Da sitze ich so vor mich hin – ein eher seltener Vorgang – und schaue zwei Schmetterlingen beim Turteln zu.
Ich würde mal „turteln“ sagen … natürlich kenne ich nicht die Psychologie der Schmetterlinge. Vielleicht führen sie gerade, wild flatternd, auch nur eine lebhafte Kommunikation. Da ich kein Biologe bin, weiß ich aber auch nicht, wie Schmetterlinge sich verhalten, wenn sie kommunizieren.
Nein, ich entscheide mich: Sie turteln miteinander.
Es sind zwei große Schmetterlinge, gleicher Art und Farbe, die für mehrere Sekunden ihre Nähe suchen.
Dann, plötzlich, fliegt der eine von beiden eine große Kurve, verschwindet aus meinem Blickfeld. ‘Ob sie sich wiederfinden?‘, denke ich menschlich naiv. Schon fallen mir Romeo und Julia ein – und welche Dramen es wohl in der Liebe im Tierreich gibt –, da sehe ich beide wieder nebeneinander flattern.
Vielleicht gibt es das ja auch im Tierreich: Nähe und Distanz als Voraussetzung für gelingende Partnerschaft.
Holen wir uns bei dieser Betrachtung doch mal Anregungen aus Architektur und Technik:
Eine Brücke wird von mindestens zwei Pfeilern getragen. Was würde passieren, wenn diese zwei Pfeiler, die die Brücke stützen, auf einer Seite eng zusammenstehen würden, während auf der anderen Seite kein Pfeiler existierte? Was würde geschehen, wenn alle tragenden Elemente des Hauses auf einer Seite vorhanden wären – und auf der anderen Seite nicht? Was wäre die Folge, wenn alle vier Räder Deines Autos nur auf einer Seite angebracht wären? Zusammenbruch, Einsturz, Fahruntüchtigkeit.
Eine gute Partnerschaft verhält sich wie die zwei Pfeiler einer Brücke. Jeder Partner steht für sich, ist Unikat, ist einzigartig, ist selbstständiges Individuum. Die Partnerschaft kann sich nur Raum geben, Luft lassen, tragfähig sein, wenn beide Pfeiler nicht zu eng beieinanderstehen. Beide Menschen sind getrennt – und doch miteinander verbunden, denn beide haben ihre Brücke gebaut.
Eine Partnerschaft, die das richtige Maß an Nähe und Distanz berücksichtigt, ist tragfähig. So steht keiner im Schatten des anderen. So kann jeder sich selbst leben, ohne zu verschmelzen, ohne im anderen aufzugehen, ohne sich aufzugeben.
Das fällt mir gerade ein.
Und: Ob beiden Schmetterlingen ein Happy End gelingt? Sie wissen schon … Große Liebe, viele Kinder. Ich kann es nicht sagen. Ich sitze ja auch nur so vor mich hin – ein seltener Vorgang – und schaue ihnen beim Turteln zu. Und irgendwie genieße ich gerade meinen Freiraum – und die andere Seite der Nähe.
In herzlicher Verbundenheit
Georg Rupp