Willkommen in der närrischen Zeit! Okay … Karneval muss nicht jedem gefallen.
Aber: Wer sucht nicht ab und zu die kleinen Fluchten aus dem Alltag?!
Dabei hielt die Psychologie lange Zeit unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle für den Schlüssel zu einem guten Leben. Studien zeigen heute aber: Viel wichtiger ist vermutlich die Fähigkeit, die kleinen Freuden des Alltags genießen zu können (eines meiner Lieblingsthemen in diesen „Futter-für-die-Seele-Geschichten“). Legen wir doch einfach mal eine Pause fürs Pflichtgefühl ein!
Was hat es mit der Selbstkontrolle auf sich? Die Bedeutung der Selbstbeherrschung ist in einem der berühmtesten Experimente in der Geschichte der Psychologie nachgewiesen worden: Dem „Marshmallow-Test“. (Was ist ein „Marshmallow“? Eine Schaumzucker-Süßigkeit, die bei uns „Mäusespeck“ heißt.)
Das Experiment war recht einfach aufgebaut. Man setzte vierjährige Kinder vor ein Marshmallow. Dann verließ der Erwachsene den Raum, nachdem er vorher dem Kind noch eine zweite Süßigkeit versprochen hatte. Allerdings nur unter der Bedingung, dass das Kind den „Mäusespeck“ nicht aufisst, bis der Erwachsene zurückkommt. Die Ergebnisse zeigten: Einige Kinder konnten sich deutlich besser beherrschen als andere.
Berühmt wurde der „Marshmallow-Test“ besonders wegen seiner Langzeit-Prognose, die wie eine magische Kristallkugel funktionierte. Man konnte quasi in die Zukunft sehen: Die geduldigsten Vierjährigen entwickelten sich zehn Jahre später zu Teenagern mit besonders guten Schulnoten. Und: Die Kinder mit hoher Selbstkontrolle blieben als Erwachsene im Durchschnitt gesünder und wurden in der Regel auch wohlhabender.
Daraus zog man früher den Schluss: Disziplin ist der Schlüssel zu einem gelungenen Leben. Wir sollten den Versuchungen der Alltagsfreuden (Rotwein, Abenteuer, Müßiggang) am besten widerstehen. Ihnen zumindest nicht nachgeben … Puhhh. Also – ist Freude unerwünscht? Kann Liebe nur Sünde sein? Ausgelassenes Feiern reine Ablenkung?
Stopp! Hier kommt die „Erlösung“ (ohne den Wert von Selbstbeherrschung leugnen zu wollen):
Denn wie neuere Untersuchungen zeigen, ist ein anderer Faktor wohl noch bedeutsamer für ein gutes Leben als unsere Selbstdisziplin. Nämlich unsere Fähigkeit, schöne Momente, die kleinen Freuden des Alltags, genießen zu können.
Manchmal kann es doch einfach belebend sein, draußen der Wäsche beim Trocknen zuzusehen. Ins Café zu gehen und in Ruhe die vorbeihastenden Menschen zu beobachten. Im Park eine lockere Runde zu drehen. Die Yogastunde zu genießen. Sich lustvollen Gedanken und Phantasien hinzugeben.
Wie in der Zeitschrift „Psychologie heute“ vom Juni 2025 nachzulesen ist („Pause fürs Pflichtgefühl – warum Genuss uns weiterbringt als jede Disziplin“), sprechen die Autorinnen von „harmlosen Vergnügungen, also von kleinen Freuden des Alltags, die für sich genommen niemandem schaden, unsere Stimmung aber schnell verbessern können“.
Die Sehnsucht nach dem guten Gefühl ist das, was uns antreibt. Wir wollen ihn erleben, diesen „Lusterfolg“.
Warum nicht auch im Karneval, wenn er bei dir im Blut liegt? – Also: Pappnase auf – und raus! Oder Krapfen, Mutzen und Berliner auf den Tisch – und beim Aufhängen der Luftschlangen-Deko tanzbare Musik auflegen. Menschenskinder … lasst uns jeck sein. Es gibt doch so viele Quellen des Glücks!
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
