portrait of man covering face in distress

Wer schämt sich denn am besten fremd?

Teil 1
Über die eigene Scham, wenn Andere sich daneben benehmen

So alt ist der Begriff noch gar nicht. Er stammt wohl aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, wurde 2009 in den Duden eingeführt und 2010 in Österreich zum Wort des Jahres gewählt. 

„Fremdschämen“ meint umgangssprachlich, sich für Handlungen oder Verhaltensweisen anderer Personen zu schämen, die als peinlich empfunden werden.

Ein Beispiel aus früheren Tagen: Ich hab sie ja noch im Ohr, die grölenden jungen Männer, die früher ihren Dienst bei der Bundeswehr beendet hatten und sich am gleichen Tag die Kante gaben. Vor Freude und Erlösung. Oder auch, um zu dokumentieren: Wir sind harte Kerle, wir haben die eineinhalb Jahre mit Bravour überstanden. Grölend durch die Straßen zu ziehen schienen Freiheitsgefühl und Mannsgehabe zugleich. Und, was schon damals auffällig war: Sie schienen sich für ihr Verhalten nicht zu schämen. 

Auch Fußball-Fans können das locker hinbekommen. Sind es vielleicht nur Rituale, die den Zusammenhalt beschwören sollen?

An dieser Stelle brauchen wir keine wissenschaftliche Weisheit. Bedeutsam ist nur: Es schämen sich nicht die Individuen oder Gruppen, die die Regeln einer Gesellschaft verletzen. Das übernehmen andere für sie. Also handelt es sich um ein stellvertretendes Schamgefühl. Fremdschämen betrifft dabei hauptsächlich empathische Menschen, die sich gut in andere hineinversetzen können.

Eine der größten Fremdschämerinnen ist meine Frau Claudia. Ich neige ja manchmal zu spontanen und nicht vorhersehbaren Aktionen.

Zu früheren Zeiten beschäftigte ich mich nämlich mit der Frage: Warum soll es Speakers´ Corner nur im Londoner Hyde Park geben? Also fing ich an, in Fußgängerzonen Reden zu halten. Nichts Politisches. Mit Vorliebe über das „Nichts“. Also, was können wir uns unter dem „Nichts“ vorstellen?! Ist das „Nichts“ nichts? Oder etwas, das wir nicht kennen? – Ich redete mich in einen Zustand hinein, in dem ich selbst kaum noch mitbekam, was da aus mir herausbrach. Über das „Nichts“ kannst Du enorm viel erzählen, wenn Du nicht nachdenkst. Manchmal redete ich mich um Kopf und Kragen, meinte Claudia.

Als ich zum ersten Mal loslegte („Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger …“), ungeplant, einfach so – in der Fußgängerzone eines Städtchens im Westerwald -, war Claudia schockerstarrt. Es kam ja sehr spontan. Mit Panik in den Augen verschwand sie hinter den Kleiderständern des erstbesten Geschäfts, um Sekunden später an der nächsten Straßenkreuzung abzutauchen. 

Mein Kopf blieb dran. Ich tat ja keinem weh mit meiner Art. 

Wird fortgesetzt

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Georg Rupp