I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Bula Bula Bula!

    „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.“ – Ja, da kannst Du mal sehen … Ist das nicht ein irrer Spruch?! Stammt vom Philosophen Voltaire. Der ist zwar schon seit 1778 tot, aber seine Einstellung ist zeitlos. Und gut obendrein.

    Spürst Du nicht auch, dass Druck abfällt, wenn Deine oberste Priorität ist, glücklich zu sein? – Ja? Dann aber mal ran! Wie kann Dein Entschluss denn aussehen? Was sind die Grundvoraussetzungen für Dein Glück?

    Wahrscheinlich macht es Sinn, sich zu fragen: Was verstehe ich überhaupt unter dem vielzitierten „Glück“? – Glück ist für mich nichts Bombastisches. Eher: Mit den Höhen und den Tiefen des Lebens angemessen und konstruktiv umgehen zu können.

    Aber ich höre schon, dass manche jetzt laut denken: Das ist mir für ein solch wertvolles Wort einfach zu wenig. „Glück“ muss sich doch deutlich vom Alltag abheben. „Glück“ muss etwas Außergewöhnliches sein. „Glück“ muss strahlen!

    Doch: Gehört zum Glück nicht einfach eine heitere Gelassenheit? Eine Lebensfreude, die ansteckend ist?

    Ich möchte Dir ein Beispiel geben: Jahr für Jahr bestelle ich mehrere Exemplare des „Lebensfreude-Kalenders“ aus dem PAL-Verlag in München. Ein Kollegenpaar von mir hat ihn vor mehr als dreißig Jahren entwickelt. Diesen Kalender lege ich immer ins „Lesezimmer“ meiner Praxis. (Ich habe kein „Wartezimmer“. Wer wartet schon gerne?) Viele meiner Patienten nehmen ihn immer wieder in die Hand und blättern darin. Fast immer sehe ich dann in lächelnde Gesichter.

    Vor einigen Jahren las ich eine Überschrift in diesem Kalender, die lautete: „Bula Bula Bula.“ Das macht ja schon mal neugierig. Unter diesem Titel war zu lesen, dass viele Bewohner der Fidschi-Inseln fröhlicher sind als wir. Fremde begrüßen sie oft mit den Worten: „Bula Bula Bula.“ Was so viel heißt wie: „Sei willkommen, sei glücklich, wir lieben dich.“ In Reiseberichten ist häufig von ihrer Herzlichkeit die Rede. Natürlich sind die Fidschis mehr als nur „Bula Bula“. Aber ich frage mich schon, woher diese Lebensfreude kommt.

    Kann ein Grund ihre Einstellung dem Leben gegenüber sein? Wenn man Fidschianer fragt, was der Sinn des Lebens ist, antworten viele: „Glücklich sein, was sonst?“ Ist das Leben nicht ein Fest, eine vergnügliche Reise, ein Geschenk Gottes?!

    Wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte, trösten sie sich: Das geht vorüber, das ändert sich, damit werden wir fertig. Und weil alles vorübergeht und viele im Vertrauen leben, damit fertigzuwerden, machen sie sich auch insgesamt weniger Sorgen als wir in unserem „Bedenkenträgerland“.

    Seit dieser Geschichte hat sich für mich noch etwas verändert.

    Nachdem ich nämlich dieses Kalenderblatt wiederentdeckt hatte, fand ich meine Grußform in Briefen nicht mehr so passend. „Mit freundlichen Grüßen“ ist freundlich, ja, aber irgendwie floskelhaft geworden. Wenn mir danach ist, schreibe ich jetzt: „Heitere Grüße!“ Das macht mein Herz leicht und zieht die Mundwinkel nach oben.

    Wenn wir uns entschlossen haben, glücklich zu sein – stünde uns allen dann ein Lächeln nicht gut zu Gesicht?

    Einen schönen Tag noch und – Bula Bula Bula!

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • NEU! „Gesichter der Seele – Geschichten, die ein Therapeut erzählt“ (Band 3)

    „Es sind herrliche Geschichten, so froh machend.“ Jutta hat sich festgelesen. Im Grunde war Psychologie noch nie ihre Lieblingslektüre. Aber jetzt … die Geschichten kämen so ganz anders daher. Irgendwie federleicht. Und ohne erhobenen Zeigefinger. „Auch die Sprache ist locker, wie bei einer mündlichen Erzählung im Familienkreis“, ergänzt sie noch. Und: „Ich habe mich in vielen Anekdoten wiedergefunden. Das macht die Sache so spannend.“

    Vorteilhaft sei auch, dass man die Bücher jederzeit aus der Hand legen könne. Es sind ja Kurzgeschichten für zwischendurch. Geeignet für ein verregnetes Wochenende. Oder die Bank am See.

    Wer mehr erfahren will, liest „Unter dem Strich“ weiter. Nach Ende vieler Geschichten finden sich in dieser Rubrik kurze psychologische Erläuterungen. Oder Beispiele für ein gutes Leben.

    Und deshalb eignen sich die Bände für alle Menschen mit Interesse an fachlich fundierter, aber leicht zu lesender Psychologie. An „Short Stories“. Und an Lebenshilfen mit manchmal verblüffenden Lösungen.

    Literarisch lassen sich die Erzählungen zwischen Hermann Hesse und Wilhelm Busch einordnen, sagt meine Lektorin. An Busch erinnern Humor und Satire, an Hesse die Metapher des Fährmanns, der die Leser durch die Windungen der Seelenlandschaft führt.

    In meinen Büchern verknüpfe ich Lebenserinnerungen mit der langjährigen Erfahrung des Therapeuten und der heiteren Gelassenheit des Rheinländers. „Ihr Alleinstellungsmerkmal ist ein Kolumnenstil, gepaart mit rheinischem Humor“, beschreibt es eine Autorenkollegin. Und in der Rheinischen Post war zu lesen: „Georg Rupp kennt die Gesichter der Seele. 45 Jahre Therapie-Erfahrungen sind in die Texte geflossen, die den Alltag mit einem Augenzwinkern auf die Schippe nehmen, verbal gegen den Strich bürsten und philosophisch sezieren.“ (RP vom 23.02.2021) Es sind heilsame Geschichten von einem Fährmann der Seele.

    Für zahlreiche Bewertungen der ersten drei Bände stehen stellvertretend diese sieben Kommentare:

    • „Was für eine Freude, ein wunderbares Layout, Cover und ein noch besserer Inhalt. Glückwunsch. Die Geschichten tun einfach gut. Gerne mehr!“

    Ahmed Schrör, Ethnologe

    • „Man kann in die Erlebnisse eintauchen. Man ist ganz nah dabei, wird in die Geschichten reingezogen. Man erlebt sie förmlich.“

    Waltraud Kappes, Mutter von fünf Söhnen

    • „Einzigartige Handschrift: Tiefgründig, witzig, herzlich.

    Mathilde Kramer, Lehrerin im Ruhestand

    • „Ich bin von Deinen Büchern begeistert und hoffe, dass Du daraus noch zwei Hörbücher machst.“

    Johannes Galli, Clown

    • „Die Bände sind mit viel Liebe geschrieben. Wir haben viel gelacht. Man spürt die Liebe des Autors zu seinem Beruf.“

    Martina Kockers, Rentnerin

    • „Mir geht immer wieder das Herz auf, und ich habe meine Freude!“

    Ulla Krebs, Sonderpädagogin

    • „Ich konnte die drei Bände kaum weglegen. Ich finde sie wunderbar! Dein Humor ist göttlich. Und dieses Bodenständige, Augenzwinkernde und gleichermaßen Tiefgehende – das ist es, was mich fasziniert. Es ist grandios, was Dir da gelungen ist.“

    Siglinda Oppelt, Coaching & Consulting

    Manchmal denke ich: ‚Das ist zu viel der Ehre.‘ Aber ich versuche doch auch, meinen Patient*innen beim Aufbau ihres Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls zu helfen. Da sollte ich ja Vorbild sein. Also nehme ich diese tollen Kommentare dankbar und mit großer Freude an. Jeder Mensch braucht Anerkennung, sonst verhungert seine Seele. Also – allen, die mir geschrieben haben: Vielen Dank!

    Weitere Informationen zu den Büchern und zum Autor auf: www.dr-rupp.com/autor.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Der Geschichtenerzähler – Teil 2

    „Gesichter der Seele – Band 3“ ist erschienen!

    In einer der 26 neuen Geschichten erzähle ich von einem Drama, das die meisten kennen: Wenn der Nachbar am Wochenende den Rasen mäht.

    An einem schönen Sommertag geschah Ungewöhnliches: Meine Ohren registrierten Geräusche in Nachbars Garten. Mein Gehirn folgerte: „Mensch, gerade mäht der Nachbar seinen Rasen. Muss sein, klar. Aber diese elektrischen Rasenmäher machen ganz schön Lärm. Ist seine Wiese wirklich so groß, wie es sich anhört?“

    Ah, jetzt ist Ruhe … Nein, er fängt an zu flöten. Eine Melodie kann ich nicht erkennen. Er flötet schief. – Jetzt fehlt nur noch, dass der Hund kläfft … Das nicht, aber jetzt geht wieder der Rasenmäher.

    Gut, es ist nicht mehr Mittagszeit. Da kann man natürlich kein Veto einlegen.

    Ich war allerdings gerade dabei, mich auf unserer Terrasse auszubreiten und ein Buch vom Dalai Lama zu lesen. Und von ihm lerne ich doch immer: einfach wahrnehmen, Gedanken loslassen, die Dinge des Lebens nicht bewerten.

    Das Büchlein, das ich gerade in meinen Händen halte, heißt: „Kleines Buch der inneren Ruhe“. Ich mühe mich also, das Mähen in Nachbars Garten nicht zu bewerten. ‚Nur die Ruhe!‘, rede ich mir ein. Und: ‚Es ist, wie es ist!‘ Die Steigerung: ‚Es ist immer und überall so, wie es ist!‘, führt mich aber auch nicht ins Seelenparadies. Alles vergebens. Der Lärm lenkt mich ab. Die Konzentration ist dahin. Jetzt habe ich schon 17 Seiten gelesen – und so gut wie nichts gehalten.

    So ein Mist! Da könnte ich glatt aus der Haut fahren! ‚Es geht nicht mehr schlimmer!‘, sprühen meine grauen Zellen.

    Es geschah noch viel mehr an jenem Sommertag. Lass Dich überraschen in „Gesichter der Seele – Geschichten, die ein Therapeut erzählt“, Band 3. Erhältlich über meine Website (www.dr-rupp.com), über den Online-Buchhandel und die Buchhandlungen vor Ort.

    Die Hardcover-Ausgabe (mit festem Einband und Lesebändchen) kostet 19 Euro, Paperback-Exemplare (Taschenbücher) 14 Euro. Und das E-Book ist für 6 Euro erhältlich.

    Wie sagte der Geschäftsführer eines Buchverlags zu mir: „Ihr Schreibstil hat mich begeistert.“ Und kündigte an, dass er im neuen „Lebensfreude-Adventskalender“ drei Texte von mir abdrucken möchte.

    Geschichten erzählen, die auf Wahrheit beruhen, kann unendlich viel Freude machen. Welche Lebensgeschichte haben Sie noch nicht erzählt?

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Der Geschichtenerzähler — Teil 1

    „Gesichter der Seele – Band 3“ ist erschienen!

    Vor kurzem las ich in einer Zeitschrift einen Artikel zum Thema: „Mein Plan B“. Der erste Satz griff den Gedanken von John Lennon (1940-1980) auf: „Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen.“ Es ging darum, wie beruhigend es sein kann, sich zu überlegen, was sich noch so alles anstellen ließe mit diesem Leben.

    Da war von Jörg, einem Zauberer, die Rede, der in der Corona-Krise keinen einzigen Auftrag mehr bekam und seinen „Lebensplan B“ realisierte: Menschen zu helfen. Er wurde Rettungssanitäter.

    Und aus Plan A: „Nachhilfelehrerin“ startete Meike in der Pandemie ihren Plan B: Digitalunternehmerin mit Online-Unterricht und 120 digitalen Kursen.

    Jörg gibt uns den Tipp: „Lass dich bei deinen Entscheidungen nicht von allgemeinen Lebensweisheiten und Kalendersprüchen beeinflussen, sondern rede mit den Menschen, die dir wichtig sind – und denke gut nach.“ (Brigitte WOMAN 08/2021)

    Und Meike verrät: „Hör auf, klein zu denken. Du hast mehr Möglichkeiten, als du glaubst.“ (dieselbe Quelle)

    Über einen Plan B zu fantasieren, erweitert unsere Lebens- und Handlungperspektiven. Das gibt Sicherheit in einer Welt, in der nichts mehr sicher scheint. Wir spielen mit den Möglichkeiten und verschaffen uns dadurch ein Gefühl, mehr als bisher im Griff zu haben. (Ob Plan B realistisch ist, spielt zunächst keine Rolle.)

    Was ich geworden wäre, wenn es mit Psychologie und Psychotherapie nicht (mehr) geklappt hätte? – Mein Plan B hieß seit langem: „Geschichtenerzähler“. Ich hätte mir Geschichten und Märchen ausgedacht – und sie erzählt. Im Zentrum der Stadt, in Buchhandlungen, auf Marktplätzen, in Cafés. Vorgelesen hätte ich. Philosophiert mit den Menschen. Über die Geschichten, das Leben und den Tod.

    „Sie sind ein Geschichtenerzähler!“, sagte Carlo Günther, Geschäftsführer eines Buch-Verlags zu mir. Und: „Ihre Bücher erzählen von Ihrem Leben. Ich lese sie gern.“

    Jetzt, brandneu erschienen: „Gesichter der Seele, Geschichten, die ein Therapeut erzählt“, Band 3. Erhältlich über meine Website (www.dr-rupp.com), über den Online-Buchhandel und die Buchhandlungen vor Ort.

    Mein Plan B, der „Geschichtenerzähler“, ist Wirklichkeit geworden.

    Wird fortgesetzt …

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp

  • Steffi on FLOW

    Beim Reifenwechsel (2) — Teil 2

    Dann kam der Juli 2019: Steffi schrieb mir, dass etwas geschehen sei.

    Etwas „Supertolles, therapeutisch Wertvolles und Fantastisches. Etwas, was meine Seele geschafft hat. Und was gut für mein gebrochenes Herz ist: Ich vergaß meinen Hochzeitstag. Nicht eine einzige Sekunde kam eine Erinnerung hoch. Kein Kopfkino. Kein Traurigsein. Keine Tränen. Kein Gedanke an die Vergangenheit … nichts, nada … ist das nicht unglaublich toll???!!!“

    Und sie steigerte sich so in diese Freude hinein, dass sie diesen Moment nur noch genießen konnte, als sei sie soeben ein zweites Mal geboren worden. Endlich war sie frei. „Dieses besondere und tiefe Gefühl, was mich da fast überrannt hat, kam so total unerwartet. Es hat mich im positiven Sinn voll umgehauen.“ Und: „Das Gefühl hält an – und ein Lächeln steht mir im Gesicht.“

    Zum Abschied schrieb ich ihr: „Manchmal ist es gut, in der Ferne zu wachsen und zu reifen. Unser Bewusstsein ist nie ‚fertig‘. Wir sind wie Wanderer zwischen den Welten. Genießen wir unsere Zeit. Und, liebe Steffi: Sie sind eine ganz tolle, starke Frau!“

    Sie erwiderte mit einem Päckchen. Mit einer Weltkarte zum farbigen Ausmalen all der Länder, die man bereits in seinem Leben besucht hat. Daneben lag ihre Ermunterung: „Reisen Sie. Genießen Sie das Leben. Seien Sie auch für sich und Ihre Frau da, nicht nur für Ihre Patienten.“ – Danke, liebe, mutige Steffi. In der Tat: Die Weltkarte verliert langsam einige ihrer weißen Flecken.

    Fast habe ich mich in diese Erinnerung hineingeträumt. Hier, in der Kundenwartezone des Autohauses, gelingt es ja auch wunderbar, die Zeit zu dehnen. „Es dauert fünfundvierzig Minuten“, sagte die Angestellte an der Auftragsannahme. Neunzig sind es bis jetzt geworden. Auch okay …

    Eine Kundin im Zwei-Meter-Abstand schließt die Augen. Ich hatte sie gar nicht bemerkt, als sie in den Raum kam. Ihr Partner daddelt am Handy. Entschleunigung kann wie eine Reise sein … Genussvoll.

    „Herr Rupp!“, ruft die Dame an der Kasse. Ich zucke zusammen. „Ihre Winterreifen sind eingelagert.“

    Den Sommer genießen – trotz Corona? – Klar! „Genießen“ heißt doch immer auch: Augen und Herz öffnen für das Leben. Und die werden von der Mund-Nasen-Maske ja nicht bedeckt …

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Steffi on FLOW

    Beim Reifenwechsel (2) — Teil 1

    Ist das eigentlich ein „Running Gag“? Da sitze ich wieder mal in der Kundenwartezone des Autohauses. Die Sommerreifen werden aufgezogen. Mitte Mai ist es schon. Aber durch Corona war vorher nichts möglich. Im Jahr 2020.

    Abstand halten gilt. Und Mund-Nasen-Schutz. ‚Da kann ich jetzt aber schlecht meinen obligatorischen Kaffee trinken‘, denke ich bei mir.

    Ein weiter Sprung zurück: Selbst Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) lässt den Direktor im „Faust“ (der Tragödie erster Teil) im Vorspiel auf dem Theater sprechen: „Euch ist bekannt, was wir bedürfen: Wir wollen stark Getränke schlürfen.“

    ‚Da fehlt mir was zum Genuss!‘ – Ist es nicht so, dass Menschen, die nicht genießen können, irgendwann ungenießbar werden?

    Kein Kunde wartet mit mir. Die Sesselchen stehen weiter auseinander. Die Pflanzen hier sind künstlich. Wie so vieles in unserem Leben. ‚Künstlich hat mit Kunst nicht viel zu tun‘, sage ich mir.

    So leer war es hier noch nie. Es wird telefoniert. „Corona-Gedöns“, höre ich an den Beratertischen. „Corona-Jedöns“, also mit „J“, sagt man bei uns. Das „Corona-Jedöns“ geht manchen langsam auf den Senkel. Die Menschen möchten das Leben wieder genießen können. – Das Leben genießen?

    Da fällt mir gerade die unglaubliche Geschichte von Steffi wieder ein. Sie war damals achtunddreißig. Die letzten vier Jahre hing sie in einer extrem komplizierten Trauer. Ihr Mann hatte sich ohne Ankündigung, von einem auf den anderen Tag, und mit seelisch sehr verletzenden Worten und Handlungen aus dem Staub gemacht. Überließ sie sich selbst (und ihrer damaligen Therapeutin). Die Ehe war kinderlos geblieben. Steffi verlor alle ihre Lebenssäulen. Ihren Lieblingsmenschen, ihr Zuhause, ihre Kontakte und ihren Job in der Reisebranche. Sie konnte nicht genug lachen, um Kunden zu binden. Sie passe nicht ins Team, wurde ihr gesagt. Sie wäre nicht geeignet für diesen Beruf als Reiseverkehrskauffrau.

    Steffi litt still vor sich hin. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände – kein Lächeln und keine funkelnden Augen mehr. Eine halbe Ewigkeit hing sie in ihren Depressionen und im Trauma fest.

    Erst nach Jahren … irgendwann … kam die Wut so richtig hoch. Damit konnte sie anfangs gar nichts anfangen. Wut kannte sie nicht. „Steffi“, sagte ich ihr, „Wut ist Vitalität, ist eine große Kraft. Das Gegenteil von Depression.“

    Vier Wochen später: Steffi kam zur Therapie, war auf Widerstand gebürstet. „Wissen Sie was, Herr Rupp? Ich hab die Schnauze voll! Ich such jetzt keinen neuen Job. Ich will dem Staat auch nicht auf der Tasche liegen. Ich habe was gespart. Ich mach mich vom Acker. Nur weg, die Welt erleben.“

    „Das ist ja toll!“ Was sie denn vorhabe?

    Vier Wochen wolle sie mitarbeiten in einem Kindersozialprojekt in Kambodscha. Und dann für fünf Monate als Backpackerin nach Neuseeland, ans „Ende der Welt“ – auf den Spuren von „Herr der Ringe“. Der Film sei ja dort gedreht worden. Steffi: „Der hat mich damals sehr fasziniert. Und jetzt möchte ich dahin und mir meinen Traum erfüllen!“ Dabei lächelte sie – endlich – einmal ganz unbeschwert.

    Ihre neue Freiheit genoss sie in vollen Zügen. Als ob wirklich ein Schalter umgelegt worden wäre.

    Sie führte Tagebuch und setzte den Blog ins Internet. So informierte sie ihre Schwester und ihre Freundinnen fast jeden Tag. Sie war „on FLOW“. Mit wenigen Tiefen und vielen Höhen. Auf ihren Rucksackreisen lernte sie zahlreiche Menschen kennen – junge wie alte. Sie spürte das kostbare Geschenk, nicht allein zu sein.

    Den Mount Cook, den höchsten Berg Neuseelands, hat sie auch noch erklommen. Real und symbolhaft – für ihren Lebensaufstieg aus dunklem Tal hinauf ins helle Licht. Sie schaute nicht mehr nach unten oder hinten. Nur noch nach oben und nach vorn.

    Von ihrer Lebensreise zurück, fand sie im Ausland ihre Berufung. Mich wundert es nicht: Sie ist wieder in der Reisebranche tätig.

    Wird fortgesetzt …

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Danke für die Blumen!

    Hier sitze ich, mein Blick schweift umher. Mehr belanglos als betrachtend. Erstaunlich nur, wie dieser kleine Vogelschwarm den großen Strauch einnimmt. Da fliegen sie mit vollem Karacho hinein, dass man denken könnte, sie prallen an den Zweigen ab. Aber weit gefehlt, sie finden fast ohne Abbremsen den perfekten Landeplatz. Mindestens zehn auf einmal, die rein- und wieder rausfliegen. – Den Schönwetterwölkchen am Himmel wird es egal sein. Der Rasen ruht still. Ich weiß nicht, wie er sich fühlt – und was er vielleicht fühlt, wenn wir Menschen mit unseren breiten Schuhen auf ihm herumlatschen. Wenn wir eine Blume zu Fall bringen, könnte ihr das wehtun. Aber der Rasen?

    Hier sitze ich. Eigentlich wollte ich mal an gar nichts denken. Nur „sein“. Und jetzt denke ich daran, was der Rasen so alles ertragen muss.

    Es ist schon komisch mit uns Menschen. Abschalten und nur „sein“ ist schwierig. Und an nichts denken geht schon mal gar nicht.

    Warm ist es. Meine Unterarme sind feucht. Das bemerke ich aber erst, als eine Fliege sich auf den linken setzt, um an einer kleinen Schweißperle zu saugen.

    Friedlich ist es. Doch, einigermaßen. In der Ferne höre ich einen Hubschrauber kreisen. Ich spüre, dass ich nicht ganz bequem sitze. So verlagere ich mein Gewicht ein wenig … Jetzt passt es besser.

    Ich höre die Geräusche, die der Wind an der Fahnenstange macht. Da habe ich gestern die Europafahne aufgezogen. Europa finde ich wichtig. Aber den Rasen haben wir nicht gut gedüngt. An einigen Stellen ist er recht kahl. Tut mir leid, Rasen.

    Ja, ich sitze hier. Warum? Ich warte auf eine Eingebung. Eine Anekdote fehlt mir noch für mein Buch. Für die Geschichten, die ein Therapeut erzählt. Mein Blick schweift umher …

    Jetzt setzt sich Claudia neben mich. Blättert im Reiseführer. Ich rieche Kaffee. Ich sage ihr, dass es schön ist, wenn sie neben mir sitzt. Sie freut sich kurz – und vertieft sich wieder.

    Sie hat alle meine Geschichten gelesen. Mich motiviert. „Wenn es in Dir brennt, musst Du das Buch schreiben“, sagte sie. Ihre Meinung ist ehrlich. Manches habe ich drin gelassen, auch wenn sie es nicht so gut fand. Anderes habe ich gestrichen.

    Danke, Claudia, für Deine Offenheit und Deine liebevolle Wertschätzung. Danke für die Blumen.

    Ja, eine neue, letzte Eingebung kommt hier und heute wohl nicht mehr angeflogen. Dann schreibe ich einfach das auf, was mir beim Sitzen und Schauen in den Bleistift fällt.

    Ach ja, und den Kaffee … den gönne ich mir jetzt. Der duftet wirklich. Die Marke kenne ich nicht. Aber gut ist er. Das schmecke ich sofort.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp

  • Fräulein Maria ist rot geworden

    Zweiundzwanzig Jahre war sie jung und Altenpflegerin. Ihr Arbeitsplatz in den 1980er Jahren lag meiner Praxis genau gegenüber. Ein Altenheim mit Pflegestation. 

    Maria (Name geändert) stellte sich beim Erstgespräch vor. „Ich bin so schüchtern“, sagte sie und errötete leicht. „Ich bin total schüchtern“, wiederholte sie eindringlich. Und legte die Arme ganz eng an ihren Körper. „Mir ist klar“, fuhr sie fort, „das liegt an mir.“ Alle würden hinter ihrem Rücken schon tuscheln und sich angrinsen …

    „Haben Sie das tatsächlich schon mal festgestellt?“, fragte ich sie. – Nein, wahrgenommen habe sie das noch nicht. Aber das wäre ja klar. Beim gemeinsamen Mittagessen am Tisch mit fünf anderen Altenpflegern sei es ganz ruhig. Keiner würde etwas sagen. Alle würden total schweigsam essen. „Und da traue ich mich nicht hochzuschauen. Ich möchte gar nicht mitbekommen, wie die sich angrinsen und hinter meinem Rücken auf mich zeigen.“ – „Ja, wohin schauen Sie denn die ganze Zeit, während Sie essen?“, wollte ich wissen. – Sie säße so vornübergebeugt. In die Suppe würde sie schauen oder auf den Teller. – „Und Sie blicken nie hoch und vergewissern sich, was die anderen machen? Ob die wirklich über Sie und Ihre Schüchternheit lachen?“ – Nein, das könne sie nicht. Sie wolle es auch überhaupt nicht wissen. Das wäre ja schrecklich, wenn sich ihre Vermutung bestätigen würde. Damit könne sie dann nicht leben. 

    Es stand aber eine noch größere Herausforderung an. Am kommenden Wochenende sei Schützenfest im Ort. Und da strömten sicher tausend Menschen ins Festzelt, um gemeinsam zu feiern. Ihr Freundeskreis hätte leider beschlossen, dass jeder mal an der Reihe sei, nach vorne zum Tresen zu gehen und für den ganzen Tisch die Getränke zu holen. Wie schrecklich wäre das, wenn sie etwas verschütten würde und alle das mitbekämen. Peinlich, sogar extrem peinlich wäre das für sie. Allein schon der Weg zur Theke, an den Tischen vorbei … Sie könnte ja stolpern oder sich ungeschickt verhalten und damit auffallen … „Und dann habe ich ja noch die Riesenangst, rot zu werden. Das kann ich dann ja gar nicht mehr stoppen.“ Der Horror stand ihr vorauseilend ins Gesicht geschrieben. 

    Fräulein Maria ließ keine Möglichkeit aus, vorherzusagen, was alles passieren könnte, wenn …

    Ich unterbrach sie nach einigen Minuten ihrer quälenden Prophezeiungen.

    „Sie sehen das viel zu positiv!“, warf ich ein. Und: „Das ist ja viel zu harmlos gedacht. Wissen Sie, was am kommenden Wochenende im Festzelt wirklich passieren wird?“ – Nein, das wisse sie nicht, entgegnete sie ziemlich konsterniert. 

    „Dann hören Sie mir mal genau zu. Ich sage Ihnen, was passieren wird! Also, wenn Sie zur Theke gehen müssen, weil Sie an der Reihe sind, unterbrechen alle, aber auch wirklich alle Gäste im ganzen Festzelt auf einen Schlag ihre Unterhaltung. ‚Da!‘, rufen sie sich zu … ‚Fräulein Maria geht zum Tresen.‘ Die Gespräche verstummen. Ohne Ausnahme. Tausend Augenpaare verfolgen jeden Ihrer Schritte. Sie werden von allen Seiten fassungslos angestarrt. Jeder im Zelt ist fokussiert auf Ihren Gang. Man kann eine Stecknadel fallen hören. Und alle fragen sich, ob Sie heil an der Theke ankommen werden. Verstehen Sie?!“ – Irgendwie verstand sie das alles nicht. 

    Und weiter: „Das ist noch nicht alles. In der Tagesschau des Ersten Deutschen Fernsehens wird der Nachrichtensprecher Karl-Heinz Köpcke (so hieß er damals) am selben Abend eindringlich verkünden: ‚Bestürzender Vorfall beim Schützenfest in K.! Fräulein Maria ist rot geworden!‘ – Puterrot! Mit Foto im Fernsehen! Die ganze Nation kennt jetzt Ihr Schicksal!“ 

    Maria lachte verhalten, gönnte sich aber einen tiefen Atemzug. Ihr Körper entspannte sich. „Nee“, widersprach sie, „so schlimm wird es schon nicht werden …“

    Zwei Wochen später berichtete sie, dass es ein schöner Abend gewesen sei. Sie hätten viel Freude gehabt. Und es sei auch alles glatt gegangen. Selbst ihr Gang zur Theke. Und rot geworden sei sie auch nicht. 

    Aber es war noch etwas anderes passiert. „Sagen Sie mal, Herr Rupp …“, Maria überlegte kurz und fuhr fort: „Kann es sein, dass meine Arbeitskollegen, mit denen ich am Mittagstisch zusammensitze, irgendwie unsicher sind?“ – „Wie kommen Sie denn zu dieser Vermutung?“, fragte ich sie. Sie lächelte. „Ich habe mir vor einigen Tagen einen Ruck gegeben – und bei der Suppe hochgeschaut. Und da habe ich gesehen, dass alle still und irgendwie verlegen nach unten in ihr Essen geguckt haben. Sind die vielleicht auch alle schüchtern? Und kann es sein, dass ich mir die ganze Zeit nur etwas vorgemacht habe?“

    So ist es. Das „Fräulein“ hat sie sich auch schnell abgewöhnt. Die Bezeichnung „Frau“ würde ihr doch eher gerecht, meinte sie am Schluss. 

    Manchmal helfen Übertreibungen und Provokationen, die Maßstäbe wieder geradezurücken. Sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. Und vor allem: sich nicht mehr als Mittelpunkt der Welt zu sehen, um den sich alles dreht.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Schaffscho!

    Mut wächst mit dem Beginnen

    Es gab eine Zeit – ganz am Anfang der Entwicklung der Psychologie als Wissenschaft –, in der es hieß: Menschen jenseits des 50. Lebensjahres können sich nicht mehr verändern. Da wären die Strukturen der Persönlichkeit so ausgeprägt und festgefahren, dass keine Hebel existierten, um Gewohnheiten in andere Bahnen lenken zu können. Wie man heute weiß: Das ist ein Trugschluss.

    Ein schönes Beispiel dafür, dass es keine Altersgrenze gibt, um mehr Mut im Leben zu entwickeln, zeigt die folgende Geschichte:

    Uta (Name geändert), 75, auf eine Gehhilfe angewiesen, war Teilnehmerin an meiner wissenschaftlichen Untersuchung zur „Sozialen Kompetenz im Alter“. Denn 1978, als ich das Experiment durchführte, war bereits abzusehen: Einsamkeit in höheren Jahren wird immer mehr zum Thema der Alternsforschung werden. Wie lässt sich also der drohenden Vereinsamung wirksam begegnen? 

    Der Versuchsaufbau sah vor, in mehreren Gruppen die inneren Selbstgespräche zum Aufbau von Mut und Selbstvertrauen einzuüben. Die 120 Teilnehmerinnen an diesen Kursen sollten einen Satz ihres Vertrauens durch verschiedene Methoden im Unterbewusstsein verankern. Uta, die 75-jährige Seniorin, allein lebend und ohne Familie als Rückhalt, wählte hierzu den Satz: „Ich schaff es schon!“ 

    Ein halbes Jahr nach Ende des Kurses traf ich sie wieder. „Was macht denn Ihr Satz: ‚Ich schaff es schon!‘?“, fragte ich sie. Ihre Antwort: „Der heißt nicht mehr ‚Ich schaff es schon!‘. Der heißt nur noch Schaffscho!“

    „Was heißt denn ‚Schaffscho‘?“, fragte ich irritiert.

    „Also, ich will Ihnen das erklären“, lächelte sie. „Es war ein schöner Sommertag. Ich ging spazieren und erfreute mich an der Natur und an der wärmenden Sonne. Auf einmal stellte ich fest: Du bist ja so weit weg von zu Hause wie seit Jahren nicht mehr. Da bekam ich einen Schreck. Aber mir fiel sofort der Satz ein: ‚Ich schaff es schon!‘ Diesen Satz hatte ich ja gelernt! Und im Nu hatte ich keine Angst mehr. Ja, und dann habe ich mir vorgestellt: Du bist eine alte Dampflokomotive! Die hat ja Kraft, die kann ja ziehen … und dann bin ich einfach ‚angefahren‘ – so, wie die Dampflok immer schneller fährt: ‚Ich schaff es schon, ich schaff es schon, ichschaffesschon, ichschaffschon, schaffscho, schaffscho, schaffscho …‘ Was soll ich Ihnen sagen – mir ist noch nie ein Weg so leicht gefallen wie dieser. Ist das nicht toll?!“

    Ein halbes Jahr später traf ich sie noch einmal. „Na, was macht denn Schaffscho?“, fragte ich lächelnd. 

    „Brauch ich nicht mehr“, antwortete sie verschmitzt, „ich mach jetzt nur noch … so!“ Dabei stieß sie ihre beiden Fäuste kurz nach vorn. Uta hatte ihren Anker immer weiter reduziert.

    „Sie können es mir glauben oder nicht …“ Uta war von sich selbst begeistert. „Wenn ich so mache, also beide Fäuste kurz nach vorne stoße, bin ich topfit!“

    Ja, sagenhaft. Und traumhaft schön, wenn Menschen es sich wert sind, ihre Fähigkeiten auszuleben und neue Dinge zu erfahren. Ganz gleich, in welchem Alter. Denn Lernen hört ja niemals auf. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Das Traktat

    Aufklärung ‘62

    Ich war vierzehn. Meine Mutter hatte etwas Wichtiges anzukündigen. Eines Sonntags, nach dem Frühstück. Vater ging derweil spazieren, was er sowieso sehr gerne tat. Und er durfte sich ja auch nicht so richtig in die Erziehung einmischen. Er war ja Freidenker, also religiös ungebunden, was meiner Mutter nicht behagte. Sie wollte sicherstellen, dass ich römisch-katholisch geprägt und angeleitet werde. Da war mein Vater mit seiner Neigung zu den Geheimlehren des Buddhismus und Hinduismus eher auf Abwegen. Außerdem las er die Zeitschrift „esotera“ und das Buch „Der Weg zum wahren Adepten“, den spirituellen Lehrgang in zehn Stufen von Franz Bardon. Das alles fand Mutter seltsam, ließ ihn aber gewähren. So entwickelte ich mich letzten Endes zu einer kuriosen Promenadenmischung.

    Ich ahnte, was kommen könnte. Gerade hatten wir einen Osterurlaub in der Schweiz verbracht. Und auf der Eisfläche neben dem Hotel war ich einem über ein Jahr älteren Mädchen nähergekommen. Das heißt, wir drehten unsere Runden nebeneinander und kamen ins Gespräch. Schlittschuhlaufen konnte ich ganz gut. Ich war ja auch immer am Eishockeysport interessiert. 

    Eine Runde später nahm ich ihre Hand, steigerte das Tempo und zog sie drei Runden hinter mir her. Was meine Mutter vom Hotelzimmer aus beobachtete.

    Zu Hause hielt sie die Zeit dann für gekommen, mich aufzuklären. ‚Das kann nichts Gescheites geben‘, dachte ich noch, als sie mich nach dem Sonntagsfrühstück sprechen wollte. 

    Ich sei im Urlaub einem Mädchen nähergekommen. Und das könnte jetzt vielleicht öfter passieren. Da wollte sie mir ein paar Informationen mit auf den Weg geben. In der Schule gab es damals Aufklärung erst mit sechzehn. Unglaublich. Also war es Elternsache. 

    Mir war klar: Das weiß ich schon alles. Habe ja vor Jahren bereits klammheimlich im Anatomiebuch meiner Eltern und in deren „Ratgeber für Ehehygiene“ nachgelesen. Da stand beispielsweise, dass Onanie in jungen Jahren schädlich sein kann, weil der Mann im Erwachsenenalter dann nicht mehr genug Sperma produzieren würde. Wahnsinn.

    Mutter legte an jenem Sonntagvormittag ein ernstes Gesicht auf. Was denn mit diesem Mädchen auf der Eisfläche gewesen sei? Sie sei doch älter als ich gewesen … Sie verkniff sich allerdings den Hinweis auf die Bienen und die Blüten. 

    Aber – was jetzt? Sie bekam kein Wort heraus. Dann griff sie verlegen zu einer schmalen Broschüre, einem sogenannten „Traktat“, das sie mir wortlos in die Hände drückte. „Wer sagt mir das?“, stand auf dem Titel. Daneben war ein Lausbub mit zahlreichen Sommersprossen abgebildet. Ein Heftchen für Jungen. 

    Als ich hochschaute, bekam Mutter knallrote Ohren und Wangen. Das einzige Mal, dass ich sie erröten sah. ‚Ach, Mami …‘, dachte ich – und musste schmunzeln. ‚Du hast Dein Bestes gegeben. Mehr ist nicht drin. Du meinst es ja gut mit mir.‘ Schade, dass Eure Generation ihre Bedürfnisse nie richtig ausleben konnte. Nach all den schweren Zeiten lagen Eure Gefühle zu lange in der Tiefkühltruhe der Geschichte.

    Als Vater vom Spaziergang zurückkam, war die Aufklärung schon längst vorbei. Er war sicher froh. 

    Ins Traktat habe ich nie geschaut. Denn die Theorie kann die Praxis sowieso nicht ersetzen. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp