Der Weg, der nicht begangen wurde
Du wirst ihn nicht kennen. Ich kannte ihn auch nicht: Robert Frost, den US-amerikanischen Dichter und vierfachen Pulitzer-Preisträger.
Frost (1874-1963) schrieb unter anderem das lyrische Gedicht: The road not taken.
Aber von Anfang an …
1989 erschien in den USA ein Kultfilm, der ein Jahr später in deutscher Übersetzung zu uns herüberschwappte und einen lateinischen Schlüsselsatz mit sich führte, der Kultstatus gewann: „Carpe diem!“ – „Nutze den Tag!“
Der Film hieß: „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams in der Hauptrolle. Ein Englischlehrer in den autoritären 1950er Jahren an einem britischen Internat. Mit Prügelstrafe und anderen Ungerechtigkeiten. Auch fast 40 Jahre nach der Kino-Premiere hat er nichts von seiner Faszination eingebüßt.
Robin Williams, der früher selbst Schüler an diesem Internat war, erzählte als Lehrer seinen Abiturienten vom Geheimnis und der Freiheit in einer alten Indianerhöhle, wohin er mit einigen seiner Kameraden nachts durchgebrannt war. Dazu mussten sie zuerst die Internatsmauern überwinden. In dieser Höhle jenseits der Mauern fühlten sie sich frei – und lasen sich nachts poetische Gedichte vor, die sie im Anschluss interpretierten.
Was sich ahnen lässt: Einige seiner Schüler im Film entschieden sich nach seinen Berichten auch für die Fortsetzung seines Abenteuers. Nachts in der Höhle, beim Schein einer Taschenlampe, lasen sie sich gegenseitig – gespannt und beseelt – aus der englischen Literatur vor. (In der heutigen Zeit fast unvorstellbar.)
Ein Hauptthema dabei war das Gedicht „The Road not Taken“ von Robert Frost. Der Inhalt geht so: Im Wald gabeln sich zwei Wege. Der eine wurde oft begangen. Es wächst kein Kraut mehr auf dem Pfad, kein Gras und keine Pflanze. Denn ständig wurde er betreten.
Der andere blieb unberührt. So neu und voller Geheimnisse – bis ins Unterholz hinein.
Für welchen Weg entschied sich der Dichter in seinem Text? Er schwankte lange in seinen Überlegungen hin und her – und wählte schlussendlich den einen, der kaum beschritten wurde.
Und das, schrieb er am Schluss, habe den Unterschied gemacht.
Allerdings … zur Wahrheit gehört, dass wir erst im Rückblick auf unser Leben feststellen können, ob es die beste Wahl gewesen ist.
The Road not taken – der Weg, der noch nicht begangen wurde.
Es ist immer unsere eigene Entscheidung: Halten wir am Alten fest, gehen wir auf „Nummer Sicher“? Oder wagen wir den Spurwechsel? Probieren wir aus, was wir noch nicht kennen? Aus Interesse, aus Neugierde, aus Abenteuerlust, aus Freude an der eigenen Entwicklung?
Für mich schließt das eine das andere ja nicht aus. Manchmal bleibe ich den früheren Entscheidungen treu. Manchmal denke und handle ich neu und unvertraut. Beides hat seinen Platz in meinem Leben. Der Weg kann oft begangen – und manchmal ganz frisch und neu sein.
Ich wünsche Dir – neben der Sicherheit, die wir alle brauchen – auch viele neue und belebende Erfahrungen auf Wegen, die Du noch nicht gegangen bist. Sie führen Dich zu wertvollen Erkenntnissen auf der Reise Deines Lebens.
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
