vibrant blue star flowers with dew drops

Kleine blaue Blümchen

„Bitte bestellen Sie bei uns am Tresen.“ Das kleine Schild steht hier auf jedem Tisch. Bis zum Tresen ist es nicht weit. Das Bistro ist klein und befindet sich in der ersten Etage eines Haushaltswarengeschäftes in Freiburg im Breisgau. Die blauen, mit Gräsern so natürlich gebundenen Blümchen stehen hier in einem Mini-Glastöpfchen, das aussieht wie ein winziges Weckglas. 

Jeder Blumenfreund erkennt sie sofort: Es sind Pflanzen aus der Familie der Glockenblumengewächse. Zarte, kleine Sträußchen. 

Der Hauptgrund meiner Aufmerksamkeit ist Claudia. „Meine blauen Lieblingsblümchen“, sagt sie sofort beim Platznehmen. „Sind die entzückend!“, betont sie mit einem Lächeln. – ,Und die Glastöpfchen verkaufen sie sicher auch hier im Haus’, denkt der Geschäftsmann in mir. 

Der Tag ist heiß. Der Klimawandel nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Aber hier oben, im hinteren Bereich des Geschäftes, ist es leicht klimatisiert, also angenehm kühl. Da lassen sich Erfrischungen auch wirklich genießen. 

Die kleinen blauen Blümchen … 

Ich erinnere mich bei ihrem Anblick: Ein amerikanischer Psychologe gründete vor Jahrzehnten hier in Europa eine christliche Meditationsgruppe. Er nannte sie „Les petites fleurs“: die kleinen Blümchen. Damals, mit der Arroganz meiner wilden Jahre, zog ich ungläubig meine Augenbrauen zusammen. Sich freiwillig kleinmachen? Nichts Herausragendes schaffen? Das erschien mir eindeutig zu wenig für dieses Leben. 

Und doch strahlten die Augen dieser Menschen – bei aller Bescheidenheit – etwas aus, das die vielen im Rampenlicht so oft vermissen lassen: eine Dankbarkeit, Demut und Klugheit … ja, mag sein, sogar Weisheit. 

Die kleinen blauen Blümchen …

Vielleicht ist der schönste Anlass zur Lebensfreude nicht die eigene Wichtigkeit, das eigene Streben nach Erfolg. Sondern das Da-Sein für die Gemeinschaft. Die Liebe zum „Du“ und zum „Wir“. Zur Natur und zur ganzen wunderbaren Schöpfung. Die Freude, die wir teilen, und das Lächeln, das wir verschenken.

Die kleinen blauen Blümchen … 

Zwischen blinkenden Kaffee- und Espressomaschinen, die hier zur Vorführung bereitstehen, wirken sie wie eine kleine Geste, die das Herz erwärmt.

Kurz bevor das Bistro schließt, kommt die freundliche junge Dame, die hier ihrer Arbeit nachgeht, an unseren Tisch. Anscheinend bemerkt sie die Herzensverbindung, die Claudia zum kleinen Glockenblumenstrauß aufgenommen hat. „Ich muss die über das Wochenende leider wegwerfen“, sagt sie und zeigt auf die Vase. „Montag bekommen wir neue Blumen“, nickt – und hält kurz inne. „Sie mögen sie? Soll ich Ihnen ein Sträußchen einpacken?!“ 

Jetzt, am Sonntag in unserer Ferienwohnung, sitze ich vor unseren kleinen Glockenblumen, erfreue mich an ihnen – und schreibe diese Geschichte. Die kleinen blauen Blümchen haben wir in ein Trinkglas gestellt. Wasser haben sie. Und Aufmerksamkeit. Es gibt nur keine Mini-Glastöpfchen wie im Bistro. Die aussehen wie winzige Weckgläser. Es wird den Blumen egal sein. 

Und ich lese ein Zitat, das Mutter Teresa (1910-1997), der albanischen Ordensschwester, zugeschrieben wird. Es lautet: 

„In diesem Leben können wir keine großen Dinge tun.

Wir können nur kleine Dinge mit großer Liebe tun.“

Welch außergewöhnlicher Gedanke. Welche Anregung für mehr Solidarität und Lebensfreude. Frei von Egoismen.

„Wie wahr“, sagt Claudia – und lächelt. 

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Georg Rupp