a person holding a pen and a piece of paper

„Liebe Mama …“ 

Was ist Poesietherapie?Teil 1

Hast Du schon mal Tagebuch geführt? Oder Dir irgendetwas von der Seele geschrieben? – Gut so. In der Psychologie nennt man das auch „Poesietherapie“. 

Wenn das Innere nach außen drängt, wenn Belastungen durch das Niederschreiben geringer werden, wenn sich innere Tresore öffnen … kannst Du wieder durchatmen und nach vorne sehen.

Okay, das ist nicht so einfach, wie es klingt. Aber es ist ein Anfang. 

Fragst Du Dich jetzt, wie eine solche Poesietherapie aussehen kann? Zunächst einmal: Ich schreibe für mich selbst. Nicht, um den Brief an einen Adressaten zu verschicken, sondern um eine Wandlung in mir selber einzuleiten. Mir über etwas klarer zu werden. Die Blockaden zu lösen. Und den Neubeginn zu ermöglichen. 

Ein Beispiel: Eine junge Patientin von mir, Elke (Name geändert), 25 Jahre, konnte sich nur schwer von ihrer Mutter lösen. So wie auch die Mutter von ihrer Tochter. Beide „hingen“ seit langem aneinander. Besonders seit dem Zeitpunkt, an dem der Vater die Familie verließ. Und deshalb wollte Elke ihrer Mutter nicht noch zusätzlich wehtun. Auch wenn sie merkte, dass sie jetzt ihren eigenen Lebensweg finden müsse.

Ich fragte sie: „Elke, wie sprechen Sie Ihre Mutter an?“ – „Ja …“, sie zögerte …, „eigentlich immer noch ‚Mama‘. – „Okay, darf ich Ihnen helfen, einen Brief zu schreiben, den wir hier therapeutisch bearbeiten können?“ – Sie war bereit dazu. So bat ich sie, mir folgende Gedanken nachzusprechen und dabei in sich hineinzuspüren, ob die Sätze für sie passend sind. 

So entstand folgende Rede an sich selbst. Und daraus der poetische Brief: 

„Liebe Mama!

Du hast mir das Wichtigste gegeben: mein Leben. Dafür danke ich Dir von ganzem Herzen. 

Du hast mir Vieles mit auf meinen Lebensweg gegeben, das mir in meinem Leben hilft und mich bereichert. Auch dafür danke ich Dir sehr.

Einiges hast Du mir mitgegeben, das nicht gut für mich ist, weil es einfach nicht zu mir passt. Zum Beispiel Deine Erwartungen an mich. Dass Du enttäuscht bist, wenn ich zum Beispiel nicht jede Essenseinladung von Dir annehme. Manche Routinen engen mich einfach ein. 

Liebe Mama, Du bist die Ältere – und ich bin die Jüngere.

Du kamst vor mir – und ich komme nach Dir

Ich bin nicht auf dieser Welt, um Deine Erwartungen zu erfüllen. 

Und Du bist nicht auf dieser Welt, um mich bei Dir zu halten. 

Für alles, was mein Leben bereichert, danke ich Dir – und halte es mit Freuden bei mir. 

Alles, was mein Leben belastet und nicht meins ist – gebe ich Dir zurück … und lasse es bei Dir!

Und jetzt – nachdem ich meinen Ballast zurückgegeben habe – dreh ich mich rum – und geh nach vorn in mein eigenes Leben. Ich will es leben – intensiv und bis zum Anschlag!“ 

Deine Elke

Wird fortgesetzt

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Georg Rupp