I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Gudula

    Einverstanden mit dem Scheitern 

    „Risiko“ gibt’s täglich im Fernsehen. Bei vielen Ratesendungen kannst Du ins Risiko gehen. Dann hast Du die Chance, viel zu gewinnen. Oder alles zu verlieren. Risiko eben … 

    Auch im alltäglichen Leben gibt es jede Menge Risiken. Wer 2008 an der Börse spekuliert hat, verlor durch die Pleite von Lehman Brothersviel Geld. Gudula, eine ältere Freundin von uns, bekam das hautnah zu spüren. 

    Auf Anraten einer deutschen Bank legte ihr Mann die ganze Altersvorsorge der beiden bei Lehman Brothers an. Dann kam der Oktober 2008 – und so gut wie nichts blieb übrig.

    Das Risiko hatte Auswirkungen: Anfang des Krisenmonats lebten beide in einer 120 Quadratmeter großen Wohnung mit Kamin und riesigem Balkon in unserer Innenstadt und blickten in die ausladende Krone eines majestätischen Baumes. 

    Im November, unmittelbar nach der weltweiten Erschütterung durch die Bankenkrise, zogen sie zwei Stockwerke tiefer in eine halb so große Wohnung – und schauen jetzt nur noch auf den breiten Stamm. So spielt manchmal das Schicksal. 

    Unsere über 80-jährige Freundin geht übrigens großartig mit dieser Situation um: Sie jammert nie. Sie feiert das Leben. Nicht nur ab und zu, sondern jeden Tag. „Ich habe geübt“, sagt sie, „im Hier und Jetzt zu sein. Deshalb gelingt mir das so gut.“

    Nun schreibe ich das alles nicht, um vor Risiken zu warnen. Im Gegenteil. Kennst Du Menschen, die immer auf „Nummer sicher“ gehen? „Da gehe ich lieber auf Nummer sicher!“, sagen sie. 

    „Nummer sicher“ – woher stammt eigentlich dieser Begriff? 

    Die Redewendung „auf Nummer sicher gehen“ bedeutet ursprünglich „auf Nummer sicher sitzen“. Die „Nummern sicher“ verweisen auf die Gefängniszellen einer Haftanstalt. Die Zellen wurden nummeriert und die Bösewichte dahinter waren – in aller Regel – sicher verwahrt. Da lag es auf der Hand, die beiden Wörter „Nummer“ und „sicher“ zusammenzuziehen, und aus der Gefängniszelle wurde somit die „Nummer sicher“.

    Es ist in der Tat so: Viele Menschen möchten ihre Angst und Unsicherheit durch Vergewisserung und Kontrolle überwinden. Sie glauben, dass sie erst dann freier leben können. Kontrolle aber hält fest, verschließt, verkrampft, macht eng und misstrauisch. Vergewisserung und Sicherheit („auf Nummer sicher gehen“) öffnen sich demnach nicht dem Neuen, führen nicht in die Weite, sondern buchstäblich in die Enge. Heitere Gelassenheit kann nur in Freiräumen entstehen. 

    Wie sagte unser verstorbener Mentor Dr. Wolf Büntig: „Sicherheit ist der Gegenpol zur Lebendigkeit.Ein Übermaß an Sicherheit verhindert gutes Leben.“ Und erzählt als Beispiel: „Die absolute Sicherheit ist zwei Meter lang, sechzig Zentimeter breit und vierzig Zentimeter hoch – und je nach Portemonnaie in Eiche oder Fichte/Tanne. Todsicher.“

    Und der Gegenpol? „Das ist der Surfer in Kalifornien“, schmunzelte er, „der drei Jahre über flachere Wellen gepaddelt ist, um einmal in seinem Leben die große Welle zu erleben und auf ihr zu reiten. Seine größte Angst ist nicht, von der ‚Big Wave‘ auf den Strandkies geworfen zu werden, sondern die perfekte Welle zu verpassen und wieder drei Jahre warten zu müssen.“ Und ergänzte: „Zwischen todsicher und extremem Risiko – irgendwo auf dieser Linie spielt sich unser Leben ab.“ 

    Fünf Jahre später. Ich lese Gudula diese Geschichte vor. Sie lächelt. „Weißt Du“, sagt sie, „aus dem Stamm, auf den ich schaue, sind mittlerweile Äste gewachsen. Heute habe ich eine große Freude an den Blättern.“ Und fährt fort: „Der Baumstamm ist für mich jetzt mehr als ein Stamm. Da ist Leben pur. Ich erfreue mich an der Veränderung.“ Und, nach einer kleinen Pause, in der sie in sich hineinhorcht: „Ich vermisse die Krone nicht mehr“, sagt sie leise. „Mir wurde Leben geschenkt. Die Hoffnung ist mitgewachsen.“

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Wieviel „Gott“ darf‘s denn sein?

    Mein Bekenntnis

    Es stand in einem Zeitungsartikel. Die Überschrift verhieß eine Sensation. Konnte man doch eindeutig die Aussage lesen: „Wahrscheinlichkeit von Gott berechnet“.

    ‚Hammer!‘, dachte ich. Und: ‚Da bin ich aber auf die Berechnungsgrundlagen gespannt!‘ Schließlich sind Gottesbeweise nicht einfach zu erbringen. Wie auch das Gegenteil. Es gab ja vor Jahrzehnten die ersten russischen Astronauten im Weltall, die nach ihrer Rückkehr dem Sowjetischen Präsidenten gegenüber berichteten: „Gott gibt es nicht. Wir haben da oben keinen gesehen.“ 

    Und nun hat ein britischer Physiker berechnet, dass Gott mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent existiert. Wie nämlich die Zeitung „The Times“ meldete, benutzte der Naturwissenschaftler Stephen Unwin eine über zweihundert Jahre alte Theorie des englischen Mathematikers Thomas Bayes (1702 – 1769), um zu berechnen, dass die Chancen für die Existenz Gottes zwei zu eins stehen. 

    Da ist man ja zunächst einmal total „geflasht“. Wie hat der Physiker es angestellt, auf 67 Prozent zu kommen? – Erklärt wird das so: Unwin bezog in seine Berechnung unter anderem die Aspekte Gut und Böse, Wunder und übernatürliche Erscheinungen, menschliches Leiden und den freien Willen des Menschen ein. Auch moralisches Denken und philosophische Ansätze wurden berücksichtigt. 

    67 Prozent Gott … Reicht Dir das? Oder darf es ein bisschen mehr sein?

    Manchmal treffe ich in meiner Praxis auf Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen. Sie glauben nicht an „Gott“ – oder eine höhere „Person“, die alles zum Guten oder zum Schlechten regelt. 

    Auf Nachfrage höre ich meistens, sie glaubten nicht an den alten Mann mit langem, weißem Bart auf irgendeiner Wolke. – Aber … wer glaubt schon an ein solch seltsames Wesen?

    „Und an was glauben Sie?“, werde ich manchmal gefragt. Dann antworte ich in aller Regel: „Gott … oder wie immer wir diese höchste Kraft bezeichnen … ist für mich eine frei fließende, offene Energie, die alles umfängt und alles durchdringt.“ – „Ja, das kann ich auch für mich akzeptieren“, höre ich dann – nach kurzem Reflektieren – von den meisten Atheisten. Es bleibt eine Frage der Sichtweise. Und eine Frage des offenen, freien Denkens.

    In einer Meditation konnte ich ein Geschenk empfangen. Eine Botschaft, eine Bedeutung von „Gott“, die für mich persönlich gilt. Eine übergeordnete Erkenntnis, die später mein eigenes Bekenntnis wurde. Die Botschaft an mich lautete:

    „Gott ist freie, offene, grenzenlos liebende Energie.
    Gott ist die höchste Form der Liebe.
    Gott umhüllt und durchdringt alles. 
    Gott ist liebende Einheit.
    Alles ist Teil des liebenden Gottes.
    Jeder und alles ist in Gott.

    Gott hält und schützt und liebt.
    Wenn Gott nicht halten, schützen und lieben würde,
    würde er sich selbst aufgeben.
    Gott ist das Herz allen Seins.
    Seine Worte, mehr noch seine Liebe, 
    findest Du in der Tiefe und Weite Deines Herzens
    und Deiner Seele.

    Vertraue der Güte Gottes. Hier bist Du geborgen.
    Seine Liebe und seine Weisheit machen Dich frei.“

    (aus dem Buch von Dr. Georg Rupp: „Das Sternum-Projekt: Die 7 Schlüssel für ein reiches Leben“; Buch und CDs, macht sinn GbR, Krefeld, 2004)

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Mal so gesehen …

    Der Kölsche Buddhismus

    Beim Augenarzt. Wieder mal Kontrolluntersuchung. Die Augen könnten sich ja verschlechtert haben. Ich bin Diabetiker. Da ist es doppelt wichtig. 

    „Für Garderobe keine Haftung“. Die kleine Schrift kann ich noch gut lesen. Und dass man das Handy hier ausschalten soll. Aber das steht groß gedruckt im Fenster, damit es auch jeder sieht. 

    Ich ändere meine Blickrichtung. Mein Blick fällt jetzt auf die leicht abgegriffenen Zeitschriften auf dem eckigen Beistelltisch. Den Kopf kann ich noch gut drehen. Gott sei Dank, ich kann in verschiedene Richtungen schauen. Und damit den Blickwinkel verändern. 

    Da fällt mir ein, dass viele Menschen in ihrem Alltag nur eine Richtung kennen. Wenn ein Problem auftaucht, versuchen sie immer den gleichen Lösungsweg. Man nennt das auch „Gewohnheit“. 

    So stur sind Ratten nicht. Das haben wir früher im Studium untersucht. Im Fach „Tierpsychologie“. Wenn sie im Labyrinth an der einen Stelle kein Futter mehr fanden, schalteten sie schnell um und suchten andere Lösungswege. Sie veränderten ihre Blick- und Laufrichtung.

    Flexibel und geschmeidig bleiben, die Dinge des Lebens von allen Seiten betrachten – das wäre doch ein Ansatz. Denn um klarer zu sehen, genügt ein Wechsel der Blickrichtung, sagte Antoine de Saint-Exupéry, der Vater des „Kleinen Prinzen“.

    Ich hätte dafür ein paar Vorschläge. Wir finden sie im „Rheinischen Grundgesetz“, das der Kabarettist Konrad Beikircher 2001 veröffentlichte. Es wird auch genannt: 

    „Der Kölsche Buddhismus“.

    Statt „Das geht sowieso schief!“ denkst Du einfach: „Et hätt noch emmer joot jejange.“ 

    Statt „Das hab ich mir ganz anders vorgestellt!“ beruhigend: „Et es, wie et es.“

    Statt „Ich habe Angst vor der Zukunft!“ kurzerhand: „Et kütt, wie et kütt.“

    Wenn Du denkst: „Ich kann nicht loslassen!“, dann ändere Deine Blickrichtung in: „Et bliev nix wie et wor.“

    Wenn Du jammerst: „Meine Frau (mein Mann) versteht mich nicht.“ So schalte locker um auf: „Jede Jeck es anders.“

    Und denkst Du verzweifelt: „Ich könnte mir in den Hintern beißen! Hätte ich meine Aktien doch bloß nicht verkauft!“ So hilft Dir sicher: „Wat fott es, es fott.“

    Es gibt noch weitere schöne Sätze im „Rheinischen Grundgesetz“. Damit kommen wir der Weisheit schon mal ein Stückchen näher. Denn, wie ein buddhistischer Mönch im vergangenen Jahrhundert schrieb: „Weisheit beginnt, wenn wir ein Problem aus mehr als einer Perspektive betrachten können.“

    Abschlussbesprechung: Der Augenarzt guckt mir in die Augen. Alles paletti. „Ihre Sehstärke ist gut. Die lassen wir so“, sagt er beim Abschied. Und: „Wir sehen uns wieder!“ – Das seh ich auch so.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Der Weg in die Weisheit

    Teil 5

    Der Benediktinerpater Dr. Elmar Salmann umschreibt die Weisheit mit den Worten: „Zu ihr gehört die umsichtige, vor- und nachsichtige Versöhnung mit den Widersprüchen menschlichen Lebens. Aber auch das Staunen, die Freude und die gelassene Heiterkeit, dass dieses Leben gelingen kann.“ 

    Weisheit kann als Früh- und Spätprodukt des Lebens bezeichnet werden. Kinder haben oft eine entwaffnende Intuition. Und Ältere sind offener dafür, den „Geist der Weisheit“ in sich aufzunehmen und wirken zu lassen.

    In der chinesischen Kultur heißt es scheinbar lapidar (aber wahr): „Die Weisheit des Lebens besteht im Ausschalten der unwesentlichen Dinge.“

    Religiös betrachtet, spielt die Weisheit in der zeitlosen Gegenwart des göttlichen Seins schon vor dem Entstehen des Universums eine Rolle. (Siehe: Salomon im Buch der Weisheit, ca. 150 Jahre vor unserer Zeitrechnung.) 

    Weisheit umfasst aber auch die spielerische Freude an Kreativität und Geist. 

    Und nochmals Pater Elmar: „Weisheit ist eine ‚Fassung‘ des widersprüchlichen Lebens, damit wir ‚Fassung‘ bewahren.“

    Die Liebe zur Weisheit findet sich noch heute im weiblichen Vornamen Sophia (griechisch: Liebe zur Weisheit). Soweit ein paar Akzente. 

    Ein Beispiel aus der Praxis: Der Patient Jochen K. (Name geändert) war sauer, dass sein Leben, wie er sagte, komplett aus dem Ruder gelaufen sei. Zuletzt noch durch eine Autofahrerin, die seine Vorfahrt nicht beachtet und sein Auto schräg hinten rechts erwischt habe. Er habe seit dem Unfall Schmerzen in den Armen. Alle Mediziner hätten versagt. Keiner hätte etwas gefunden. Alle behaupteten, er bilde sich das ein. „So eine Unverschämtheit!“, wetterte er herum. Das passe zu ihm. Das ganze Leben sei unter dem Strich absolut nicht so verlaufen, wie er sich das gedacht habe. Und vor allem: Wie es geplant war. Er hätte so viele Pläne gehabt. Und jetzt hätte er die Kontrolle vollkommen verloren. Das könne er nicht ertragen. „Deshalb schuldet mir das Leben (die Weisheit, Gott) noch so viel!“

    Zu seinen Klagen und Forderungen fallen mir folgende Gedanken ein:

    1. John Lennon, der Mitbegründer der Popband The Beatles, wird mit den Worten zitiert: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“.
    1. Wir alle überfrachten das Leben mit unseren Erwartungen. Mit unseren Hoffnungen auf den Lottogewinn oder den Traumpartner. Mit unserem grenzenlosen Wunsch nach Erlösung von allen Übeln.

    Wir überfrachten unser Leben. Maßlos. Wir setzen Endliches (unser Leben) unter unendlichen Druck. Auch das Scheitern, das „Danebengehen“, das „Unerfüllte“ sollten wir annehmen, wenn unser Leben gelingen soll.

    1. Wir haben keinen Überblick. Wir haben keine Kontrolle. Weder über uns noch über die komplexen Zusammenhänge des Lebens. Das ist so. Auch wenn die Sängerin Zoe Wees im Text „I don’t wanna loose control“ gegen ihre eigenen Ängste ankämpfen will. Aus Erfahrung wissen wir: Die Akzeptanz einer schwierigen Lebenssituation im Hier und Jetzt ist gesünder und weiser als alle Versuche, das Leben unter die Kontrolle des Verstandes zu bringen.

    Zur Weisheit gehört also auch ein manchmal melancholisches, vor allem aber auch ein heiteres Einverstandensein mit der Begrenztheit unserer Möglichkeiten und der Endlichkeit unseres Lebens.

    1. Die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen, kann weise sein. Auch: Die Gedankenwelt des Anderen nachzuvollziehen, ohne zu ihm überzulaufen. 

    Was Jochen K. in seinem Leben nie lernen konnte: Die spielerische Freude der Weisheit. Die Befreiung der Seele, die eine indianische Weisheit der Apachen vermittelt, und die lautet: „Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin.“

    Wenn wir uns die Zeit nehmen, unsere eigenen Schuhe öfters mal zur Seite zu stellen und – frei von Vorurteilen – auch in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen, haben wir Anteil an den unterschiedlichen Blickwinkeln dieser Welt. Dann verstehen wir mehr und atmen die Frische einer übergeordneten Weisheit. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Mein Raum für alle Sinne  

    auf der Weltausstellung EXPO 2000
    Wie er aus einem Traum entstand …

    Dieser Raum ist nicht am Reißbrett entstanden. Ich habe ihn im Sommer 1991 geträumt. Die ganze Konzeption ist mir symbolisch im Traum erschienen. Später nannte ich ihn den „Zeit-Raum“. Was so viel bedeutete wie: Nimm Dir Zeit in diesem Raum. Genieße Deine Auszeit. Komm herunter, entspanne und zentriere Dich – und tanke wieder auf. Kurz und gut: Komm zur Ruhe. Finde Deine innere Mitte. 

    Vorausgegangen war folgende Episode: 

    Auf einer Fahrt nach Südfrankreich im Sommer 1991 legten wir einen Halt in Aix-en-Provence ein. Im Zentrum befindet sich der breite Cours Mirabeau mit vielen Straßencafés. Sehen und gesehen werden, heißt dort das Gesellschaftsspiel an Sonnentagen.

    Als wir draußen Platz genommen hatten, fiel mein Blick auf einen der drei (heute nur noch zwei) vermoosten Felsenbrunnen auf der Mittelachse der Platanenallee. Sehr erhaben und stoisch standen sie mitten auf der Fahrbahn. Alle Autos und Mopeds mussten ausweichen und rechts herum vorbeifahren. 

    Von der Oberkante der Felsen tropfte Wasser in das große steinerne Auffangbecken. Flechten und kleine Farngewächse hatten auf den felsigen Steinen ihre Heimat gefunden. Diese Brunnen faszinierten mich eine lange Zeit, so dass ich mir ein zweites Kännchen im Straßencafé bestellte. Der Brunnen thronte geradezu vor meinen Augen. Er hatte sich voll in meinen Fokus geschoben.

    Zwei Wochen später wieder zu Hause. Ich wurde Teil eines surrealistischen Traums, der heute noch wie ein reales Erlebnis in meinem Langzeitgedächtnis gespeichert ist.

    Ich träumte von einer Riesenblüte, ungefähr sieben Meter im Durchmesser. Sieben übergroße Blütenblätter rollten sich hoch und boten Schutz und Halt für sieben Menschen, die jeweils in einem dieser Blütenblätter saßen und sich auf den Blütenstempel ausgerichtet hatten. Ich spürte tief im Innern, dass sie mit Blick zur Mitte der Blume in ihre eigene Mitte hinein meditierten. Der Blütenstempel aber war einer der Felsenbrunnen vom Cours Mirabeau. 

    Als ich am Morgen erwachte und mich in bunten Farben an diesen bewegenden „Film“ erinnern konnte, wurde mir schlagartig klar: Das ist eine Botschaft. Und ein Auftrag.

    Also suchte ich umgehend nach Innenarchitekt:innen, die bereit waren, mit mir gemeinsam ins Risiko zu gehen und diesen Traum in ein lebendiges und heilsames Konzept zu verwandeln.

    Daraus entwickelte sich der „Zeit-Raum“ als Entspannungs- und Kreativraum für Firmen und Hotels. Sowie als Höhle und Ruheinsel für hunderttausend Besucher:innen der EXPO 2000 in Hannover.

    Dazu passt George Bernard Shaw (1856-1950). Er wird mit den Worten zitiert: „Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?“

    Vielleicht können wir alle daraus lernen, unseren Träumen mehr Raum zu geben. Und den besten zu folgen. Sie kennen den Weg.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Freigeräumt!

    Endlich. Gestern hatte ich die Energie, um anzupacken und wegzuschmeißen. Jetzt ist der Tisch leer. Freigeräumt vom Chaos. Jetzt fällt die Maserung der Holzplatte wieder mehr ins Gewicht. Und ins Auge. Der ganze Papierkram war auch viel zu aufdringlich geworden.

    Wenn ein Teil zu dominant wird, gefährdet er das Gleichgewicht. Unser Hausengel, die Skulptur aus dem Baumstamm geschlagen, hat auf dem Tisch wieder mehr Raum und Platz für sich. Sein Gesicht ist kunst- und liebevoll geschnitzt. Gerade scheint sein Mund ein wenig zu lächeln. Ist natürlich nur Einbildung, aber wenn ich dieser Engel wäre, würde ich jetzt lächeln. Wäre irgendwie aufgeräumter – wie der ganze Tisch. 

    Sein Leben aufräumen, den ganzen Ballast abwerfen. Reinen Tisch machen. Was hindert uns oft daran? 

    „Wer weiß, wofür es gut ist?!“ pflegte meine Mutter zu sagen, wenn sie wieder etwas im Schrank verstaute. Und: „Vielleicht brauchen wir das ja nochmal. Da sind wir vielleicht nochmal froh, dass wir Vorrat haben!“ Die Kriegsgeneration sammelte, was das Zeug hielt. Wer viel verloren hatte, setzte auf Sicherheit und Besitz. Und wenn die Seife einen Pfennig billiger war, wurde gerne ein Stück mehr gekauft. Und gegebenenfalls der Nachwelt vererbt.

    So hinterließen uns die Eltern kistenweise Seife, Kordeln, rostige Nägel und stapelweise Dias, die sich heute kein Mensch mehr anschaut. – Nun fällt der Apfel in aller Regel nicht weit vom Stamm.

    So hatte ich unseren Esstisch mal wieder zur Hälfte mit ausgedruckten E-Mails, Büchern, Klebezetteln und Arbeitsmaterialien belegt. Bis Claudia mich fragte: „Und wo bleibe ich?“ Recht hat sie. Wir Männer gingen ins Feld, um den Bären zu jagen. Wir dehnten unser Jagdrevier aus. Und jetzt machen wir das gleiche mit unseren Hobbys. Überall nehmen wir Raum ein. Und sagen dann vielleicht noch: ’Das ist der Freiraum, den ich brauche.‘ – Männer! Das ist kein Freiraum mehr. Da liegt alles rum!!! 

    Früher, in den Höhlen, konnten unsere Vorfahren die Vorräte in den Ecken verstauen. Die Höhlen der Jetzt-Zeit sind Keller und Speicher geworden. Was da alles verstaubt und Spinnweben ansetzt …

    Wir müssen es ja nicht gleich so übertreiben wie „Silbermond“ im Lied vom leichten Gepäck: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg …“ 50 Prozent sind ja auch schon mal was …

    Ich rufe Claudia: „Hier“, sage ich stolz und zeige auf die freie Fläche, „der Tisch ist leer! Der kann wieder atmen. Schau mal: Die Maserung der Holzplatte kommt wieder voll zur Geltung.“ Und unser Hausengel thront frei und erhaben. Jetzt scheint er mit sich und der Welt im Reinen zu sein. 

    Reinen Tisch machen sollten wir häufig im Leben. In jeder Hinsicht.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Mäh-Geräusche: Von Ruhe und Lärm

    Teil 2

    Ich springe aus dem Liegestuhl. ‚Ja, hat der eigentlich kein Fahrrad?‘, tobt mein inneres Rumpelstilzchen. ‚Heute fährt man Fahrrad! Fahrrad, Junge!‘

    Durch die Büsche zum Nachbarn sehe ich Konturen. Jetzt steigt er von der Maschine … Wie, was? Der Motor knattert weiter?! Im Leerlauf?! … Der geht ins Haus?! Und lässt das Ding … Ich flippe aus! … Kettensäge und Stinkbolzen am heiligen Wochenende!

    Was meint der Dalai Lama nur mit „innerer Ruhe“? Wieso Ruhe? Hier hängt mein Adrenalinspiegel unter der Decke. Ich tigere hin und her. Vollkommen unerlöst. – Da! Jetzt fällt mir vor lauter Schreck auch noch das Taschenbuch aus der Hand. Der Wind schlägt die Seiten um. Dabei begann der Tag doch so friedlich! Einigermaßen. Wenigstens. 

    ‚Wieso lässt der Sohn das Ding da knattern? Bin ich zu alt für diese Welt?‘ – Ich begreif’s einfach nicht … Ah – jetzt kommt der Felix wieder rausgelaufen. Dreht die Maschine … und macht sich vom Acker. Das Getöse wird leiser. Ein Stoßgebet und Dank für etwas Ruhe. 

    Ich fahre wieder runter. Lass mich langsam in den Liegestuhl gleiten. Atme aus. Ganz tief. Und spüre mit sanft anflutender Wonne, wie sich meine verkrampfte Muskulatur erholt … War ich auf Seite 8 stehen geblieben? Kommt mir vom Inhalt so neu vor. Lässt mein Gedächtnis nach? 

    NEIN!!! NEIN, NEIN … Jetzt rast der Hund des Nachbarn aus der Haustür. Ein Kläffer. Dem Sohn hinterher? Das hatten wir heute noch nicht. Ein lautes, schrilles „Wau“, das durch Mark und Bein geht. Fünfzehn Mal. Mindestens. Es geht nicht mehr schlimmer! Wahnsinn! 

    ‚Vergiss den Dalai Lama!‘ Ich gebe auf. Und hadere wieder mal mit meiner Unfähigkeit, die Ruhe bewahren zu können. 

    Sicher – der Dalai Lama hat recht. Wir sind gelassener, wenn wir nicht bewerten. Wir sind freier, wenn wir nicht alles mit dem Verstand zerpflücken und nicht verurteilen. Aber es gelingt mir heute einfach nicht, mein inneres Rumpelstilzchen in die Hollywoodschaukel in meinem Herzen zu setzen. Dazu bin ich schon zu weit aus der Haut gefahren. Geht’s noch schlimmer?

    Da! Plötzlich … Kurzschluss beim Nachbarn! – Oder … fertig? Ist das wirklich … Ruhe? Gibt’s doch nicht! Tatsächlich … ich höre nur noch das leise Plätschern vom Brunnen … Lausche in die Luft. Zweifel steigen auf … Doch nur das Vorspiel zum nächsten Sturm? … Nein! Die Stille hält. Nicht zu fassen!

    Durchatmen. Und auf der schönen Seite des Lebens landen. Mensch, welch wunderbares Vakuum ist da in meinem Kopf. Eine seltene Leere. Ich kann gar nicht mehr denken. Nur noch befreit fühlen.

    Aber nachher … da fange ich das Buch vom Dalai Lama noch mal von vorne an. Die ersten 17 Seiten, von denen ich nichts behalten habe. Aus dem kleinen Buch der inneren Ruhe.

    Und unseren Rasen? – Den lass ich mit Sicherheit erst einmal wachsen …

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Mäh-Geräusche: Von Ruhe und Lärm

    Teil 1

    Mensch, gerade mäht der Nachbar seinen Rasen. Muss sein, klar. Aber diese Benzinrasenmäher machen ganz schön Lärm.Ist seine Wiese wirklich so groß, wie es sich anhört? 

    Ah, jetzt ist Ruhe … Nein, er fängt an zu flöten. Eine Melodie kann ich nicht erkennen. Er flötet schief. – Jetzt fehlt nur noch, dass der Hund kläfft … Das nicht, aber jetzt geht wieder der Rasenmäher.

    Gut, es ist nicht mehr Mittagszeit. Da kann man natürlich kein Veto einlegen.

    Ich war allerdings gerade dabei, mich auf unserer Terrasse auszubreiten und ein Buch vom Dalai Lama zu lesen. Und von ihm lerne ich doch immer: einfach wahrnehmen, Gedanken loslassen, die Dinge des Lebens nicht bewerten.

    Das Büchlein, das ich gerade in meinen Händen halte, heißt: „Kleines Buch der inneren Ruhe“. Ich mühe mich also, das Mähen in Nachbars Garten nicht zu bewerten. ‚Nur die Ruhe!‘, rede ich mir ein. Und: ‚Es ist, wie es ist!‘ Die Steigerung ‚Es ist immer und überall so, wie es ist!‘ führt mich aber auch nicht ins Seelenparadies. Alles vergebens. Der Lärm lenkt mich ab. Die Konzentration ist verflogen. Jetzt habe ich schon 17 Seiten gelesen – und so gut wie nichts behalten. So ein Mist! Da könnte ich glatt aus der Haut fahren! ‚Es geht nicht mehr schlimmer!‘, sprühen meine grauen Zellen. 

    Dabei wollte ich draußen doch nur Pause machen, im Liegestuhl die Sonne genießen und dabei ein bisschen lesen … mit innerer Ruhe – und ganz entspannt.

    Aber was ist das? Die Mähgeräusche ändern sich. Es macht „klock! klock!“ Aber auch: „Rumms, bumms!“ – ‚Ja, lenkt der seinen Rasenmäher immer vor die alte Eiche?‘ Ich bin entsetzt. Und hoch konzentriert abgelenkt. 

    Au! Jetzt knirscht und kreischt es voll metallisch! Stößt er beim Kantenschneiden etwa alle paar Sekunden vor den großen Findling in seinem Garten? – Wahnsinn. Heavy-Metal für Rasenmäher?! Volle Dröhnung auf den Ohren. – ‚Ja, stell doch gleich Riesenboxen auf!‘, ereifere ich mich. Mein Verdacht erhärtet sich: ‚Der kann nicht mähen!‘ 

    Ich blättere zurück. Bis zum Inhaltsverzeichnis. – ‚Ruhe da drüben!‘, rufe ich in mich hinein. Und: ‚Mach Schluss, der Rasen ist kurz genug!‘, schiebt eine grantige innere Stimme noch hinterher. Jetzt tritt mein gedanklicher Kritiker auf die Bühne. ‚Du heiliger Bimbam!‘, meckert er. ‚Du fokussierst dich wieder mal nach außen, nicht nach innen. Bewahre die Ruhe!‘ – ‚Du hast gut reden!‘, motze ich ihn an. ‚Hast wohl an seinem Buch mitgeschrieben und weißt alles besser!‘ Sauer bin ich langsam. Das geht mir voll auf den Zeiger!

    Ah, ein Moment der Stille. Jetzt spüre ich nur noch die leichte Brise ums Eck. ‚Er legt eine Trinkpause ein‘, denke ich. Die Ruhe wirkt aber labil. Ich nutze den Augenblick und schau mir noch mal das Titelbild des Buches an. Ein zartes Hellblau. Mit ein paar gezeichneten Lavendelblüten. Ton in Ton. Die Farbgestaltung vermittelt schon die herbeigesehnte Ruhe und Entspannung. Man gewöhnt sich ja schnell an Umweltgeräusche. Ich fahre wieder runter und beginne noch mal mit dem Vorwort. Schön, wenn man …

    Himmel, jetzt knallt was … Oweiowei … Sohn Felix biegt in den Stichweg ein. Auf seinem Motorrad. Der Motor heult auf. Dreimal. Den Rasenmäher höre ich gar nicht mehr. Nur noch das Knattern des Feuerstuhls. Der Lärm nimmt kein Ende. Das erste Kapitel kann ich schon wieder knicken! Das bringt mich auf die Palme! Es geht nicht mehr schlimmer.

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • 10 Jahre „Futter für die Seele“ 

    Leben wir für unsere Ziele?

    „Kinder, wie die Zeit vergeht …“ Das ist nicht nur ein Ausruf, sondern ein Lied aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Muss man nicht kennen. Aber gefühlt stimmt es ja wohl. 

    Vor zehn Jahren, also 2013, schrieb ich die ersten „Futter“-Kolumnen. Anfangs noch unregelmäßig, mittlerweile aber zwei pro Monat. Immer am Anfang und in der Mitte. 

    Und ich frage mich: Könnte eine Tätigkeit über einen solch langen Zeitraum nicht zur starren Routine werden? Und auf Dauer langweilig? Oder ist das Durchhaltevermögen zu loben, und Beständigkeit ein Wert an sich?

    Meine innere Antwort darauf lautet: Ist mir schnurzpiepegal. Wenn etwas Freude macht, ist ein Jubiläum nur eine Etappe. Eine Winke-Winke-Durchgangsstation. 

    Halt, stopp! Eine Frage bleibt: In Richtung welchen Ziels will ich mich denn entwickeln? 20 Jahre „Futter“-Berichte zu schreiben? Das ist nicht mein Ziel. Es kann ja morgen zu Ende sein. Mit Ideen, mit der Gesundheit, der Lust am Schreiben. 

    Natürlich suggeriert uns unsere Gesellschaft, dass wir Ziele haben müssten. Höher, schneller, weiter… Und wenn es auch einen Kredit erfordert. Es muss schon das neueste iPhone sein. Markenklamotten. Eine Reise auf dem Traumschiff. Ziele. Immer neue Ziele. Das erfordert – neben finanziellen Mitteln – auch Kraft und Ausdauer. Und überfordert bisweilen. 

    Immer mehr meiner Patientinnen und Patienten kommen mit Symptomen des Ausgebranntseins in meine Praxis. Früher kannte man das „Burn-out-Syndrom“ noch gar nicht. Es ist viel mehr geworden in den vergangenen Jahren, was zu bewältigen war. Und ist. 

    Zu viel!

    Sebastian (Name geändert) arbeitet in einem sozialen Beruf. Neben dem Personalmangel nahm die Arbeitsbelastung für jeden Betreuer immer weiter zu. Es geht ja schon lange nicht mehr ausschließlich um den Dienst am Menschen. Da müssen Pläne geschrieben werden für den Arbeitgeber. Die Teamorganisation ist kompliziert und für zwei Schultern zu schwer geworden. Die Anzahl der Mitbewerber im Markt macht es auch nicht einfacher. Kurz und prägnant: Drei Worte reichen zur Beschreibung des Elends. „Es ist zuviel!“ Wir werden zu hilflosen Helfern. 

    Marlies (Name geändert) hatte zwei Jobs nebeneinander. Den „normalen“ Beruf in zwei Schichten. Und frühmorgens noch das Austragen der Tageszeitungen im Bezirk. Da käme sie ja an die frische Luft, das wäre alles kein Problem, sagte sie. Bis sie zum Arbeitgeber zitiert wurde. Ihre Kolleginnen hätten sich über sie beschwert. Sie wäre so reizbar geworden, ziemlich explosiv in letzter Zeit. Und auch die Kunden würde sie nicht mehr freundlich bedienen.

    „Dabei wollte ich doch nur mithelfen, dass wir früh im Leben unsere finanziellen Ziele erreichen. Deshalb die zwei Jobs“, sagte sie kopfschüttelnd. Nichts ging mehr. Völlig ausgelaugt war sie. 

    Immer wieder liest man in letzter Zeit, dass Teile der jüngeren Generation nicht mehr bereit sind, für Konsum und andere Ziele ihr Leben zu opfern. Ihre Gesundheit. Ihr Glück. Es geht auch mit weniger. Ohne große Besitzansprüche. Ohne den ständigen Vergleich mit dem (größeren) Auto des Nachbarn.

    Mir scheint dann doch eine gesündere Generation heranzuwachsen. Denn „Burn-out“ bedeutet ja in aller Regel: Mindestens ein halbes Jahr keine Kraft, keine Energie, kein Antrieb. Dafür Depression und kein Licht am Ende des Tunnels. Sechs Monate, oft länger.

    Vielleicht sollten wir alle lernen, uns weniger Ziele zu setzen. Und das Verpassen von Zielen zu akzeptieren. Besser noch zu feiern. Dann geben wir dem Leben die Chance, neue Wege zu öffnen, die für uns (wie) geschaffen sind. Die uns prägen, aber nicht überfordern. Die uns Raum zum Atmen lassen. Uns vor die Wahl stellen, „ja“ oder „nein“ sagen zu können. Nicht mit dem Strom schwimmen zu müssen. Lassen wir doch öfters neue Wege zu, die das Leben uns unter die Füße schieben will. Dann brauchen wir nur noch zu gehen, ganz im Hier und Jetzt. 

    Und die Zukunft? Wird sich ergeben. Mit jedem neuen Tag. Dann wird sie geschluckt vom Heute. Und morgen ist heute schon wieder gestern. 

    Also … Ich plane nur noch, was geplant werden muss. Wenn ich den Koffer für den Urlaub packe. Zum Beispiel. Ich plane aber nicht mehr die Zeiten für meine Anekdoten und Kolumnen in dieser „Futter“-Rubrik. 

    „Kinder, wie die Zeit vergeht“ … Ja! Aber jeder Tag ist ein neuer Anfang. Vielleicht ist es klüger, unser Leben unter diesem Aspekt zu betrachten. Und – wenn uns danach ist – einfach darüber zu lächeln … 

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Das warme Fell

    Die Chefredakteurin der Zeitschrift „Philosophie-Magazin“, Svenja Flaßpöhler, schreibt in einem Editorial (Philosophie-Magazin, Nr. 01/2023): „Als Kind habe ich mich manchmal im Körbchen zum Hund gelegt.“ Sie fährt fort: „Sein warmes Fell hat mich über meine Einsamkeit hinweg getröstet, die entstand, wenn die Außenwelt keinen Zugang zu meinem Inneren fand und mein Inneres keinen Weg nach außen. Als wenn da eine Scheibe wäre, eine unsichtbare Grenze. Warum, so dachte ich, während ich den Hund hinter seinen Ohren kraulte und seinen Tierduft in meine Nase sog, versteht mich niemand!“ 

    Jeder Mensch möchte verstanden werden. Schon das Baby möchte so verstanden und angenommen werden, wie es sich selbst fühlt. Oft behindern die Vorstellungen der Eltern (oder der Gesellschaft) die freie Entfaltung des Kindes.

    Als ich dreieinhalb Jahre jung war, schickten mich meine Eltern in einen konfessionellen Kindergarten, der einem Kloster angeschlossen war und von Nonnen geleitet wurde. Sechs Jahre nach Kriegsende. Das war 1951. Ihre Ordenstracht war beeindruckend. Ihre Kopfbedeckung voluminös. Für kleine Kinder respekt-, vielleicht sogar furchteinflößend. Ich kann mich erinnern, dass ich mich von Anfang an seelisch ausgeliefert fühlte. Abhängig von der Strenge oder Warmherzigkeit der Nonnen. Die Strenge dominierte. 

    Rückwirkend kann ich nur feststellen: Der kindliche Wille sollte gebrochen werden. „Man darf Kindern nicht zeigen, dass man sie liebt. Sonst verweichlichen sie und finden sich im Lebenskampf nicht zurecht.“ So war die gängige Meinung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Kinderarzt Dr. med. Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808 – 1861, der Namensgeber der Schrebergärten) diese Meinung in die deutsche Gesellschaft einführte.

    1949, als die Volkshochschulen wieder geöffnet hatten, hörte meine Mutter den Vortrag eines Psychologen über Kindererziehung, der genau diese Meinung vertrat: Eltern sollen ihren Kindern nicht zeigen, dass sie sie lieben!

    Und jetzt, in diesem Nonnenkloster, die doppelte „Dröhnung“: Wer von uns Kindern in den Ohren der Nonnen zu laut war, bekam ein schwarzes Leukoplast-Band auf den Mund geklebt. Wer in den Augen der Nonnen zu aktiv herumlief, wurde mit einem Tau am Stuhl festgebunden.

    Meine Rettung: Ich habe nicht resigniert, sondern Widerstand geleistet und meinen Eltern von diesem religiösen Sadismus berichtet. Sie reagierten sofort und meldeten mich in einem weltlichen Kindergarten an.

    Sich nicht verstanden zu fühlen, kann total einsam machen. Oder Widerstandskräfte wecken. Ich habe gelernt, mich im Widerstand sauwohl zu fühlen. Reibung weckt die Lebensgeister. Ich bin dankbar für alle Menschen, die versucht haben, mein Leben einzuengen und zu beschneiden. Ich habe viel von ihnen gelernt. Vor allem, was ich nicht mehr mit mir machen lasse.

    Daraus wächst die Erkenntnis: Das Leben kann gelingen – trotz alledem! Die Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler legte sich als Kind zum Cockerspaniel der Familie, um Trost in ihrer Einsamkeit zu finden.

    Linus von den Peanuts liebte seine Kuscheldecke. 

    Wir anderen haben alles in uns, was uns im Erwachsenenleben helfen kann: Unsere Selbstfürsorge. Unser Selbstmitgefühl. Wir alle sind es wert, uns selbst sinnbildlich in den Arm zu nehmen und uns zu wärmen. Denn wer steht uns näher als wir selbst?

    Vielleicht probierst Du es einmal mit der nährenden Überzeugung, dem Satz: „Ich bin Liebe – alles umfassende Liebe.“ 3 x täglich, jeweils 3 Minuten. Wie ein Ritual, ein Mantra. Es ist und bleibt ein „warmes Fell“ für unsere Seele.

    Denn das Leben kann gelingen – trotz alledem!

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp