I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Selber laufen lernen!

    In ganz jungen Jahren krabbelten wir auf alles zu, was uns interessant und spannend erschien. Später fingen wir an, uns aufzurichten, am Tischbein oder am Bein von Mama und Papa, um die schwierige Koordination und Balance für ein Leben auf zwei Füßen zu lernen. Wir fielen hin – und versuchten es erneut. Immer und immer wieder. Und irgendwann gelang es uns. Trotzdem fielen wir wieder hin. Und versuchten es erneut.

    Alle von uns haben es mit viel Übung irgendwann geschafft. Wir haben laufen gelernt. Und wenn uns später keine Krankheit oder das Alter an Rollstuhl oder Krankenbett fesseln, laufen wir immer noch auf beiden Beinen und im aufrechten Gang durch unser Leben. 

    Das kann aus psychischer Sicht ganz anders sein. Da verhalten sich viele erwachsene Menschen noch so, als ob sie ständig liegen bleiben müssten. Als wollten Sie geschaukelt werden wie in der Kinderkrippe. Als wäre Verantwortung für die eigene Entwicklung und Entfaltung ein Fremdwort. 

    Ja, manche suhlen sich geradezu in ihrer Opferhaltung. Sehe ich mich und mein Leben als Opfer anderer Umstände oder Personen, brauche ich ja keine Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Denn ich bin ja nicht schuld. Die Umstände sind es, meine Eltern, der Lehrer, der Chef, die Mitmenschen, die Religion, die Politik… Das Gestern, das Morgen, das Heute sowieso. Wie soll meine Seele da laufen lernen? 

    Also flüchten sie in Abhängigkeiten, um sich selber nicht zu spüren. Und den Ruf der Seele, jetzt endlich die ersten Schritte zu machen, nicht zu hören.

    Sie werden abhängig vom Partner, vom Alkohol, von Drogen, Süßigkeiten, Zigaretten, von Sex und Fernsehen, von Internet-Foren und -Spielen. Und nicht selten auch vom Therapeuten. 

    Die Seele wachsen, ja erwachsen werden zu lassen, bedeutet ständige Übung. Und setzt die Bereitschaft voraus, aus der Abhängigkeit der Opferrolle (einer der größten Fallen aller Selbstsabotage-Programme) wirklich ausbrechen zu wollen. 

    Willst Du das wirklich? Richtig wirklich und wahrhaftig?

    Dann wird es jetzt hart für Dich. Denn nun gibt es keine Rechtfertigung mehr, liegen zu bleiben und mit dem Finger auf die vermeintlich „Schuldigen“ zu zeigen. 

    Jetzt musst Du bereit sein, Deiner Seele Raum zu geben und Verantwortung zu übernehmen. Aufstehen, hinfallen, wieder aufstehen… wie damals, vor langer Zeit, als es mit dem Stehenbleiben ja auch geklappt hat. Deshalb: Immer wieder aufstehen (auch seelisch), immer wieder sagen: Es geht doch!

    Und hat nicht derjenige Erfolg im Leben, der einmal mehr aufsteht als er hinfällt? Denn der bleibt am Ende stehen! – Fang also an, selber, ganz für Dich laufen zu lernen.

    Es ist auch niemals die Aufgabe eines Therapeuten, die Probleme des Patienten zu lösen. Kein Therapeut dieser Welt ist „Lösungsgeber“, geschweige denn „Lösungsübernehmer“. Jeder Therapeut kann aber eine Hebammen-Funktion annehmen, nämlich das ans Licht zu begleiten, was im Patienten an inneren Schätzen und Ressourcen angelegt ist. Er, sie kann Mut zum Wachstum machen. Insofern ist der Therapeut eine Art Krücke, auf die man sich eine Zeitlang stützen kann. Laufen lernen, lebenstüchtig werden, muss jeder normal begabte Mensch selber. Das hat das Leben so vorgesehen. 

    Um die Not zu wenden, sind Wandlungen also unerlässlich. Die amerikanische Schriftstellerin Anaïs Nin (1903-1977) wählte hierzu einen poetischen Vergleich: „Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko zu blühen.“

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Der Erfahrene hat viele Narben

    Diese Behauptung basiert auf einem kanadischen Sprichwort. Und es bedeutet natürlich nichts anderes als die Binsenweisheit, dass wichtige Lebenserfahrungen Spuren hinterlassen – im Körper, im Geist und in der Seele.

    Narben zeigen die Verwerfungen des Lebens. Narben ersetzen das Unversehrte, Unerfahrene, manchmal auch das Aal-glatte unseres „Botox-Lebens“. 

    Wenn wir aber verstanden haben, dass wir unser Leben weder verlängern noch verbreitern, sondern nur noch vertiefen können, wie der deutsche Schriftsteller Gorch Fock bemerkt hatte, wird die Oberfläche weniger bedeutsam. 

    Diese Einstellung hat die leider viel zu früh verstorbene griechische Sängerin, Schauspielerin und spätere Kulturministerin ihres Landes, Melina Mercuri, auf eine bemerkenswerte Art bewiesen. Sie war gerade etwas über 40 Jahre alt, als sie ein Angebot erhielt, auf Kosten einer Kosmetikfirma ihre Falten entfernen zu lassen. Frau Mercuri erteilte dem Unternehmen mit folgenden Worten eine Absage: „Ich lasse mir doch nicht mein Leben aus dem Gesicht entfernen!“ 

    Wäre unser Leben nicht viel unaufgeregter, wenn wir uns nicht um jedes graue Haar Sorgen machen würden? Und wir endlich auch mal stolz auf unsere Lebenserfahrungen sein könnten? 

    Da halte ich es doch gerne mit Udo Lindenberg, der für sein Lied „Muss da durch“ die Zeilen schrieb: 

    „Manche Wunden heilen, heilen wieder zu, 

    doch die Narben bleiben, ich trag sie stolz wie ein Tattoo. 

    Vom schwarzen Abgrund nur noch einen Schritt entfernt, 

    und du springst, damit du fliegen lernst.“


    Udo Lindenberg, Muss da durch, Album: Stärker als die Zeit

    Vergleiche Dich nicht mit Anderen. Du lebst ein unvergleichbares Leben. Deine körperlichen und seelischen Narben gehören dazu. So wie alle Umwege, Sackgassen und Wendepunkte, die Dich und Dein Leben groß gemacht haben.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Das Leben ist zu kurz für irgendwann

    Steht auf einer Karte. Der Ausschnitt eines Riesenrades ist zu sehen. Das wirkt wie eine Einladung: Steig ein, fliege mit mir dem Himmel entgegen. Heute. Nicht morgen. Carpe diem – nutze den Tag.

    Es gibt Menschen, die verschieben alles auf irgendwann. Auf später. Oder auf viel später. 

    Sie verschieben die Prüfung, denn sie wissen ja noch nicht alles. Sie verschieben die Freude, denn sie haben sie sich noch nicht verdient. Sie verschieben ihren Wunsch nach Begegnung, denn sie könnten ja abgelehnt werden. Oder sie erfüllen sich alle Wünsche jetzt und sofort, weil sie ihre heutigen Pflichten nicht erledigen wollen.

    Die „Aufschieberitis“ heißt in der Fachsprache „Prokrastination“. Hört sich nicht schön an, finde ich. Irgendwie kratzbürstig. Geht aber als Krankheit durch. 

    Szenenwechsel – ein anderer Spruch: 

    „Wenn Du an eine Weggabelung kommst – nimm sie!“

    Manche Ratschläge können den gesunden Menschenverstand ganz schön strapazieren. Was soll denn so ein Spruch schon wieder? – Ist doch klar, denken vielleicht manche von Euch: Wenn ich an eine Weggabelung komme, muss ich mich entscheiden – rechts oder links. 

    Aber dann dieses auffordernde, ultimative: „… nimm sie!“

    Das kann schwierig sein und dauern. Vor allem dann, wenn keine Wegweiser an der Gabelung stehen. Es soll schon viele Menschen gegeben haben, die lieber den kompletten Rückzug angetreten sind, als mutig nach vorne zu gehen, egal, wohin die Schritte führen.

    Jedes Zögern, jedes Hin- und Hergerissensein im Leben (an der Weggabelung) ist auch eine Entscheidung. Nämlich die Nicht-Entscheidung. Wichtiger ist also, sich überhaupt zu entscheiden, als nur zu überlegen und zu zaudern.

    Um Dich zu entscheiden, kannst Du zwischen mehreren Möglichkeiten wählen: Du kannst Plus/Minus-Listen anlegen, Blütenblätter zupfen, eine Münze werfen oder lernen, auf Dein Herz zu hören.

    Wenn der Weg schön ist – geh ihn mit Freude und Zuversicht.

    Über 80jährige Menschen, die befragt worden sind, was sie in ihrem Leben versäumt haben, antworteten: 

    • „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.“
    • „Ich hätte nicht so viel gearbeitet.“
    • „Ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken.
    • „Ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrecht erhalten.“
    • „Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein.“

    (Bronnie Ware in ihrem Buch: Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, Arkana-Verlag 2013)

    Im Grunde finde ich den Gedanken: „Träume nicht Dein Leben – lebe Deinen Traum“ schon reichlich abgegriffen. Aber irgendwie stimmt er ja auch. Also: Die Weggabelung nehmen. Schnell aufs Riesenrad. Das Leben ist zu kurz für irgendwann.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Das Lebensprinzip des „Sein Lassens“

    Let it be.

    Bis vor einiger Zeit sprach ich immer – wie es auch bei vielen anderen Autoren zu lesen ist – von Loslassen. Wer loslässt, hat die Hände frei. Mir ist aber klar geworden, dass „Loslassen“ mit Kraftaufwand zu tun hat. Es ist wie dieses Tau in meinen Händen, das ich festhalte…und festhalte… und das meine Haut verletzt, sobald ich es durch meine Hände gleiten lasse. 

    Veränderung, Wandlung geschieht weniger durch Kraftaufwand, sondern „geschieht“ im Vertrauen darauf, dass mein Herz meine Sehnsucht kennt und weiß, wo das Land meiner Bestimmung liegt.

    Statt des Begriffes „Loslassen“ habe ich die beiden Worte „Sein lassen“ zu schätzen gelernt. Sein lassen. Let it be – wie es die Beatles besangen.

    „Sein lassen“ klinkt unangestrengt, fast mühelos. Einfach sein lassen…

    Sich herumdrehen – und spielen gehen.

    Sich herumdrehen – und sein Dasein ab jetzt intensiv und bis zum Anschlag leben.

    Also: Die „Brüllaffen“ des Lebens hinter sich lassen. Sich von der Sprache des Herzens führen lassen. Sich öffnen. Vertrauen. Lieben.

    „Sein lassen“ heißt, dem Seelenfrieden Raum zu schenken. Zu atmen. Tief zu atmen. Den offenen Raum in sich zu spüren. Im „Sein lassen“ das Einssein erahnen. Das hat für mich etwas von gelebter (und geliebter) Mystik.

    Was will jetzt, im „Sein lassen“, gelebt werden? Ist es die Sehnsucht, der Aufbruch, die Wandlung?

    Draußen im Garten haben die Forsythien zu blühen begonnen, heute legt sich ein leichter Schneeregen darüber. Die Neugeburt der Natur, Wandlung und Aufbruch, die Ouvertüre des Frühlings… Wir sollten die Angst vor den Häutungen des Lebens sein lassen. Wer reifen will, hält nicht fest.

    Ein erster Schritt zu größerer Entspannung und Ausgeglichenheit: Schmeiß Deine To-do-Listen weg! Und lege Let-it-be-Listen an! Schreib einfach alles auf, was Du ab heute nicht mehr tun, was Du sein lassen willst.

    Und dann beginne, Dein Leben zu feiern!

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Alles geht den Bach runter!

    Hast Du das auch schon mal gesagt: Alles geht den Bach runter? Und bedeutet das für Dich auch: Mein Leben ist mir aus den Händen geglitten, ich habe es nicht mehr im Griff!? Vielleicht sogar: Meine Arbeit ist ein Graus, meine Liebe ein Trauerspiel… Alles, was ich glaubte, errungen zu haben, hat sich in Luft aufgelöst!? 

    Es gibt im deutschen Sprachraum eine ganze Reihe von Begriffen, die uns die Lage klar machen. Zum Beispiel: „Ich bin völlig neben der Spur.“– „Ich habe die Fassung verloren.“ Oder auch: „Ich war außer Rand und Band.“

    Mach Dir aber auch die Bedeutungen klar: 

    Wenn Du völlig neben der Spur bist – wunderbar. Du hast Deine alte, nicht mehr taugliche Lebensspur verlassen. Die neue ist zwar noch nicht sichtbar, sie liegt noch im Nebel. Aber Dein Inneres, Deine Intuition, ist schon bereit für den Wechsel der Spuren. Welch ein Fort-Schritt!

    Wenn Du die Fassung verloren hast – sehr schön. Dann bleibst Du nicht mehr in alten Gewohnheiten verschraubt und kannst den Raum Deines Lebens ausdehnen, ausweiten, vergrößern.

    Wenn Du es geschafft hast, mal außer Rand und Band zu sein – hervorragend. Dann wirst Du nicht mehr eingebremst durch die bisherigen Ränder und Bänder Deines Lebens, die Dich kurz gehalten und wie ein Korsett eingeschnürt haben.

    Mach Dir doch Deine eigenen Gedanken über die Bedeutung weiterer Begriffe, wie: Aus dem Häuschen sein, aus dem Rahmen fallen, aus der Reihe tanzen, völlig losgelöst sein…Und suche eigene Beispiele. 

    Eines Tages kam eine 40jährige Patientin zu mir. Sie hatte gerade ihre Arbeitsstelle verloren, zeitgleich eine Beziehung beendet und einen großen Konflikt mit ihren Eltern herauf beschworen. Was sagte sie: „Ich habe gerade den Eindruck, dass alles bei mir den Bach runter geht.“ Dabei schaute sie mich hilfesuchend an, ob ich ihr wohl den richtigen Rat geben könnte.

    Ich weiß noch, wie ich lächelte und ihr antwortete: „Wenn bei Ihnen alles den Bach runter geht, dann ist ja bald alles wieder im Fluss.“

    Kannst Du Dir vorstellen, wie sie mich angesehen hat? Es hatte ihr die Sprache verschlagen. Ein paar Sekunden später musste sie aus ganzem Herzen lachen. „So habe sie das noch nie gesehen“, meinte sie.

    Was den Bach runter geht, landet alles im Fluss. Und schon fließt es wieder. 

    Übrigens: Vier Wochen später hatte sie eine neuen Mann kennen gelernt, eine neue Arbeitsstelle angetreten und eine innere Klarheit im Konflikt mit ihren Eltern gefunden. Dem Bach sei Dank.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Verrückt sein – und andere schöne Zustände

    Friedrich Nietzsche soll ja gesagt haben: „Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht.“ Ist jedenfalls auf einer Karte zu lesen, auf der zwei punkig schrille Typen Hand in Hand durchs Leben zappeln.

    Früher dachte der Volksmund: „Auf jedes Töpfchen passt ein Deckelchen.“ – Was damit gemeint war? Unter dem Strich geht es immer um die Liebe.

    Wer kann das ehrlicher, unbeschwerter und unverfälschter beschreiben als Kinder und junge Menschen verschiedener Nationen? Auf die einfache Frage: „Was ist Liebe?“ antworteten sie: 

    • „Liebe bringt Dich zum Lächeln, wenn Du müde bist.“
    • „Liebe ist das, was mit Dir im Raum ist, wenn Du an Weihnachten aufhörst, Geschenke aufzumachen und lauschst.“
    • „Wenn Du jemanden liebst, gehen Deine Augen auf und lauter kleine Sterne fliegen aus Dir heraus.“
    • „Liebe ist wie eine kleine alte Frau und ein kleiner alter Mann, die immer noch Freunde sind, obwohl sie sich so gut kennen.“
    • „Als meine Oma Arthritis bekam, konnte sie sich nicht mehr nach vorne beugen und ihre Zehennägel lackieren. Ab da tat es mein Opa für sie, auch dann, als seine Hände ebenfalls Arthritis bekamen. Das ist Liebe…“ 
    • „Es gibt zwei Arten von Liebe. Unsere Liebe. Und Gottes Liebe. Aber Gott macht sie alle beide.“
    • „Liebe ist, wenn Mami Papi das bessere Stück Hühnchen gibt.“ 

    Diese Weisheit aus Kindermund berührt mich immer ganz tief. Kein Wunder. Wir Menschen sind „Säugetiere“, und brauchen deshalb die Nähe und Wärme einer Beziehung und sozialen Gruppe. Wir sind nicht für ein Einsiedlerleben gemacht. 

    Gehen wir also in Beziehung. Den Wert der Bezogenheit aufeinander hat Virginia Satir, die Begründerin der Systemischen Familientherapie, so beschrieben: „Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. – Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn das geschieht, entsteht Beziehung.“

    Treffender lässt sich das wohl nicht ausdrücken.

    „Verrückt“ sein, also die Maßstäbe zu verrücken, und bedingungslos zu lieben – gibt es etwas Schöneres hier auf diesem Lernplaneten? 

    Eines Tages fragte der Stoffhase das Holzpferd: „Was ist wirklich?“ 

    Das Holzpferd antwortete: „Wirklich ist nicht, woraus man gemacht ist, sondern was an einem geschieht. Die Liebe macht wirklich.“ 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Heute nur leben…

    Heute will ich nur leben. 
    Heute werde ich Sonne tanken oder mich über den Regen freuen.
    Heute nehme ich mir frei und lass es mir gut gehen.
    Heute kann die Welt nicht an mir rütteln.
    Heute ist mein Tag.
    Heute schwebe ich sanft über meinen Gewohnheiten.
    Heute schaue ich über die Welt.
    Heute umkreise ich die Erde.
    Heute erfreue ich mich am blauen Planeten.
    Heute dehne ich mich aus und weite mein Herz.
    Heute lache ich über mich hinaus.
    Heute spüre ich alle Sterne in mir.
    Heute bin ich in mir zu Hause und habe das Universum zu Gast.
    Heute lebe ich unbegrenzt.
    Heute liebe ich mich und das Leben bedingungslos.
    Heute spüre ich Dankbarkeit.
    Heute bin ich angekommen in mir selbst, für jetzt und diesen Moment.
    Heute bin ich vertraut mit mir. 
    Heute nur leben.

    Morgen mache ich weiter…

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Kaum zu glauben. Es ist heller geworden. Die Sonne hat es doch tatsächlich durch die Wolken geschafft. Der ganze Nieselregen in der vergangenen Woche war ja keine Offenbarung. Jetzt, nach Sylvester, startet das neue Jahr mit Sonne. Da hat sich Petrus was einfallen lassen und die Wolken weggeblasen. War ein guter Vorsatz, dem die Handlung auf dem Fuße folgte.

    Hast Du Dir auch was vorgenommen für dieses Jahr? Zum Beispiel: Mehr zu lächeln? 

    Von Vicco von Bülow alias Loriot stammt der Satz: „Man hat nur Spaß im Leben, wenn man das Kindliche in sich trägt.“ Da kann doch ein schöner Vorsatz sein, mit 50 oder 70 wieder einen Drachen steigen zu lassen. Oder in der Fußgängerzone schillernde Seifenblasen zu pusten. Malen mit Seifenblasen geht auch. Also Blubberblasen auf Papier zerplatzen lassen. 

    Es gibt so viel Schönes. Unsinniges wie Vergängliches, Fantastisches wie Berührendes.

    Jetzt stell Dir doch nur mal vor, es stimmt, was Menschen mit Nahtoderfahrung berichten. Dass am Ende Dein ganzes Leben im Zeitraffer nochmals an Dir vorbei läuft. – Gut, jetzt sollst Du auch Erklärungen geliefert bekommen, warum Dein Leben so gelaufen ist. Also, warum Du so und nicht anders abgebogen bist. Diese und nicht jene Entscheidung getroffen hast. Geld versenkt oder beim falschen Partner geblieben bist. Warum Du so verletzlich warst. Wahrscheinlich auch, warum Du die Menschen so liebtest und eine „Mutter Teresa“ geworden bist.

    Kannst Du die Wiederholung Deines Lebens dann genießen? Schaust Du gerne Deinen Lebensfilm ein zweites Mal? Oder denkst Du jetzt: „Du lieber Himmel! Auf diesen Katastrophenfilm habe ich keine Lust!?“ 

    Ja, dann ändere doch ab heute Dein Drehbuch! Und gestalte jeden Tag so, dass es der Film Deines Lebens wert ist, ein zweites Mal angeschaut zu werden. 

    Das Steigen und Fliegen der Drachen und das Pusten der großen, schillernden Seifenblasen wirst Du dann in wunderschön bunten Farben sehen.

    Klar, hat noch Zeit. Aber fang an, Deinem Leben eine Liebeserklärung zu machen. Für gute Vorsätze, die das Leben bereichern, ist es nie zu spät.

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp

  • Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

    Das schwierige Thema der Geduld.

    Ja, ich gebe es zu: Ich bin immer noch recht ungeduldig. Wenn das Eine oder Andere nicht in Richtung meiner eigenen Erwartungshaltung verläuft, kann ich ungeduldig werden. Wenn zu viel Stau auf der Autobahn ist, wenn 60 Emails pro Tag mich an meine Grenzen bringen, kann mir auch schon mal der sprichwörtliche „Geduldsfaden“ reißen. 

    Geduld stellt uns oftmals auf eine harte Probe. Aber auch hier kann uns ein großer Lehrmeister helfen: Die Natur. Oder – mit anderen Worten – der etwas hausbacken klingende Sinnspruch: „Gut Ding braucht Weil“. 

    Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Alles entwickelt sich so, wie es sich entwickelt. Nicht langsamer, nicht schneller…

    Aber wir glauben oft, dass unser Leben so begrenzt ist, und wir immer mit 230 auf der Überholspur fahren müssten, um unser Pensum zu schaffen.

    Dahinter steckt die tief sitzende Angst, am Ende unseres Leben eingestehen zu müssen: Ich habe dies und das nicht erreicht, nicht erledigt. Oder: Das Leben (Gott) hat mir zu wenig geboten. Ich bin nicht gesättigt. Ich habe versäumt, meine Träume zu leben. Und – mir wurden zu viele Hindernisse in den Weg gelegt. Das Leben (Gott) hat mich ständig blockiert. Jetzt will ich endlich was vom Leben haben. Das steht mir zu. Jetzt will ich alles – und zwar sofort!

    Das ist nichts Neues. Das besang schon die Rockgruppe Queen: „I want it all, and I want it now.“ 

    Schwierig in einer Gesellschaft, die alles für möglich und machbar hält. Komm, Beeilung, das Warten muss ein Ende haben! Gras, wachs schneller, ich will es jetzt so!

    Es ist schon ein Kreuz mit unserer Unfähigkeit, warten zu können. Vielleicht können wir sogar sagen: Wir nageln uns ans Kreuz unserer Ungeduld. Und das heißt: Mit Ungeduld erreichen wir gar nichts. Wir können weder die Welt retten noch den Mond beeinflussen. „Wenn Du es eilig hast, geh langsamer“ heißt es in einem Erfolgsbuch.

    Vielleicht hilft Dir auch die Erkenntnis, die die damals noch jungen Rolling Stones auf Langspielplatte pressten: „You can’t always get, what you want.“ Du kannst nicht immer haben, was Du Dir wünschst. 

    Das ist zwar ärgerlich für unseren alltäglichen Narzissmus, aber gut für unsere Dankbarkeit und Demut. Dankbarkeit und Demut sind aber die erforderlichen Voraussetzungen für Weisheit. Und das wäre doch allemal ein erfüllendes Lebensziel!

    Wenn wir akzeptieren, dass uns hier auf Erden nur ein begrenztes Leben zur Verfügung steht, in dem wir nicht alles haben und erreichen können, und dass das Gras Zeit braucht, um zu wachsen, können wir unsere Ungeduld davonziehen lassen. Sie hat uns dann nicht länger im Griff. Welche Freiheit!

    Arbeiten wir daran!

    Alles Gute zum neuen Jahr 2019!
    In herzlicher Verbundenheit 
    Ihr Georg Rupp

  • Weihnachtsbrief 2018

    Von ganzem Herzen frohe und gesegnete Weihnachten! 

    Liebe Leserinnen und Leser dieses Briefes,

    für den diesjährigen Weihnachtsbrief habe ich das Thema „Perspektivwechsel“ gewählt. Diese Veränderung der Wahrnehmung beschrieb schon der Vater des „Kleinen Prinzen“, Antoine de Saint-Exupéry, wie folgt: „Um klar zu sehen, reicht oft ein Wechsel der Blickrichtung.“

    Der Advent gibt uns die Möglichkeit dazu. Gewiss, nur die Möglichkeit. Denn oftmals sind wir hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch, in dieser Gesellschaft „mitzuschwimmen“ – und der Sehnsucht nach dem winterlichen Klang der Stille. 

    Vor einigen Wochen fiel mir „Der andere Advent“ in die Hände, ein Kalender der Initiativen zum Kirchenjahr. Er ist sehr hochwertig und schenkt uns tägliche Impulse vom 1. Dezember bis zum 6. Januar, dem Tag der Heiligen drei Könige. 

    An einem solchen Tag stand unter dem Impuls „Wege nach innen“ ein Text von Iris Macke zum Perspektivwechsel. Lest ihn bitte zweimal: Wie gewohnt von oben nach unten. Aber dann auch von unten nach oben. Was sagt Euch das?

    Perspektivwechsel
    Advent heißt Warten
    Nein, die Wahrheit ist
    Dass der Advent nur laut und schrill ist
    Ich glaube nicht
    Dass ich in diesen Wochen zur Ruhe kommen kann
    Dass ich den Weg nach innen finde
    Dass ich mich ausrichten kann auf das, was kommt
    Es ist doch so
    Dass die Zeit rast
    Ich weigere mich zu glauben
    Dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint
    Dass ich mit anderen Augen sehen kann
    Es ist doch ganz klar
    Dass Gott fehlt
    Ich kann unmöglich glauben
    Nichts wird sich verändern
    Es wäre gelogen, würde ich sagen:
    Gott kommt auf die Erde!

    Nun lest den Text von unten nach oben!

    Die Ankunft Christi wahrzunehmen, setzt einen Perspektivwechsel voraus: Aus der Hektik in die Ruhe, aus dem Alltagslärm in die Stille. Nicht „mehr von allem“, sondern „weniger“. Denn wenn wir Menschen unser Herz und unsere Seele öffnen wollen, um Jesu Geburt in uns aufzunehmen, müssen wir zu unserem Wesen nichts hinzufügen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen uns reduzieren! Wir müssen etwas verlieren, um etwas zu gewinnen.

    Ein Meister des „Wegnehmens“ war der weltberühmte Künstler Michelangelo Buonarroti. Michelangelo, das große Genie, saß vor einem Marmorblock und begann die Skulptur des Davids zu gestalten. Nach der Vollendung seines Werkes erklärte er den Zeitgenossen: „Ich sah im Marmorblock schon zu Beginn den David in seiner ganzen Anmut und Gestalt. Ich musste nur wegnehmen, was nicht David war. 

    Wie können wir mit ganzer Seele Weihnachten erleben? Indem wir uns und unsere Aktivitäten im Außen reduzieren. Indem wir uns erlauben, „offline“ sein zu dürfen, indem wir uns die Freiheit schenken, von Augenblick zu Augenblick zu leben. Denn es geht ja nie um mehr. Es geht nie um gestern oder morgen. Gestern ist vorbei. Ja, selbst die letzte Sekunde ist vorbei. Morgen ist nur ein Versprechen. Ja, selbst die nächste Sekunde ist nur ein Versprechen. Wir haben keine Wahl und keine Kontrolle. Es gibt nur das „Jetzt und Hier“, diesen einen Augenblick. Immer. Und überall. Diese eine Sekunde Stille. 

    Wir können uns diesen Augenblick kaputt denken, kaputt reden, kaputt wünschen, aber wir können ihm nicht entkommen. Nie und nimmer. Dieser eine kleine Augenblick ist alles. Ist unser Leben. Unser Lieben. Unser Fluchen. Unser Verdammen. Unser Hassen. Unser Hoffen. Unser Zweifeln. Unsere Verzagtheit. Unser Mut. Unsere Verbitterung. Unsere Dankbarkeit. Unsere Freude. Unser Lachen. Unser Unglück. Unser Glück.

    Wir alle entscheiden darüber, was dieser eine Moment, diese eine Sekunde, für uns bedeutet. Wenn wir bereit sind, uns der Stille, dem inneren Frieden, für diesen einen Moment zu öffnen, öffnen wir für diesen einen Augenblick die Pforten zum inneren Paradies. Zum Raum unserer Seele. Zum Raum unseres Herzens. 

    Ja, und nur dann können wir erfahren und tief in uns spüren, dass Jesus und das Reich Gottes „inwendig in uns wohnen“ (Lukas-Evangelium 17, 21). 

    Es gibt eine weitere Perspektive, um Weihnachten mit offenem Herzen zu feiern. Das sind Eure Familie, Eure Kinder, die Freundinnen und Freunde. Lassen wir uns jetzt aufeinander ein. Auf das Weihnachtsfest, die Geburt Christi, die Liebe und das Mitgefühl uns selbst und unseren Nächsten gegenüber. Teilen und feiern wir, gerade in diesen Tagen, die Gemeinschaft mit unseren Lieben. 

    Freuen wir uns über Geschenke. Aber vielleicht können wir auch – aus einer anderen Blickrichtung – erkennen, dass Zuwendung und Liebe die wundervollsten Geschenke sind, die wir uns offenbaren können. Mir hat dazu der Gedanke von Virginia Satir gefallen, die zum Thema „Geschenke“ schrieb. „Ich glaube daran, dass das größte Geschenk, das ich von jemandem empfangen kann, ist, gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden. – Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren. Wenn das geschieht, entsteht Beziehung.“

    So wünsche ich Euch und Euren Familien Frieden und Geborgenheit inmitten der Weihnachtsfreude. Von ganzem Herzen frohe und gesegnete Weihnachten! 

    In herzlicher Verbundenheit
    Georg Rupp