Wer Kritik äußert“, davon ist sie überzeugt, „akzeptiert mich ja nicht so, wie ich bin.“
‘Prinzessin auf der Erbse‘ denke ich. Und: ‘Der alltägliche Narzissmus nimmt immer mehr zu.‘
Gut, mit achtzehn Jahren ist man noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Da wird das Leben schon noch den Schleifstein hervorholen. Nur, wenn ich das der Sarah so klar sagen würde, bekäme sie mit mir als ihrem Therapeuten wahrscheinlich ein Beziehungsproblem. Also frage ich sie:
„Geht die Welt unter, wenn Sie jemand nicht so akzeptiert, wie Sie sind?“ Und: „Kann jemand, der nicht alles und jedes an Ihnen akzeptiert, Sie dennoch mögen?“ Weiter: „Halten Sie es für grundsätzlich denkbar, dass Sie sich eines fernen oder näheren Tages auch mit Ihren sämtlichen Macken anfreunden könnten? Und wäre ein Teil von Ihnen nicht sogar erleichtert, wenn Sie eines fernen oder näheren Tages zu sich sagen könnten: Scheiß drauf. Ich lass mich jetzt so, wie ich bin?!“ – Sarah lacht.
Ich greife in die therapeutische Humorkiste: „Soll nicht sogar der liebe Gott am siebten Tag nach der Erschaffung seiner Welt gesagt haben: ‘Fertig! Morgen ist Abgabe! Ich lass sie jetzt so!?‘“
Lachen ist Angstfreiheit. Und Humor der schönste Weg, die Dinge des Lebens von der lockeren Seite zu betrachten. Die Verkrampfungen im Gehirn zu lösen. Mehr Leichtigkeit zu spüren.
Helfen kann dabei auch die Anwendung der sogenannten Trance-Sprache. Denn die kann der rationale Verstand nur ganz schlecht begreifen. Ich fahre also fort:
„Und, Sarah, was meinen Sie? Wie viel leichter ist Ihr Leben, wenn Sie jetzt beginnen, als realistisch denkender Mensch zu sagen: ‘Soll doch jeder von mir halten, was er will. Ich bin doch nicht so blöd und zieh mir das an!‘ – Und kann die empfindsame ‘Prinzessin auf der Erbse‘ die Erbse (= Blockade) nicht einfach wegstoßen, und die Gelassenheit und Ruhe unmittelbar genießen, die sich sofort einstellt, wenn Sie die Verantwortung für Ihre Gefühle übernehmen?! Und die umso stärker wird, je mehr Sie sich abgrenzen und bei sich selbst bleiben?! Was Ihnen jetzt schon so gut gelingt, dass Sie über sich selbst sehr erstaunt sind, dass es Ihnen nicht schon viel früher so gut gelang. Ja, fühlt es sich nicht wie ein ganz neues, freies und leichteres Leben an, wenn Sie ab jetzt ganz tief überzeugt sind: Was andere über mich denken, geht mich nichts an!“?
Irgendwie ist Sarah verwirrt. Was passiert denn da gerade? Das Denken der anderen ist weit weg – in diesem Augenblick. So wie ihr eigenes blockierendes Denken. Sie lächelt. „Stimmt“, sagt sie nach einer kurzen Weile. „Die Welt geht nicht unter, wenn mich jemand kritisiert.“ Und betont: „Ich hab es selbst in meiner Hand …“
Wir müssen ja auch wirklich nicht jeden Mist glauben, den sich unser Gehirn so zusammendenkt.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Eine Frage hat mich schon vor meinem Studium interessiert: Wenn Du, ich … oder wer immer … für etwas gelobt wird – ist es dann „erlaubt“, dieses Lob voll und ganz anzunehmen und sich darüber zu freuen? Oder ist das doch eher anmaßend und moralisch fragwürdig?
Als eine Cousine von mir vor Jahrzehnten kirchlich heiratete, stand der katholische Pfarrer bei seiner Ansprache an das Brautpaar am Altar, steigerte die Intensität seiner Stimme, als er auf die Kernbotschaft seiner „Predigt“ hinsteuerte, warf seinen rechten Arm und Zeigefinger senkrecht in die Luft, als wäre er ein Rock- oder Heavy-Metal-Sänger, holte aus … und verkündete:
„Wenn Ihr in Eurem Leben gelobt werdet“ … er wedelte mit seinem Zeigefinger streng hin und her … „nehmt dieses Lob nicht an.“ Um danach auf die Zehenspitzen zu steigen und mit anschwellender Lautstärke die Botschaft zu verkünden: „Gebt es an den weiter“ … Kunstpause … „dem es gebührt!“ – Besonders das letzte Wort hatte es in sich. Es hallte eine ganze Zeit lang nach. War ja auch laut und betont ins Kirchenschiff geworfen worden.
Auf die Aussprache des Wortes „Gott“ konnte er dabei getrost verzichten. War doch klar, in welche Richtung sich sein ausgestreckter Arm bewegte. Allerdings zuckte seine Hand derart rhythmisch nach oben, als wollte er seinen Arm zusätzlich um einen ganzen Meter verlängern.
„Himmel“ … dachte ich. Und: „Muss es gleich so heftig zugehen vor der Eheschließung?!“
Religiös betrachtet mag ja etwas dran sein. Aber psychologisch gesehen ist das natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Lob annehmen und sich darüber freuen können, ist Selbstfürsorge im besten Sinn. „Herzlichen Dank – das freut mich!“ zu antworten, tut gut. Übrigens auch dem Menschen, der mir gegenüber ein Kompliment, eine Anerkennung ausgesprochen hat.
Jeder Mensch sollte sich über lobende Worte freuen. „Danke“ sagen … und zurück lächeln.
Gerade – beim Schreiben – spüre ich ein Lächeln in meinem Gesicht. Denn die letzten drei Bände von mir mit Kurzgeschichten über die „Gesichter der Seele“ sind tatsächlich sehr gelobt worden. Das tut mir gut. Es sind ja auch meine „Kinder“. Und für die wünscht man sich ja nur das Beste.
Also und deshalb: Ein paar Stimmen zu meinen letzten drei Bänden.
Danke, dass Ihr die „Futter für die Seele“-Geschichten lest.
- Der dritte Band ist mit großer Warmherzigkeit geschrieben. Es war eine Freude, ihn zu lesen. Er macht Menschen Mut, sich verändern zu wollen.
Elisabeth Janhsen, Physiotherapeutin
- Ich musste gerade eben wieder herzhaft lachen, weil ich mir in meinem Mittagspäuschen noch schnell eine Episode von Dir zum Kaffee gegönnt habe. Wo Du in der Innenstadt mit der gelben Ente herumläufst – einfach herrlich. Es ist wunderschön und so herzerfrischend.
Siglinda Oppelt, Diplom-Volkswirtin und Unternehmensberaterin
- Ich lese jeden Abend in Band 1 und bin immer wieder begeistert. Ich kann aktuell gar nicht bewerten, welche der vielen schönen, tiefsinnigen und humorvollen Geschichten mir am besten gefällt.
Conny Symanneck, Rentnerin
- Ich bin persönlich in das Buch hineingezogen worden, immer tiefer. Die Geschichten sprechen mich total an. Die haben Klang! In jeder Geschichte ist etwas drin, was mich berührt hat.
Werner Wegenke, Unternehmer
- Die Geschichte „Für immer jung“ hat mich zu vielen Erkenntnissen geführt. Ganz herrlich fand ich die Anekdote „Maxi an Bord“. Das Anrührendste waren aber die beiden Liebesbriefe zwischen Ihnen und Ihrer Frau.
Karin Winkelmann, Angestellte
- Es sind Geschichten, die auf heitere Weise die Augen öffnen.
Christa Teichmann, Lehrerin
Danke für alle Briefe, Emails und Telefonate. Wenn das nicht zum Weiterschreiben motiviert …☺
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Die meisten Geschichten an dieser Stelle haben einen heiteren Unterton. Das Leben ist ja schon schwer genug. Also macht es Sinn, auch mal schmunzeln oder ganz spontan und aus vollem Herzen lachen zu können.
Trotzdem … so kompliziert wie heute war es selten: Corona-Pandemie, Flutkatastrophe, Aggressionskrieg. Und zu allem Übel ein weltweites Versagen bei der Klimawende. Anscheinend kriegen wir nichts mehr in den Griff. Vor allem nicht rechtzeitig.
Da fällt mir ein Lied von Herbert Grönemeyer wieder ein. Mit den Textzeilen:
„Die Armeen aus Gummibärchen.
Die Panzer aus Marzipan.
Kriege werden aufgegessen.
Einfacher Plan …
Es gibt kein Gut.
Es gibt kein Böse.
Es gibt kein Schwarz.
Es gibt kein Weiß …
Die Welt gehört in Kinderhände.
Dem Trübsinn ein Ende.
Wir werden in Grund und Boden gelacht.
Kinder an die Macht …“Doris Weber, Chefredakteurin von Publik-Forum EXTRA (www.publik-forum.de), schreibt dazu in der Ausgabe von Mai 2022: „Ja, ein Regimewechsel wäre fällig. Es ist zu gefährlich, die Entscheidung über unsere Zukunft weiterhin den ‚Großen‘ zu überlassen. Es hat zu nichts geführt außer zu Krieg, Klimakatastrophe, Hunger, Vertreibung, Flucht, Tod. Zu anrüchig sind die Interessen der Großen, zu bedrohlich ihre Gier nach Herrschaft, Land und Ressourcen. Sie haben kein Mitleid mit den Schwächsten, den Ärmsten, den Heimatlosen, den Hungernden. Die Kinder klagen an: In der Urkraine, im Jemen, in Afghanistan, im Irak …
Schauen wir mit den Augen der Kinder auf diese Welt und nehmen wir endlich ernst, was wir so dringend brauchen: Frieden.“
Die Navajo-Indianer beschreiben den Frieden in drei Stufen: Den ersten, zweiten und dritten Frieden. Der wichtigste ist aber der erste Friede.
„Der erste Friede, der wichtigste, ist der,
welcher in die Seele des Menschen einzieht;
wenn die Menschen ihre Verwandtschaft,
ihre Harmonie mit dem Universum einsehen
und wissen, dass im Mittelpunkt der Welt
das große Geheimnis wohnt.
Und dass diese Mitte tatsächlich überall ist;
sie ist in jedem von uns.
Dies ist der wirkliche Friede.Alle anderen sind lediglich Spiegelungen davon.
Der zweite Friede ist der,
welcher zwischen Einzelnen geschlossen wird.
Und der dritte ist der zwischen Völkern.
Doch vor allem sollt ihr sehen,
dass es nie Frieden zwischen Völkern geben kann,
wenn nicht der erste Friede vorhanden ist,
welcher innerhalb der Seele wohnt.“Dem möchte ich heute nichts hinzufügen.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Nichts erinnert an die kalte Jahreszeit. Heute brennt die Sonne vom wolkenlos blauen Himmel. Es ist Sommer. Hochsommer. Drei weiße und zwei gescheckte Hühner scharren mit ihren Zehen im ausgetrockneten Erdreich. Irgendwas zu picken findet sich immer. Auch der Hahn hält ein Auge auf seine Hennen. Außer seinem durchdringenden Platzhirsch-Kikeriki hat die Sonntagsstille alles im Griff.
Die Zeit dehnt sich gerade. Hat sich auf eine lange Weile eingestellt. ‚Das müssen wir Tempomacher ja erst einmal verkraften …‘. Der Gedanke rast mit High Speed durch meine Sinne. Entschleunigen ist nicht unser westliches Ding.
Wer die Beatles kannte, hat ihr Lied „Fool on the Hill“ noch im Ohr. Die Geschichte vom Narren oben auf dem Hügel, der seinen Alltag damit verbringt, auf die Welt da unten zu schauen. Er behält den Über-Blick über Hektik und Sorgen der „normalen“ Menschen in der „normalen“ Welt. Ich weiß nicht, was er von seiner hohen Position beobachtet hat. Vielleicht, wie viele von uns an ihrem „normalen“, gleichförmigen Leben verzweifeln. Dafür gibt es sogar einen halbwissenschaftlichen Begriff: Die „Normopathie“. Bedeutet: Unser Leiden am mittelmäßigen Leben. Am Leben ohne Höhen und Tiefen. Mit ständig sich ähnelnden Abläufen. Mit ewig sich wiederholenden Ängsten und Sorgen. Mit dem großen Schild vor der inneren Sackgasse, auf dem die hoffnungslosen Worte stehen: „No way out!“ Kein Ausweg. Immer dasselbe Gedankenkarussell. Immer dieselben verbauten Lösungsmöglichkeiten.
Im philosophischen Text von Paul McCartney macht sich die Welt da unten lustig über den Narren da oben. Die Leute zeigen mit ihren Fingern auf ihn. „Wie blöd kann man nur sein?!“, rufen sie sich zu. „Dieser Faulpelz!“ – Und: „Der da oben hat den Knall nicht gehört!“
Manche gehen auch achtlos weiter, um sich wieder ihrem Alltagskram zu widmen.
Der Narr aber ist – so lässt sich interpretieren – der Weiseste von Allen. Er sieht, wie die Sonne aufgeht. Wie sie tagsüber ihren Lauf am Himmel fortsetzt. Und am Abend versinkt. So versteht er in seinem Herzen, wie die Welt sich dreht…
Was soll da unsere Hektik?
Es ist Sommer. Wir müssen nichts beschleunigen. Auch wenn die drei weißen und die zwei gescheckten Hühner mit ihren Zehen einigen Staub aufwirbeln. Und der Hahn krakeelend auf sich aufmerksam macht.
Eine Lösung könnte doch sein, dass wir öfters unseren Verstand in die Hollywoodschaukel in unserem Herzen setzen. Entschleunigung hat noch nie geschadet. Denn unser Dasein besteht ja nicht nur aus Erfolgen und Niederlagen. Es besteht aus fünfhundert Millionen Atemzügen und drei Milliarden Herzschlägen.
Erfreuen wir uns einmal mehr an unserem Leben.
Es ist Sommer…
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Die Komfortzone, die Bequemlichkeitsfalle, ist sehr mächtig. Sich nicht zu verändern, ist ja in aller Regel bequemer und weniger anstrengend. Auf jeden Fall aber sicherer.
Wenn man keine Entscheidungen trifft, geht die Fehlerquote gegen Null. Meint man. Glaubt man. Hofft man. Doch gerade Menschen, die sich nicht bewusst entscheiden, fühlen sich oft hin- und hergerissen.
Wer kann denn wissen, ob eine Persönlichkeitsveränderung wirklich Wachstum bedeutet oder Abbau nach sich zieht? Ob sie mich bereichert und wirklich freier macht? Oder scheitern lässt?
Viele Menschen haben ihre Leichen im Keller. Aber der Keller ist vertraut. Wer kann sich sicher sein, dass in einem neuen Keller nicht noch mehr Unrat liegt? So habe ich ja wenigstens den Spatz in der Hand …
Deshalb handeln zahlreiche Menschen nach der Devise: Lehre mich schwimmen, aber mach mich nicht nass!
In psychotherapeutischen Sitzungen spreche ich häufig von folgendem Bild:
Stell Dir vor, Deine Persönlichkeit wäre ein großer, langer Sandstrand. Dieser Strand hat sich allerdings im Laufe der Jahre und Jahrzehnte verändert, verfärbt, hat sich vermengt mit Schlick und Teer, mit Algen und Dreck.
Hier lässt sich nicht mehr genussvoll in der Sonne aalen, kein feiner Sand rieselt durch die Finger, das Barfußlaufen macht keinen Spaß mehr … Dieser Strand ist also keine unberührte, vollkommene Daseinsform. Kein Karibikstrand, keine blaue Lagune …
So möchtest Du es nicht mehr haben. So möchtest Du nicht mehr leben.
Nun liegt ein kleines Boot fest vertaut an Deinem eigenen Strand – aber wie sollst Du damit in See stechen? Wie vorankommen? Und vor allem: Wohin?
Die Idee des Patienten ist häufig sehr einfach: Es möge doch bitte der Therapeut, der Trainer, der Ratgeber, der väterliche Freund dafür sorgen, dass sich hier etwas Entscheidendes ändert. Fast kann ich den inneren Dialog meines Gegenübers hören, der sagt:
„Lieber Therapeut, Du kennst Dich doch aus in der Welt und auf hoher See. Kannst Du nicht über das Meer zu einer Insel, einem Strand segeln, der viel schöner ist als meiner? Weißt Du, ich habe an meinem alten Strand zwar auch ein Boot liegen, aber ich traue mir den Weg über das Meer nicht zu.
Kannst Du mir nicht einen wunderschönen Strand aussuchen für meine neue, selbstbewusste und allseits beliebte Persönlichkeit? Am liebsten wäre mir, Du würdest – wie von Zauberhand – den feinen, neuen Strand über das weite Meer zu meinem alten Ufer treiben. Und dann würde ich das neue Ufer so richtig begehen, erfühlen, durchwandern, erproben …
Und wenn es dann wirklich wesentlich schöner ist als mein alter Strand – ja, dann lasse ich das Tau vom alten Ufer los und bin glücklich über das Geschenk einer neu gewonnenen Persönlichkeit.“
Der Therapeut, der Trainer, der väterliche Freund – sie sind aber nicht diejenigen, die für Dich arbeiten. Sie können Dir Navigationsinstrumente zur Verfügung stellen. Aber Dich aufmachen und rudern, das musst Du selbst.
Ohne Eigenverantwortung gibt es keinen Passagierschein für den neuen Strand. Die Selbstverantwortung beim Treffen von Entscheidungen gibt Dir den Mut zum Aufbruch. Zum Aufbrechen von alten, verbrauchten Strukturen. Zum Loslassen, zum Weitergehen. Zur endgültigen Hinwendung auf das, was sich verändern will.
Das Neue macht Angst – daran ist es leicht zu erkennen. Aber nur, wenn Du Dich dem Neuen öffnest, hast Du auch die Chance, neue Wege zu finden, auf denen Freude, Erfüllung und Glück möglich werden.
STUFEN
… ES MUSS DAS HERZ BEI JEDEM LEBENSRUFE
BEREIT ZUM ABSCHIED SEIN UND NEUBEGINNE;
UM SICH IN TAPFERKEIT UND OHNE TRAUERN
IN ANDRE, NEUE BINDUNGEN ZU GEBEN …KAUM SIND WIR HEIMISCH EINEM LEBENSKREISE
UND TRAULICH EINGEWOHNT,
SO DROHT ERSCHLAFFEN,
NUR WER BEREIT ZU AUFBRUCH IST UND REISE,
MAG LÄHMENDER GEWOHNHEIT
SICH ENTRAFFEN …… WOHLAN DANN, HERZ,
NIMM ABSCHIED UND GESUNDE!HERMANN HESSE
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Teil 2
Bei den Berliner Piraten
„Ich heiße Maxi!“, sagt sie ganz offen und fragt: „Seid Ihr verheiratet?“ Neugierig oder einfach interessiert an den Gästen? Ich freue mich ja über offene Ohren und Herzen. Also antworte ich ihr lächelnd, dass nicht mehr viele Jahre bis zur Goldhochzeit fehlen. – Maxi hält kurz inne. „Meine Großeltern“, sagt sie nachdenklich, „haben ihre Goldhochzeit noch gefeiert. Aber Oma ist bald darauf gestorben.“ Für einen kurzen Moment schaut sie etwas wehmütig. Schnell wechselt sie das Thema: „Wenn Ihr Wünsche habt, fragt mich. Ich bin gerne für Euch da.“ – ‚Sehr aufmerksam‘, freue ich mich.
Claudia schaut auf, mir zugewandt: „Darauf trinken wir!“ Maxi strahlt. Über der Spree senkt sich die Sonne ganz sanft vom Himmel. So in sich ruhend. Mild, fast schon gemütlich. – Der Fluss murmelt vor sich hin. ‚Entschleunige‘, scheint er zu flüstern.
Das Publikum hier ist bunt gemischt. Chill-Schwestern und -Brüder, Rock-Fans … Übermorgen spielt Eric Clapton nicht weit von hier …, Studenten, Touris, lebenshungrige Feierleute. Krawattentypen ebenso wie Volltätowierte.
Feiern und zusammen sein mit den unterschiedlichsten Leuten … Das hat was! Über den eigenen Tellerrand schauen. Claudia hat Jahrzehnte mit jungen Menschen gearbeitet. „Sie sind eine Bereicherung“, sagt sie. Und: „Sie bringen frischen Wind ins Haus. Sprühende Lebendigkeit. So ansteckend und lebensfroh.“
Maxi kommt schnellen Schrittes. „Ihr wirkt noch so fit. Ihr schafft das mit der Goldhochzeit“, meint sie aufmunternd und nickt dazu, als wolle sie ihre Aussage doppelt unterstreichen.
Gut – es sah ja nicht immer danach aus. Wir hatten – wie alle – auch unsere Höhen und Tiefen. Doch unsere Krisen haben wir angenommen – und gemeistert. Gemeinsam.
Jetzt, am späten Abend, beleben die Brückenleuchten die Oberfläche des Wassers. Geben der Dämmerung einen lichtvollen Glanz. Spiegeln sich geheimnisvoll. Darunter ein undurchdringliches Grüngelb. Unergründbar. „Panta rhei“, sagte Heraklit. Alles fließt … ‚Ein ewiges Werden und Vergehen … so ist unser Leben‘, fühle ich in diesem Moment.
„Noch einen Nachtisch?“ – Claudia bestellt zur Feier des Tages frische Erdbeeren mit einer großen Kugel Vanilleeis. „Wollt Ihr einen zweiten Löffel?“ – Ich denke kurz nach. „Gut, kann nicht schaden.“ Maxi lächelt: „Ihr teilt? Das ist Liebe.“ – „Ja“, sage ich. „Claudia zwei Drittel, ich ein Drittel. Reine Vorsicht – wegen meines Diabetes.“ Der zweite Löffel kommt sofort.
Und ich frage mich: ‚Kann man einen Menschen so schnell in sein Herz schließen?‘ Und fühle: ‚Ja, kann man. Wenn alles stimmt.‘
Wie an diesem Frühsommerabend in Berlin. „Vielleicht schreibe ich über unsere Begegnung eine Geschichte“, sage ich unserer Vollblut-Kellnerin zum Abschied.
Wenn wir wiederkommen, werde ich ihr das Buch schenken. Maxi, einer vertrauten Seele. Am Flussufer der Spree. Als sich unsere Lebenswege kreuzten.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Teil 1
Bei den Berliner Piraten
Die Innenstadt von Berlin ist groß und weit. Aber wenn Demos sind, kann es eng werden. Gerade strampeln 90 000 Radfahrer über die Hauptverkehrsstraßen. Fordern mehr Platz für Fahrräder. Da liegt unser Bus für eineinhalb Stunden fest. Direkt am Zoo.
Es sind die ersten Junitage im Jahr 2019. Corona ist noch kein Thema. Freiheiten sind selbstverständlich.
Auch an der Spree herrscht Trubel. Heute, am späten Nachmittag, bei 29 Grad. Da schlagen alle Herzen gleich. Jeder will das Leben feiern. Die ersten richtig warmen Tage. Haben wir uns doch verdient, oder? Man gönnt sich ja sonst nichts.
Frühes Abendessen? – Ja, klar, lass mal gucken … Wir finden zwei freie Plätze, draußen an der Oberbaumbrücke. Direkt am Geländer über dem Fluss. An der Reling. Dort, wohin die Sonne noch ohne Schatten reicht. Wo die Wärme dich noch ganz umhüllt. Wo du gar nicht reden willst, nur still genießen.
Unsere Blicke wandern … Das Wasser der Spree glitzert im Abendlicht. Funkelt und blinkt auf jeder noch so kleinen Welle. Ein leiser Tanz. Und ein ganz sanfter Hinweis, dich selbst loszulassen und dir endlich eine Auszeit zu nehmen.
Erst jetzt fallen uns die derben Holzbänke und -tische ins Auge. Ungehobelt, nur grob bearbeitet. Aus Planken zusammengeschustert. Und über die ganze Außengastronomie verteilt. Das Restaurant hier sieht aus wie ein Schiffsdeck.
„Habt Ihr Euch entschieden?“, fragt uns ein Mitglied der Besatzung, die freundliche Bedienung. Wir haben sie gar nicht kommen hören. Waren abgetaucht in die endlosen Augen des Wassers. ‚Fast einen Hauch zu kitschig‘, denke ich. ‚Aber auch super schön‘.
Spargel steht heute auf der Karte. Nicht nur die Original Berliner Currywurst. Wer hier arbeitet, trägt zwei gekreuzte Schwerter auf dem Rücken des T-Shirts. Das Logo der Berliner Piraten. Im Seeräuber-Restaurant an der East Side Gallery. Dieser historischen Berliner Mauer mit der Wandmalerei des „Bruderkusses“ zwischen Honecker und Breschnew. Die meisten Touristen lassen sich vor den beiden fotografieren. Fast scheint man das Aufatmen zu spüren, dass diese Zeiten lange vorbei sind. Andere wirken eher nachdenklich. Für manche hat es sicher auch nur noch einen folkloristischen Anstrich.
Doch Spargel? – Die junge Frau nimmt unsere Bestellung auf, kommt kurze Zeit später aber zurück und erkundigt sich, ob das auf eine gemeinsame Rechnung geht. Hier duzt man sich. Ich lächle. „Ja, gemeinsame Rechnung“, sage ich. Und ergänze: „Wir kennen uns ja schon sehr lange. Wir hatten noch nie getrennte Rechnungen.“
Wird fortgesetzt
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Das Arndt-Gymnasium in der Krefelder Innenstadt. Reine Jungenschule, humanistisch geprägt, mit Latein als erstem Hauptfach. Wir schrieben das Jahr 1959. Unser Lateinlehrer hieß Dr. B. Aber niemand von uns Schülern in der Sexta (fünfte Klasse) nannte ihn so. Zumindest nicht, wenn wir unter uns waren, also auf dem Pausenhof. Denn wir lernten schnell von den Schülern höherer Klassen, dass es der „Sulla“ war.
Lucius Cornelius Sulla, sein Namensgeber, lebte von 138 bis 78 vor Christus und brachte es zum General des Senats, zum Konsul und später zum Diktator in der Spätphase der Römischen Republik. Schon früh entwickelte der Original-Sulla einen Trieb zur Macht. Ich glaube aber, dass unser Klassen-Sulla, äh, Klassenlehrer, seinen Namen nicht durch Machtgehabe, sondern durch ständiges Korrigieren der Aussprache des Namens „Sulla“ (mit scharfem „S“) von der Klasse neun verliehen bekommen hatte.
Unser Schulhof war voll betoniert, ein trostloses Einerlei. Deshalb blieb der Blick unmittelbar an jener mannshohen Bronzefigur hängen, die in der Mitte des Hofes auf einem vertrauenerweckenden, festen Sockel stand: ein altgriechischer Speerwerfer, die tieferen Regionen nur von einem Blatt bedeckt.
Nach jeder Pause mussten sich die Schüler der fünften und sechsten Klasse auf dem Hof zu zweit neben- und hintereinander aufstellen und am Speerwerfer schweigend warten, bis sie vom zuständigen Lehrer dort abgeholt wurden, der sie dann – „Pssst! Leise!“ – die Treppen hoch ins Klassenzimmer führte.
Dr. B. schien manchmal etwas verträumt und vergaß schon mal, uns Kinder bei Unterrichtsbeginn auf dem Schulhof einzusammeln. Dann nutzten wir die Zeit und deklinierten seinen Spitznamen laut und weithin hörbar durch. Die ganze Klasse rief also: „Sulla – Sullae – Sullae – Sullam – Sulllaaaahhhhh.“ Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ.
Dr. B., also „Sulla“, schaute aus dem Klassenfenster in der zweiten Etage. Er hatte uns vergessen. Auch auf diese Entfernung hin sah man ihm die gemischten Gefühle an. Wir verhielten uns unten auf dem Schulhof auffallend laut – und er konnte Lautstärke nicht ertragen –, lagen aber grammatikalisch völlig richtig. Der Ärger über die störende Lautstärke und der Stolz auf die korrekte Grammatik ließen bei ihm uneindeutige Gesichtszüge entstehen.
Leider war mein Wunsch, die lateinische Sprache zu beherrschen, nur ansatzweise vorhanden. Die ersten Zwei-Wörter-Sätze in der fünften Klasse bekam ich noch gut geregelt. Also: „Die Flamme flackert“ (Flamma flagrat) und „Die Tür knarrt“ (Porta tonat). Auch noch: „Das Huhn gackert“ (Gallina clamat). Aber dann wurde es schon eng, weil ich wenig Lust verspürte, die lateinischen Vokabeln zu lernen.
Drei Schuljahre weiter … Dr. B. bekam eine Eingebung. Da stand er nun vor mir und sagte: „Bube, wenn Du lernen würdest, könntest Du es auch.“ Und fragte mich: „Wie heißt dieser Satz in lateinischer Sprache?“ Die Antwort gab er selbst: „Si vellem possem!“ Dann lieferte er die korrekte Übersetzung gleich mit: „Wenn ich wollte, könnte ich!“
Am Tag danach malte ich den Satz schön bunt auf Papier und steckte ihn in einen selbstgebastelten kleinen Holzrahmen. In der nächsten Lateinstunde holte ich ihn feierlich aus meinem Tornister und stellte den Spruch mitsamt Rahmen dekorativ auf mein Schreibpult.
Dr. B. war nicht sauer. Im Gegenteil. „Sehr gut, Bube! Halte Dich daran!“, meinte er nur.
„Si vellem possem“ schaut mich noch heute unentwegt an. In meiner Erinnerung, in meiner Fantasie – und manchmal sogar in meinen Träumen. Den Holzrahmen gibt es immer noch. Nur die Sprüche haben gewechselt. Irgendwann hieß es dort: „4 minus reicht!“
Sulla, Entschuldigung, Dr. B., weilt schon viele Jahre nicht mehr unter uns. Aber zu meiner Hochzeit mit Claudia schrieb er noch einen langen, berührenden Brief. Er war vom „alten Schlag“. Und ein Humanist, ein Menschenfreund, ein beseelter Pädagoge. Wenn wir ehrlich sind, haben wir den meisten Lehrern viel zu verdanken.
Auch wenn „Sulla“ mir am Ende dieses Textes womöglich mit Augenzwinkern geantwortet hätte: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ Frei übersetzt: „Wenn Du das nicht geschrieben hättest, wärst Du ein Philosoph geblieben.“
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Es ist eine Binsenweisheit, dass das Leben in Zyklen verläuft, auch in den Polaritäten von Aufstieg und Abstieg, von oben und unten, von Glück und Pech, von Siegen und Verlieren. Reinhold Messner, Südtiroler Extrem-Bergsteiger, wurde in einer Talkshow von Reinhold Beckmann gefragt: „Wie kann ich mir die Gipfelsituation im Hochgebirge vorstellen? Ist dort oben Weite?“
Messner verneinte: „Ganz im Gegenteil. Oben ist die Einsamkeit, die Leere … oben ist alles eng. Es fehlt der Sauerstoff, der Platz ist eng, die Zeit ist eng für den Abstieg …“ Und fügte erleichtert hinzu: „Das Zurückkommen von oben ist wie eine Neugeburt!“
Der eine große Moment des Glücks … Er ist selbst auf dem Gipfel nicht von Dauer.
Also – immer oben bleiben? Das ist wohl keine gute Idee. Die Sonne scheint für uns ja auch nur am Tag. Dann macht sie Platz für die Nacht.
Das sah Harald (Name geändert), ein 52-jähriger Mann, aber anders. Denn er war auf der Suche nach dem dauerhaften Glück. Das hätte er ja schon mal für zehn Minuten gehabt. Ein unglaublich euphorisches Glücksgefühl. Er kannte noch den genauen Zeitpunkt. Am 27. August des vergangenen Jahres war es, und zwar von 17 bis 17.10 Uhr. „Und das“, so betonte er, „möchte ich jetzt immer haben.“ Deshalb wäre er hier.
‚Kein Wunder‘, dachte ich bei mir, ‚dass ich schon der sechste Therapeut bin, bei dem er es versucht …‘ Wir sprechen im Kollegenkreis vom „Therapeuten-Hopping“.
Mit Vernunft war ihm nicht beizukommen. Immer wieder drehte sich alles um diese zehn Minuten Glückseligkeit. Dabei kam er mir vor wie ein kleines Kind, das sein Hörnchen mit Himbeereis für immer in seinen Händen festhalten will. Wir kennen die Folgen: kein Genuss und klebrige Finger.
Was er denn gemacht habe am 27. August des vergangenen Jahres zwischen 17 und 17.10 Uhr?, wollte ich wissen. „Das weiß ich noch genau!“ Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Ich laufe sehr gerne. Meistens kürzere Distanzen. Aber Ende August hatte ich mir mehr Zeit dafür genommen und lief eine längere Strecke durch den Stadtwald. Das hat mir gutgetan. Und dann erlebte ich auf einmal dieses Glücksgefühl. Das muss doch zu trainieren sein!“
Was sollst du dazu sagen?! – „Da nehme ich aber mal stark an“, meinte ich schmunzelnd, „dass Sie sich in eine richtig schöne Trance gelaufen haben. Da waren Sie wohl im Super-Flow.“ – „Ja“, erschrak er fast, „meinen Sie, es ist nur dieses ‚Flow-Gefühl‘ gewesen, weil ich doppelt so lange gelaufen bin wie sonst?“ Er hielt für drei Sekunden inne. „Und dafür mach ich Therapie und verschleiß die Therapeuten?“
Kopfschüttelnd verließ er meine Praxis. Und lächelte dabei. Auch im Kollegenkreis tauchte er nicht mehr auf. Ich bin mir sicher: Ab jetzt schleckt er sein Himbeereis sofort, nachdem er es bezahlt hat.
Jede Gipfelerfahrung kann ein Triumph sein – vorübergehend. Glück ist kein Muskel, den ich nur regelmäßig trainieren muss, um den Schalter umzulegen. (Auch wenn „Glücksprediger“ das oft behaupten.) Der Abstieg gehört zum Leben dazu. Wie die Erholungsphase nach großen Anstrengungen. „Das Zurückkommen von oben ist wie eine Neugeburt!“, beschrieb es Reinhold Messner.
Es ist auch klar: Wenn es den Abstieg nicht gäbe, lägen die 8000er-Gipfel voll mit erfrorenen Bergsteigern.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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Teil 2
Ein Erklärungsversuch
Leben ist in der Dunkelheit nur eingeschränkt möglich. Leben auf Sparflamme sozusagen. Leben in Kälte, in geistiger und emotionaler Blindheit. Ja, in Erstarrung.
Wenn eine Pflanze Mangel leidet, stirbt sie nicht unbedingt ab. Aber Du siehst ihr an, dass sie nicht in der Pracht ihrer Blüte steht. Sie verkümmert.
So ist es auch mit den Menschen. Wer seine Angst, seinen Hochmut, seinen Geiz nicht überwindet, verkümmert. Lebt ein Schmalspurleben.
Licht ist Fülle. Der Gegenpol des Lichts ist der Mangel.
Wer überwiegend in den Kategorien des Mangels denkt, programmiert sich auf Verlust, auf Defizit und Schattendasein.
Wie wertvoll das Licht für uns ist, beschreibt die buddhistische Nonne Pema Chödrön mit diesen Worten: „Wenn wir wüssten, dass wir heute Abend blind werden, dann würden wir einen sehnsüchtigen Blick, einen wahren letzten Blick auf jeden Grashalm, jede Wolkenformation, jedes Staubkorn, jeden Regenbogen, jeden Regentropfen werfen – eben auf alles.“
Dunkelheit können wir aber nicht nur real, sondern auch seelisch oder spirituell interpretieren. Als seelische „Dunkelheit“ können wir unsere eigenen Schattenseiten verstehen. Unsere eigenen „Kellerkinder“: Den Schmerz, die Wut, den Neid, die Begierde, die Depression, die Scham, die Wertlosigkeit … und Vieles mehr.
Bei Licht betrachtet, dürfen wir unseren eigenen Schatten Raum und Weite geben. Wir können sie nicht loswerden. Sie gehören zu uns. Wir sollten lernen, sie anzunehmen und zu integrieren. Machen wir uns also vertraut mit ihnen.
Viele Menschen stellen sich aber auch in spiritueller Hinsicht die Frage: Werden in naher oder ferner Zukunft auf diesem Lernplaneten Erde Licht und Liebe überwiegen? Oder werden die dunklen Mächte, werden Krieg und Hass die Oberhand behalten?
Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Aber eine Patientin ließ mich vor einigen Jahren an ihrer Sichtweise teilhaben. Ich finde sie verblüffend einfach, aber wirklich überzeugend. Sie erzählte mir folgendes Beispiel:
Stell Dir vor, Du stehst mitten in einem völlig abgedunkelten Raum. Du kannst Deine Hand nicht mehr vor Deinen Augen erkennen. Keinerlei Lichtschimmer fällt in das Zimmer. Alles ist stockfinster. Ein konturloses Schwarz.
Du beginnst nun, in diesem „schwarzen Loch“ nach der Türe, dem Ausgang zu suchen. Du tastest Dich ganz langsam vor, machst ganz kleine, vorsichtige Schritte. Es dauert … Aber irgendwann fühlst Du die Türklinke. Nimmst sie ganz in Deine Hand … und reißt jetzt mit einem Ruck diese Türe auf.
Was geschieht?
Das Licht fällt ins Dunkel – und nicht das Dunkel ins Licht.
Innen wird es heller – außen aber nicht dunkler.
Es ist einfach wahr: Letzten Endes besiegt das Licht die Dunkelheit. Denn der Schatten ist nur der Platzhalter für das Licht.
Diese Erkenntnis hat nichts mit Esoterik zu tun. Das ist reine Physik.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp
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