… und wie wir darüber denken
Teil 1
Hier sitze ich – ich kann nicht anders. Zu heiß ist es heute. Vor allem im Süden Deutschlands. Gott sei Dank weht eine leichte Brise über die schwer tragenden Weizenfelder.
Ein leises Knattern fordert meine Aufmerksamkeit. Auf der schmalen Landstraße dahinten fährt ein Motorroller von A nach B. Gut, dass der Helm heute auch vor Sonnenbrand auf der Schädelplatte schützt.
Gerade erinnere ich mich an einen ähnlich heißen Sonnentag in der Toskana. Damals, vor über vierzig Jahren. Ich nenne ihn den „singenden Caruso“. Auf einer Vespa fuhr er mir entgegen. Als sich unsere Blicke in halber Ferne trafen – des Vespafahrers und meine – begann er den Song „O sole mio“ zu schmettern. Aus voller Kehle. Vom Niveau her für den Privatgebrauch, dafür aber leidenschaftlich. Die Hymne an eine große Liebe.
Fünfzig Meter vor unserer Begegnung setzte er zum großen Finale an. Lächelnd, fast triumphierend, traf mich im Vorübergleiten sein „Crescendo“, die volle Dröhnung mit ansteigender Lautstärke. „O sole mio“ – ein heißes italienisches Lebensgefühl. Und eine Kommunikation über die Musik.
Der Mittfünfziger auf seiner Vespa fiel vom Höhepunkt der Melodie in einen sanfteren Ausklang. Und schaute sich nach dreißig Metern noch einmal kurz nach dem jungen Deutschen um – nun lachten wir beide.
Und ich dachte im Nachhinein: ‚Wir in unserem Land stöhnen schnell und gern über alles, was uns missfällt. Wenn es zu heiß ist, soll es kälter sein. Wenn es zu kalt ist, soll es wärmer sein. Wenn wir euphorisch sind, sollen wir bedacht bleiben. Wenn wir bedacht sind, sollen wir euphorischer werden. Wenn wir spontan entscheiden, sollen wir noch einmal nachdenken. Wenn wir plus und minus abwägen, sollen wir uns einen Entscheidungsruck geben.‘
Soll ich Dir mal was verraten?! – Wenn es wirklich grenzwertig heiß ist, so wie heute, mache ich mir ganz kühle Gedanken. Dann denke ich zum Beispiel an meinen ersten Schneemann und die Freude darüber. Ein älteres Mädchen half mir dabei. Denn von der langen Möhre und den zwei runden Kohlestücken für Nase und Augen wusste ich nichts. Stolz war ich, auch wenn die Pracht nicht lange hielt.
Wird fortgesetzt
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
