Weihnachtsbrief 2017

Für meinen ersten Weihnachtsbrief in diesem Blog habe ich das Thema „Besinnung“ gewählt. Besser gesagt: Es war auf einmal „da“, ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

In diesem Wort ist der „Sinn“, sind die „Sinne“ enthalten. Wünschen wir uns nicht auch „besinnliche Weihnachten“?

Der Weg in die Besinnung ist gar nicht so weit. Die Sehnsucht nach Stille, nach innerem Frieden, ist uns mit auf unseren Lebensweg gegeben. Kurt Tucholsky, der Schriftsteller, Journalist und Kritiker (1890-1935) schrieb: „Man muss aus der Stille kommen, um etwas Gedeihliches zu schaffen. Nur in der Stille wächst dergleichen.“

Alles Große geht durch die Stille. Im Zeitalter der uns überflutenden sozialen Medien, von Facebook, Twitter, Instagram, im Zeitalter ständiger Erreichbarkeit sind wir „besinnungslos“ von Lärm umgeben. Das lässt uns unruhig und hektisch werden.

Unsere Städte sind dauerhafte Lärmquellen geworden – und machen uns dadurch krank! Und vor lauter Neon-Leuchtmitteln bleibt uns das Wunder des Sternenhimmels verborgen. Auch unsere Schmückerei im Advent ist mehr geworden. Früher gab es einen Weihnachtsbaum mit Kerzen und Lametta, die eine oder andere Kugel zur Zierde. Das machte glücklich und reichte uns.

Irgendwann hingen die ersten Strohsterne im Fenster, später die ersten Lichterketten. Dann wurde im Vorgarten der erste Busch illuminiert, und die Event-Fans fingen an, aufblasbare Weihnachtsmann-Attrappen an die Hauswände zu nageln. Mit Glühbirnen wie auf einem Rummelplatz.

Kurze Zeit später entbrannte eine Art Wettbewerb mit einem kompletten Rentierschlitten auf dem Dach und einer Lichtinstallation, die in Intervallen „Happy Christmas“ aufleuchten ließ. Fehlt jetzt nur noch die ganze Rentierherde mit blinkenden Augen im Garten, die Tag und Nacht Weihnachtslieder blökt. Weniger wäre mehr.

Was ist aus der Stille, der Konzentration auf das Wesentliche und Einzigartige geworden? Stille und Besinnung sind nichts Alltägliches mehr. Stille ist nicht mehr Wert an sich, sie ist zum Luxus geworden, den man sich gönnt, um sich etwas Gutes zu tun.

Gerade an den Festtagen können wir unsere Routine durch achtsames Innehalten unterbrechen. Wir können unseren Atem spüren, ein paar tiefe Atemzüge machen und darauf achten, wie die Luft durch die Nase fließt, die Lunge füllt, den Körper wieder verlässt. Wir können ein paar Minuten in die Stille gehen – und wir können uns Zeit für Dankbarkeit nehmen. Uns bewusst werden, wofür wir in unserem Leben dankbar sind. Ohne Dankbarkeit gibt es keine Versöhnung mit uns selbst und den anderen. Und ohne Versöhnung gibt es keine Weisheit – und keine Weihnacht!

Ein erfülltes Leben setzt also Auszeiten und Ruhephasen voraus. Einen harmonischen Rhythmus zwischen außen und innen, zwischen laut und leise, piano und forte.

Wir feiern Weihnachten. Geben wir der Stille Raum. Und stellen wir uns die Frage nach der Richtung unseres Lebensweges. Eine Antwort können uns die christlichen Mystiker geben, die die Frage stellten: Wie lang ist der Weg des Lebens? – Ihre Antwort darauf ist so einfach wie tiefgründig: „Der Weg des Lebens ist 30 Zentimeter lang. Er reicht vom Kopf ins Herz.“ Diesen Weg zu gehen, ist unsere Aufgabe. Öffnen wir zu Weihnachten unser Herz und wagen wir mehr Liebe. 

In herzlicher Verbundenheit

Georg Rupp