Beim Chinesen

Unglaublich, welchen Hunger wir hatten. Es war unser erster Kongress für Verhaltenstherapie in Berlin. Sicher bald vierzig Jahre her. 

Ehrlich gesagt, wollten wir Geld sparen und keine teure Gaststätte besuchen. MacDonalds war aber auch nicht unsere Kragenweite. Also suchten wir am Abend des ersten Kongresstages ein preiswertes chinesisches Restaurant.

Aber hier, außerhalb der Innenstadt, gab es nicht wie Sand am Meer. Im Gegenteil. Nirgendwo Leuchtreklamen, kaum Geschäfte. Ziemlich dunkel das Ganze und weit nach 22 Uhr. Der Hunger reichte nun schon bis unter die Arme. 

Unmittelbar nach einer Kurve der Hoffnungsschimmer: Eine einzige Leuchtreklame weit und breit. Aber vom Chinesen: WA CHEN stand da erleuchtet.

Endlich lecker satt! schoss es mir durch den Kopf. Frühlingsrolle, gebratene Nudeln, die acht Kostbarkeiten…

Als wir aber nach einem Parkplatz suchten, kam uns das WA CHEN-Restaurant irgendwie spanisch vor. Bis es uns schlagartig dämmerte: Das heißt gar nicht

WA CHEN! – Das heißt WASCHEN!

Die Beleuchtung war einfach defekt, das S war ausgefallen. Wir standen bedröppelt vor einer Autowaschanlage. Nach wenigen Sekunden mussten wir lachen. So herzhaft lachen, dass wir den Hunger nicht mehr spürten.

Noch vierzig Jahre später lachen wir über WA CHEN. Es sind die Bilder in unseren Köpfen, die bei jeder Erinnerung wieder entstehen. Und die gemeinsamen Gefühle: Der gemeinsam erlebte Hunger, die gemeinsame Kurverei, die gemeinsame Hoffnung beim Entdecken der Leuchtreklame. Dieses „Wir sind endlich am Ziel“. Das gemeinsame „Es kann nicht wahr sein!“ und das schlussfolgernde: „Kann nur uns passieren!“.

Und heute? Dieses „Weißt Du noch, Berlin, WA CHEN?“ Und das erneute Lachen.

2020 sind wir schon fünfzig Jahre zusammen. Diese kleinen Ereignisse würzen unser Leben. Verbinden miteinander. Deshalb raten wir allen, die es hören wollen: Ruft Eure köstlichen Erinnerungen wach! Und schafft neue gemeinsame Erlebnisse, über die Ihr noch Jahrzehnte später lachen könnt! Lachen verbindet. Alles wird leichter mit Humor.

Sorge also in Deinen Kontakten, in Deiner Partnerschaft, in Deiner Familie für viele heitere, lächelnde „Weißt-Du-Nochs!“ 

Was ein kleiner, fehlender Buchstabe doch auslösen kann. Hätte ich vorher nicht gedacht!

In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp