Über Brücken und Fähren – Teil 2
Ich erinnere mich an Gerry & the Pacemakers. Sie schrieben ja nicht nur die fußballeuphorische und emotionstriefende Hymne „You’ll never walk alone“, sondern besangen 1964 auch die Fähre über den Fluss Mersey (bei Liverpool). Mit der tiefen Sehnsucht nach dem Ort auf der anderen Seite.
Chris de Burgh hingegen warnte: Bezahl den Fährmann erst, wenn Du heil am anderen Ufer angekommen bist („Don’t pay the ferryman“, 1982).
Ein Fährmann ganz anderer Art erscheint uns in „Siddharta“, der indischen Dichtung von Hermann Hesse. Veröffentlicht im Jahr 1922.
Dieser Fährmann, mit Namen Vasudeva, baut eine ganz innige Verbindung zum Wasser auf. Schon dieser Aspekt ist psychologisch spannend, steht doch das Wasser symbolisch für das Unterbewusstsein des Menschen. Der Fährmann ist hier die Konstante in einer Welt, die sich auf der Suche nach Identität und Sinn, nach Spiritualität und Glück befindet.
Er dient auf immer gleiche Weise. Täglich begleitet Vasudeva seine Gäste von einem Ufer zum anderen – und zurück. So schafft er Vertrauen auf dem Weg zwischen den Welten.
Mehr als hundert Jahre nach „Siddharta“: Du bist im neuen Jahr angekommen. Der Fährmann sprach täglich, wie Hesse erzählte, mit den „tausend Augen des Wassers“.
Bei Sonnenuntergang setzte er sich auf einen Baumstamm am Ufer – und lauschte. Er lernte, dem Fluss zuzuhören. „Alles kann man von ihm lernen“, sprach Vasudeva.
Ich wünsche Dir viele wunderbare Momente in diesem neuen Jahr. Tag für Tag.
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
