Was ist Poesietherapie? — Teil 2
Hast Du schon mal Dinge aufgeschrieben, die auf Deiner Seele brannten? Hast Du sie hingekritzelt? Nur raus damit, um Dich freier zu fühlen?
Im ersten Teil schrieb ich über Elke (Name geändert) und ihren Brief an ihre Mutter. Auf ihrem Weg zu sich selbst – und in ein unabhängiges Leben hinein.
Auch dieser Weg klappte nicht auf Anhieb. Er war steinig und uneben. Aber der letzte Satz im offenen Schreiben an ihre Mutter ist ihr in Fleisch und Blut eingegangen: „Jetzt dreh ich mich rum – und lebe mein Leben intensiv und bis zum Anschlag!“
Im zweiten Teil schreibe ich über Raimund (Name geändert), 58 Jahre.
Als sein Vater starb, schwankte er zwischen Trauer und Erleichterung. „Ja“, betonte er im Gespräch, „ich mochte ihn, liebte ihn sogar im tiefsten Herzen … aber es war auch nicht einfach mit ihm. Irgendwie habe ich immer gefühlt, dass er meinen jüngeren Bruder vorzieht.“ – „Das fühlt sich für Sie sicher heute noch traurig an, dass Sie damals benachteiligt worden sind“, spiegelte ich seine Gefühle wider.
Deshalb könne er einen Brief an seinen Vater auch nur schweren Herzens mit „Lieber Papa“ oder „Lieber Vater“ beginnen. Ihm fiele es leichter, einfach an „seinen Vater“ zu schreiben.
„Auch das ist völlig okay“, gab ich ihm zuversichtlich zurück. Und: „Können Sie denn Dank aussprechen, dass er an Ihrer Geburt beteiligt war?“ – „Das schon!“ antwortete Raimund spontan. – „Gut, dann kann’s ja losgehen,“ lächelte ich ihn an. Also:
„Mein Vater!
Du hattest Deinen Anteil an meinem Leben. So hast auch Du – neben Mutter – mir das Wichtigste gegeben: mein Leben! Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen.
Du hast mir manches mit auf meinen Lebensweg gegeben, das mir in meinem Leben geholfen hat. Auch dafür danke ich Dir.
Einiges hast Du mir mitgegeben, das mir mein Leben nicht leichter gemacht hat. Ich habe immer gefühlt, dass Du meinen jüngeren Bruder mehr gemocht hast als mich. Ich fühlte mich ihm gegenüber benachteiligt. Das hat mich traurig werden lassen. Aber heute ist es meine Entscheidung, mich davon zu befreien.
Vater, Du warst der Ältere – und ich bin der Jüngere.
Du kamst vor mir – und ich komme nach Dir.
Ich bin nicht auf dieser Welt – erst recht nicht nach Deinem Tod –, um Deine Erwartungen zu erfüllen.
Und Du warst nicht auf dieser Welt, um ein Urteil über mich zu sprechen.
Für alles, was mein Leben bereichert hat – und auch heute noch bereichert – danke ich Dir … und halte es gerne bei mir.
Alles, was mein Leben belastet – und nicht meins ist – gebe ich Dir zurück … und lass es bei Dir!
Und jetzt – ohne diesen Ballast – dreh ich mich rum … und geh einfach spielen. In einem Leben, wie es mir gefällt.“
Dein Sohn Raimund
Raimund standen die Tränen in den Augen. Entlastungstränen. Rinnsäle der Erleichterung. Zum ersten Mal wusste er: „Ich brauche nicht mehr zu leiden unter der Ungleichheit . Ich muss nichts korrigieren, nichts besser machen. – Und jetzt gebe ich mir die Erlaubnis, ganz frei über mein eigenes Leben zu bestimmen.“
Raimund begann, Regie in seinem Leben zu führen. „Bald kommen ja meine 60er Jahre. Dann fängt das Leben sowieso erst an!“, meinte er mit einem Gefühl von Trotz und Optimismus.
Er hatte sich freigeschrieben.
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
