I teach and write about books, slow mornings, and the occasional recipe that actually works—start with the essays.

  • Ich danke allen!

    Über einen Text von Paulo Coelho

    Es ist die Zeit des Advents. Wie immer: Zu viel Hektik, zu wenig Ruhe. Zu viel auf der To-do-Liste, zu wenig Muße. Und der Glühwein am Stand auf dem Weihnachtsmarkt gaukelt uns eine Stimmung vor, die es in unseren Herzen meist nicht wirklich gibt. Oder spürst Du den Frieden in Dir – und um Dich herum? 

    Advent. Ankunft. Eine Zeit der Erwartung. – Im Grunde erwarte ich immer weniger. Das schenkt mir mehr Freiheit. Was sollen wir in dieser doch sehr chaotischen Welt schon erwarten? 

    Den Erlöser? Glaubenssache! – Ich finde, wir könnten die Weihnachtszeit aber sinnvoll nutzen, um uns zu versöhnen. Versöhnen mit uns selbst. Versöhnen mit der Partnerin, dem Partner. Versöhnen mit der Familie. Versöhnen mit Andersdenkenden, Andersgläubigen, Andershandelnden. Versöhnen mit dem Scheitern, versöhnen mit dem Leben, wie schwierig es auch immer sein mag.

    Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho, 1947 geboren, bedankt sich dazu bei allen Menschen, die in seinem Leben Spuren hinterlassen haben. Wir könnten den Inhalt seines Gedichts auch philosophisch betrachten und feststellen: „Nichts ist ohne Sinn.“

    Wir könnten aber auch niederrheinisch-heiter anmerken: „Alles ist für irgendwas gut!“ – Na, dann: Ein versöhnliches Jahresende!

    Ich danke allen

    (von Paulo Coelho)

    Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben.

    Sie haben meine Phantasie beflügelt.

    Ich danke allen, die mich in ihr Schema pressen wollten.

    Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt.

    Ich danke allen, die mich belogen haben.

    Sie haben mir die Kraft der Wahrheit gezeigt.

    Ich danke allen, die nicht an mich geglaubt haben.

    Sie haben mir zugemutet, Berge zu versetzen.

    Ich danke allen, die mich abgeschrieben haben.

    Sie haben meinen Trotz geschürt. 

    Ich danke allen, die mich verlassen haben.

    Sie haben mir Raum gegeben für Neues.

    Ich danke allen, die mich verraten und missbraucht haben.

    Sie haben mich erwachsen werden lassen.

    Ich danke allen, die mich verletzt haben.

    Sie haben mich gelehrt, im Schmerz zu wachsen.

    Ich danke allen, die meinen Frieden gestört haben.

    Sie haben mich stark gemacht, dafür einzutreten. 

    Ich danke allen, die mich verwirrt haben.

    Sie haben mir meinen Standpunkt klar gemacht.

    Vor allem aber danke ich all denen,

    die mich lieben, so wie ich bin.

    Sie geben mir die Kraft zum Leben!

    Danke.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Kalendersprüche

    Jeder kennt sie. Nicht jeder mag sie: Kalendersprüche. Zum Beispiel die klassischen Abreißkalender. Hinter jedem Datum steht ein zu Worten formulierter Gedanke. Manchmal banal ohne Ende, manchmal zumindest mit alltagsphilosophischem Anspruch. 

    In letzter Zeit lese ich öfter von Gegenmeinungen. Also von Ansichten, die Kalendersprüche missbilligen. Oder sie sogar zum Erbrechen finden. „Und immer wieder geht die Sonne auf …“ zum Beispiel. Oder: „Gut Ding braucht Weil‘.“ – „Der Erfahrene hat viele Narben.“ Oder sogar das bekannte „Carpe diem!“ (Nutze den Tag.) 

    Kalendersprüche. Eine Bekannte von mir leitete vor längerer Zeit eine Gruppe älterer Patientinnen und Patienten, die an Krebs erkrankt waren. Monatlich erschien eine Veranstaltungsliste mit Yoga- und Vortragsterminen für die Gruppe auf insgesamt vier Seiten. Da blieb einiges an Platz übrig. Die füllte sie mit Sprüchen, die ich in Rosamunde-Pilcher-Filmen oder in der Regenbogen-Presse erwartet hätte. 

    Als Vorsitzender der Gemeinschaft fand ich diese „Küchenlyrik“ grenzwertig. Dann versuchte ich einen zweiten Blick auf die „Füllsel“. Und bemerkte, dass meine Bekannte mit diesen Sprüchen ihre eigene Sehnsucht nach einem gelingenden Leben verband. Sie konnte gar nicht anders. Genau nach ihren eigenen unerfüllten Sehnsüchten als jung verwitwete Frau und in schwierigen Umständen lebend suchte sie diese „Kalendersprüche“ aus. Da stand dann zum Beispiel: „Zahme Vögel singen von Freiheit. Wilde Vögel fliegen!“ Also ähnlich wie: „Brave Mädchen kommen in den Himmel. Böse Mädchen kommen überall hin.“ Sie träumte von dem, was in ihrem Leben nicht stattfand. Vielleicht hat es ihr ja geholfen.

    Ich bin kein Gegner von „Kalendersprüchen“. Es gibt sehr gute und tiefschürfende. Auch das „Carpe diem“ in Verbindung mit dem Kultfilm von 1990 „Der Club der toten Dichter“ ist eine Super-Aussage. Nur missbraucht im internationalen Management – oder im Blumengeschäft an der Ecke.

    Die Kernaussage heißt aber noch heute: Greif dein Leben mit beiden Händen. Lebe nicht als Kopie, denn du bist ein einzigartiges Original. 

    Bob Marley hatte es drauf. Nicht nur als Ikone des Reggae aus den Bergen von Jamaika. Er fasste seine Lebenseinstellung in zehn Worten so zusammen: „Wenn ich nicht helfen kann, hat mein Leben keinen Sinn.“

    Könnte auch ein Kalenderspruch sein. Ist aber weit mehr: Das Bewusstsein über die unmittelbare Verantwortung für die Schöpfung, für Klima und Natur. Über die Liebe zu sich selbst und seinen Mitmenschen. Und über die Freiheit, die uns die Hilfsbereitschaft schenkt.

    Ich brauche mir keine „Küchenlyrik“ an die Wand zu hängen. Aber zu lernen, gute Texte von minderwertigen zu unterscheiden, ist spannend – und macht einfach Sinn.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Stabile Seitenlage – und andere Glücksmomente.

    Neues Buch!

    Kann Langeweile hilfreich sein? Zumindest nützlich? – Das hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab. Rumhängen im Übermaß kann krank machen. Oder die Startrampe für zündende Ideen sein.

    Von Februar bis Juli 2025 hatte ich keine Langeweile, sondern eine richtig fette, dicke Gürtelrose. Fünf Monate lang. Um den halben Körper herum. Ärgerlich. Frustrierend. Gerade die Schlappheit. Immerzu müde. 

    Keine Kreativität mehr. Kein Ziel vor Augen. Da lag ich viele Stunden auf dem Altenteil. Oder im Bett – auf der linken Körperseite. Der Rücken war ja voller Pusteln und Blasen. 

    Als ich wieder vor lauter Ideenmangel, wie der Krankheit beizukommen ist, in einer stabilen Seitenlage ausharrte, fiel mir die Lösung ein: ‚Du brauchst wieder ein Ziel. Du schreibst dein achtes Buch! Jetzt. Sofort!‘ 

    Und deshalb heißt der Titel auch: „Stabile Seitenlage – und andere Glücksmomente.“ Der Untertitel verrät, was beim Abklingen der Gürtelrose entstanden ist: Es sind allesamt „Geschichten für mehr Mut und Lebensfreude“.

    ‚Menschenskind‘, denke ich manchmal. ‚Ohne diese eklige Gürtelrose, ohne die Langeweile, ohne diese verdammte Schlappheit, wärst du nie auf eine solche Idee gekommen!‘

    Und jetzt liegt es vor, das neue Buch. Und gleich in drei Versionen: 

    • Mit festem Einband und Lesebändchen (Hardcover) zu 19,95 Euro.
    • Als Taschenbuch (Softcover) zu 14,95 Euro.
    • Und als E-Book zu 9,99 Euro.

    Erschienen ist es bei tredition in Ahrensburg. 

    Und bestellen kannst Du es im Buchhandel vor Ort, online und im Shop von tredition (www.tredition.com). Oder abholen bei mir zu Hause. Weiter unten findest Du die ISBN.

    „Literarisch lassen sich die Erzählungen zwischen Hermann Hesse und Wilhelm Busch einordnen“, sagt meine Lektorin. „An Busch erinnern Humor und Satire, an Hesse die Metapher des Fährmanns, der die Leser durch die Windungen der Seelenlandschaft führt.“

    Danke für die Blumen! Ich versuche halt meine Lebenserinnerungen mit der langjährigen Erfahrung des Therapeuten und der heiteren Gelassenheit des Rheinländers zu verknüpfen. 

    Nun gut, Weihnachten naht. Und sinnvolle Geschenke kommen immer aus dem Herzen. Und deshalb am Ende noch die Bestellnummern der drei Buchvarianten:

    • ISBN 978-3-384-71889-1 (Softcover)
    • ISBN 978-3-384-71890-7 (Hardcover)
    • ISBN 978-3-384-71891-4 (E-Book) 

    Schreib mir sehr gerne, wie Du mein neues Buch gefühlt und erlebt hast.

    In herzlicher Verbundenheit

    Georg Rupp 

  • Wer hat an der Uhr gedreht?

    Klar, wir alle. Gerade war die Zeitumstellung. Eine Stunde zurück. Auf Winterzeit. Also auf „normal“. 

    Gut …, aber was ist schon „normal“?! Bald, am 11. November, erlösen die Jecken wieder ihren Hoppeditz, ihren Nubbel … oder wie die Schelmenfigur des Karnevals in den verschiedenen Städten und Kulturen heißt.

    Wenn wir also an der Uhr gedreht haben, ist der Sommer vorbei.

    Und ich frage mich: Bin ich über den Frühling aufgeblüht? Und habe ich über den Sommer Energien gesammelt? 

    Das schaffen nicht alle. Denn es gibt Menschen, die lieben den November von allen Monaten am meisten. 

    Irmgard (Name geändert) hatte keine leichte Kindheit. Ihr Vater war herrisch und ungerecht. Wenn er am späten Nachmittag von der Arbeit kam, mussten alle seine Kinder bereits im Bett liegen und schlafen. Nach Feierabend wollte er von ihnen nicht mehr gestört werden. Und ihre Mutter setzte sich nicht für sie ein.

    Wenn es über die Sommermonate lange hell und warm war, stand Irmgard am geschlossenen Fenster der Wohnung und schaute sehnsuchtsvoll auf die Gruppe der Kinder, die draußen lärmend und fröhlich spielten. Sie durfte ja am Nachmittag nicht mehr hinaus. Das tat ihr richtig weh – und deshalb hasste sie die Frühlings- und Sommermonate. Erst im Herbst, erst recht im November, wurde es früher dunkel. Und auch die anderen Kinder spielten um 17 Uhr nicht mehr vor dem Mehrfamilienhaus. 

    So lernte sie den November zu lieben. Sie war nicht mehr ausgeschlossen von der Fröhlichkeit der Kindergruppe. 

    Auch in ihrem eigenen Erwachsenenleben hat sich das nicht geändert. Nie mehr. Der Schmerz, nicht dabei zu sein, hatte sich dauerhaft in ihrem Körper eingenistet. Er war im höheren Alter nicht mehr zu löschen. 

    Eine andere Patientin musste im Sommer vor vielen Jahren eine traumatische Erfahrung durchleben. Sie kannte die Monate von Januar bis Juli. Und von November bis Dezember. Die drei Monate August, September und Oktober waren ihr nur noch bekannt als „der achte, neunte und zehnte Monat“.

    Der November war auch für sie der Beginn, der Aufbruch in die „normalen“ Monate. In denen nichts Belastendes, kein Missbrauch mehr passierte. „Jetzt haben wir November!“, meinte sie lächelnd und scheinbar erleichtert. Das Leben wurde wieder auf „normal“ gedreht. 

    Aber auch, wenn wir den Sommer lieben: 

    Stärken wir im Herbst und im Winter unsere Lebenswurzeln – so wie es die Bäume, unsere Vorbilder in der Natur, auch halten. Beruhigen wir die Seele nach innen. Und säen wir den Samen, um den Geist auf den Aufbruch des Frühlings vorzubereiten. 

    Im ewigen Frühling und Sommer zu leben, stelle ich mir anstrengend vor. Die vier Jahreszeiten holen das Beste aus uns heraus: Wir brechen auf, wir feiern das Leben, wir fahren die Ernte ein – und sammeln unsere Kräfte für die nächste Runde auf dem Karussell, das „Leben“ heißt. 

    In diesem Sinne: einen schönen, anregenden November! 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • „Wenn Du an eine Weggabelung kommst …“

    … an der kein Wegweiser steht … 

    Ja, was dann? Stehen bleiben und überlegen, wohin? Die Unebenheiten der Kurven auf beiden Wegen hinter der Gabelung berechnen und der kleineren Krümmung folgen? Auf die Intuition hören? Einfach weitergehen – egal auf welchem Weg? Umdrehen, um sich nicht zu verlaufen? 

    Schon Hänsel und Gretel mussten sich im Wald orientieren. Pech, dass sie dabei der bösen Hexe in die Arme liefen. 

    Der Spruch hält allerdings eine „versteckte“ Lösung bereit. Die sich vielleicht erst mit dem dritten Impuls erschließt.

    Aber: Zwei Worte fehlen ja noch. Komplett heißt der Gedanke: „Wenn Du an eine Weggabelung kommst … nimm sie!“ 

    Und – welcher Impuls kommt Dir in diesem Moment, wenn die zwei zusätzlichen Worte die Richtung vorgeben? 

    Bis Du für Dich eine Lösung findest, schreibe ich hier erst einmal, von wem dieser Gedanke stammt: Von Meister Yogi Berra (1925-2015), einem begnadeten früheren Baseballprofi in den USA – und dem mutmaßlich besten Produzenten von Aphorismen im Sport. 

    So wird selbst eine simple Wegbeschreibung zu einer Handlungsanleitung von philosophischer Tiefe.

    Und? Hast Du einen Impuls für die Bedeutung der beiden letzten Worte? 

    Ich sehe das so: Wenn Dein Leben Dich an eine Schwelle führt, an der Du entscheiden kannst, wie es für Dich weitergehen soll … bleibe nicht stehen. Und dreh Dich erst recht nicht um in Richtung Vergangenheit. Denn dann geht Dir die Kraft und Überzeugung für die Gegenwart verloren.

    „Wenn Du an eine Weggabelung kommst … nimm sie!“ 

    Also – entscheide Dich zu gehen. Nach vorne? Rechts oder links? – So, wie Du es in diesem Augenblick fühlst. 

    Denn wenn Du Dich nicht für eine Richtung entscheidest, entscheidest Du Dich auch – nämlich für die Nicht-Entscheidung. Dann verharrst Du in Deinen alten Geschichten. 

    Jede ausbleibende Entscheidung, jede Situation, in der Du nicht handelst, sondern auf Zeit spielst, um Deine Unsicherheit und Angst nicht zu spüren, ist zunächst einmal ein Zaudern. Ein Vermeiden. Ein „Drehen im eigenen Kreis“. Manchmal auch aus der Sorge heraus, sich falsch entscheiden zu können. Ausgelacht zu werden. Versagerin oder Versager zu sein. 

    Jeder Mensch ist geboren, um hier seine eigene Helden- und Heldinnen-Reise zu beginnen. Sich nicht zu verkriechen, sondern aufzubrechen wie Frodo und seine Hobbits im Dreiteiler „Herr der Ringe“. Die eigenen Chancen und Grenzen zu erproben. Denn es gibt kein Leben ohne ein gewisses Maß an Risiko.

    Wenn Du also an Deine nächste Weggabelung kommst … bleib nicht zu lange stehen. Sei mutig und traue Dich. Geh Deinen Weg. Und wenn er schön ist, frage Dich nicht, wo er hinführt. Wer weiß schon, was das Leben mit einem vorhat …

    Ach ja, da passt an den Schluss ja auch ein anderer Spruch von Meister Yogi Berra. Er lautet: „Wenn Du nicht weißt, wohin Du gehst, kommst Du irgendwo anders raus.“ Vielleicht neben der alten Spur? – Toll. Da kann’s ja super schön und neu werden. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Wofür brennst Du?

    Über das Brennen und das Ausbrennen …

    „Lagerfeuer-Romantik“ … im Kreis um das Feuer sitzen. Das hat doch etwas mit großen Gefühlen zu tun. Vielleicht sogar mit „entbrannter Leidenschaft“. Für eine Idee können wir „Feuer und Flamme“ sein. Feuer kann aber auch verbrennen, verzehren, vernichten. 

    „Gespräche am Kamin“ über philosophische und religiöse Themen – dazu wurde ich früher öfters eingeladen. Und durfte ein paar Impulsgedanken an den Anfang stellen.

    Feuerschale, Lagerfeuer, Kamin … ist das Feuer gebändigt, zieht es uns magisch an. 

    In einem Essay über das Feuer (in „Publik-Forum Extra“, 5/24) las ich die Sätze: „Wer sein Leben lebt, ohne für etwas zu brennen, lebt lauwarm und unter seinen Möglichkeiten. Doch es droht auch das Gefühl, ausgebrannt zu sein. Burnout ist eine verbreitete Zeitkrankheit.“ (Klaus Hofmeister, ebenda)

    Wofür brennst Du? Für Deine Ideen? Deinen Beruf? Deine Familie? Dein Hobby? Deinen Glauben? 

    Was willst Du noch unbedingt ins Leben bringen? Was willst Du der Welt schenken, was hinterlassen? Was sollen diejenigen, die Dich überleben, später über Dich erzählen?

    Viele Menschen suchen die Nähe des Feuers, halten aber dennoch respektvoll Abstand. Denn selbst ein Funkenflug ins Trockene kann schon viel Unheil anrichten. 

    Und was geschieht, wenn die Grenzen verschwimmen? Da gibt es Menschen, die freiwillig und ohne Not, barfuß über glühende Kohlen laufen. Die Motive sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sich diesem Ritual stellen. 

    Das ist wirklich kein Trick: Die heruntergebrannte und flach geharkte Holzkohle ist über 800 Grad heiß. Selbst, wenn die Glut ergraut, sind es noch 600 Grad. 

    Es gibt bislang keine einleuchtende wissenschaftliche Begründung, wieso die empfindsame Haut des Menschen diese außergewöhnlichen Strapazen unbeschadet überstehen kann.

    Es gehört also schon sehr viel Mut dazu, den ersten Schritt ins Glutbett zu setzen.

    Besonders anrührend war es, beim Feuerlauf ein behindertes Paar zu sehen, das gemeinsam Hand in Hand über das Feuer lief. Er fast erblindet, sie mit spastischer Körperbehinderung. Diese beiden drückten ihre innere Verbundenheit durch den gemeinsamen Lauf über die heißen Kohlen aus. Sie gingen für ihre Liebe durchs Feuer.

    Ich erlebte Menschen, die für ihre Familie, für ihren Lebenserfolg und für ihr Selbstvertrauen über die heiße Glut liefen. Und da wurde mir klar: Es ist nicht nur der Mut, der Dich zum Sieger über die Hitze werden lässt. Es ist das Vertrauen in Dich und das Feuer, in das Zusammenspiel beider Energien.

    Möglicherweise ist es auch so: Wenn Du beseelt bist für eine Idee, wenn Du für eine Sache „brennst“, wenn das innere Feuer so stark ist wie das äußere – dann kann Dir die Glut nichts anhaben!

    Indianer zeigen eine besondere Dankbarkeit dem Feuer gegenüber. Regelmäßig halten sie Zwiesprache mit „Großvater Feuer“.

    Hast Du das Feuer auf diese Weise schätzen gelernt, kannst Du Dich ganz mit ihm verbunden fühlen. 

    Der längste unserer eigenen Feuerläufe ging über zwanzig Meter. Claudia lief immer für ihre Überzeugung, dass Liebe sie allezeit durch ihr Leben trägt. Und ich lief für mehr Mut, Zuversicht – und ein leuchtendes Herz.

    Wenn Du wissen willst, wofür Du brennst: Frage Dein Herz – und lass es mitentscheiden.

    Und wenn Du damit heute noch nicht zur (Er-)Lösung findest? – Dann schau auf Deine Kindheit und frage Dich: Was habe ich mit Freude und Leidenschaft gemacht, gespielt, genossen, bevor der „Ernst des Lebens“ (= Schule) begann?

    Übrigens: Wenn Du ausbrennst, bist Du auf der völlig falschen Spur. Denn ein Burnout ist nichts anderes als die Hintertüre einer Depression.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Liebesbriefe 

    Teil 2

    Nachdem wir uns ausgetauscht hatten, stand in der Einladung zu unserem 135. Geburtstag (65 + 70) für alle zu lesen:

    SIE ÜBER IHN

    Claudia schreibt über Georg (70): 

    „Das Älterwerden hat ihm und seiner multiplen Persönlichkeitnicht geschadet. In seinem Herzen ist er immer noch der große Junge geblieben, der in stillen Stunden innehält, um nach dem Sinn und der Wahrheit zu suchen. Das Normaleist ihm suspekt. Wie soll es da mit ihm langweilig werden?

    Seine Energie ist mitreißend und herausfordernd. Er bewegt und lässt sich bewegen. So bleibt keine Zeit, sich in der Komfortzone einzurichten – weder für ihn noch für uns. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

    Seine Liebe zur Kunst, zur Philosophie und Natur, zum Clown und zum Narren, zu den leisen Tönen und zum chaotischen Spektakel, spricht aus seiner Seele. Er liebt den Reichtum der deutschen Sprache, ein Poet eben, wenn manchmal auch nur für den Hausgebrauch. Sein Lachen steckt an, wie seine Lust zu feiern.

    Paradoxie und Eigen-Sinn sind bunte Facetten seiner Persönlichkeit. So beginnt er bei zu großem Andrang am Buffet als einziger antizyklisch von links mit der Nachspeise, um dann über den zweiten und ersten Hauptgang mit der Vorspeise zu enden. Da wird frau zur Co-Spielerin im täglichen neuen Spiel des Lebens. Er meint dazu: Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar.“

    ER ÜBER SIE 

    Georg schreibt über Claudia (65):

    „Sie scheint manchmal gar nicht von dieser Welt – und hat doch irdische Sehnsüchte. Als Kind betete sie zu Gott, keine Nonne werden zu müssen – und hat doch Anteil an der Reinheit des Bergkristalls. 

    Das Bild, das sie vom Wesen Frau entwirft, umfasst die Eleganz einer mal wilden, mal schnurrenden Katze, den Spitzbuben-Charme eines frechen Fratzes, dem man zum Teufel nicht zürnen kann, Kutscherflüche und Kullertränen, Verwegenes und Verlegenes, Schüchternes und Schelmisches … ein Freund und ein Kobold. 

    Sie erzählt ureigene Märchen und lässt Menschen dabei träumen. Ihre Tiefsinnigkeit kann anrühren und bewegen. Eine Frau ohne Ellenbogen, aber mit unbeugsamer Energie und der Macht der Liebe beseelt. 

    Manchmal erscheint sie für einen Augenaufschlag in der Wüste Weltwie eine Fata Morgana: einfühlsam, lebensfroh, Hoffnung spendend.

    Im tiefsten Inneren ein unergründbares Rätsel, bleibt sie hier und jetzt für viele ein faszinierender Mensch, ein Gedanke Gottes, eine Seiltänzerin ohne Seil … eben sie selbst.“ 

    Das Schönste beim Schreiben ist die Herzensverbindung zum geliebten Menschen. Wenn die Liebe aus dem Herzen in die Hand strömt. Und dann die beseelte Schwingung der Worte und Sätze das Herz des Lesers, der Leserin findet. Auf dieser Brücke finden die Liebenden zusammen. 

    Franz Kafka (1883 – 1924) drückte es so aus: „Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil miteinander verbunden.“

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Liebesbriefe

    Teil 1

    Vor einiger Zeit las ich in einer Statistik, dass sich Paare durchschnittlich nur sieben bis zehn Minuten am Tag unterhalten. Das ist auch nicht länger als ein hartgekochtes Ei benötigt.

    Gut, die meisten sehen sich ja nicht rund um die Uhr. Und vor dem Fernseher schaut man sich auch nicht in die Augen. Höchstens mal kurz, wenn gefragt wird, ob zwei Flaschen Bier aus dem Keller geholt werden sollen. Sonst bestimmt der Flachbildschirm die Richtung (Anmerkung von Claudia: „Besonders, wenn der Mann Fußball schaut …“). Mea culpa!  

    Aber mal anders herum gedacht: Wenn wir schon zu wenig miteinander ins Gespräch kommen, wäre das nicht ein schöner Anlass, sich gegenseitig einen Brief zu schreiben? Muss ja nicht lang sein. Oder wenigstens eine Karte. Oder einen kleinen Zettel. Irgendetwas mit der Hand. Durch die Hand aufs Papier. Da fließen und schwingen die Gefühle besser mit als auf der Tastatur des PCs. Die Hand ist wichtig. Sie ist das Werkzeug des Herzens. Außerdem ist es ein individuelles Geschenk, einen Brief zu schreiben. Das zeigt dem Anderen: Du bist etwas ganz Besonderes für mich.

    Schreiben wir uns doch wieder mal ein paar Zeilen. Zum Beispiel: Wie sehe ich Dich? Was macht Dich für mich so einzigartig? Wenn ich tief in mich hineinfühle: Was bist Du für ein Mensch? Was liebe ich an Dir?

    Dein Aussehen? Deine Figur? Deine Heiterkeit? Das Gefühl der Sicherheit, das Du mir vermittelst? Deinen Humor? Deine soziale und körperliche Nähe? Das Väterliche in Dir? Das Mütterliche in Dir? Deine verrückten Ideen? Deine Ernsthaftigkeit? Deine Verantwortung für mich und die Familie? Deinen Trost? Den Tiefgang Deiner Seele? Die Verbundenheit? Dein Lachen? Dein großes Herz? Dein Mitgefühl? Alles das, was mein und unser Leben bunt macht? 

    Wenn Du das schreibst, zeigst Du Deinem Partner, wie wichtig er für Dich ist. Das entspricht auch sehr unserem Grundbedürfnis, wahrgenommen, gesehen, beachtet und berührt zu werden. 

    Vor einigen Jahren feierten Claudia und ich unseren 135. Geburtstag (65 + 70) unter dem Motto „Die Schöne und das Biest“. Wer die Rolle des Biests dabei übernahm, lag natürlich auf der Hand. 

    Vor unserer Einladung sammelten wir unsere Gedanken über den Partner, tauschten uns aus, spürten uns in den Gleichklang und die Unterschiedlichkeiten hinein – und lernten einander noch besser und beseelter kennen. 

    Als wir dieses kleine gemeinsame „Projekt“ beendet hatten, stand in der Einladung an alle „wertgeschätzten liebenswerten Menschen, Philosophen, schrägen Vögel, Paukenschläger und Lebenskünstler“ über uns zu lesen: 

    Wird fortgesetzt

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Vorher – nachher 

    Du kennst doch „Vorher-Nachher-Fotos“ … Oder? 

    Jedes Institut, das sich Gewichtsreduktion und gesunde Ernährung auf die Fahne geschrieben hat, zeigt eine Kundin, einen Kunden vor Beginn des Programms – und nachher … mit Durchhaltevermögen und 20 Kilo weniger. Also im Erfolgsfall. 

    „Vorher-nachher“ gibt es auch bei einem neuen Haarschnitt. Oder einem neuen Kleidungsstil. Jedenfalls in den Zeitschriften, die behaupten, Gutes für Dich tun zu wollen. 

    „Vorher-nachher“ gibt es auch bei uns im Garten. Denn im Winter war der Rasen an einer Stelle ziemlich ramponiert und abgesackt. Auf ca. 50×50 cm Fläche. Das Loch hatten wir Ende März mit Erde aufgefüllt, neuen Gartenkalk und Rasensamen eingesät – und fotografiert. Als „Vorher-Bild“.

    Und jetzt, Ende Juli 2025, als völlig verändertes „Nachher-Bild“. Zugewachsen ist die Rasenfläche. Schön fest und dicht ist sie geworden. Auf den Rasen ist Verlass. Er hat sich ja auch nicht beschwert, als er abgesackt war. Oder wenn wir Menschen mit unseren breiten Schuhen auf ihm herumtrampeln. Ja, da mache ich mir manchmal schon ein paar Gedanken … ‚Aber‘, tröste ich mich, ‚Gräser haben wohl keine Schmerzrezeptoren. Dann tut’s ihnen auch nicht weh.‘

    Und der Sommerwäsche draußen auf dem Ständer zuzusehen, hat auch etwas Meditatives. Ja, ich widme mich gerade dem leichten Flattern der Hemden und Hosen im Sommerwind. Erstaunlich, wieviel Ruhe gerade einkehrt.

    Oft geht es ja auch gar nicht um ein „Vorher-nachher“. Sondern nur um das Jetzt. 

    Wie in der folgenden Meditation. Wenn Du Dich im Hier und Jetzt darauf einlassen kannst: wunderbar. Denn Du kannst nichts verpassen. Es gibt ja nur die Gegenwart. Gestern ist vorbei. Morgen nur ein Versprechen. Das, was zählt, ist diese Sekunde.

    Und hier der Text zu „Stille und Klang“:

    Beginne, auf Details zu achten – 

    auch im Klang, in der Musik. 

    Höre den leisen Wind,

    wie er das Schilf sanft berührt. 

    Spüre die Stille, den Einklang. 

    Genieße die Langsamkeit, 

    die Ruhe, die Erhabenheit des Schweigens. 

    Stille lässt Raum zum Atmen. 

    Stille besänftigt und beflügelt zugleich. 

    Wer die Stille liebt, ist nahe am Ursprung.

    Wer die Stille schätzt, gibt seiner Seele freien Raum.

    Horche auf den Klang der Stille.

    Stille hat Ausdruck, hat Gebärde.

    Stille hat ein Gesicht. 

    Stille ist der Atem des Ewigen.

    Stille ist der unhörbare Herzschlag allen Lebens.

    Verbundenheit, die aus der Stille kommt,

    ist Hohes Lied und Harmonie.

    In der Stille ist alles enthalten.

    Erfahre über die Gegensätze, den Kontrast.

    Schweigen und Klang sind Einheit.

    Darum ehre die Stille. 

    Sie ist die schönste Musik.

    Wie fühltest Du Dich vor der Meditation – und jetzt, nachher?

    Hast Du die Gegenwart wahrgenommen? 

    Hast Du gehört, wie Stille klingt? 

    Auch in der absoluten Stille schlägt Dein Herz – und wächst das Gras vor Deiner Türe.

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp 

  • Für immer jung?

    Teil 2: Wie Du die Kurve kriegst

    „Männer wollen Teenager bleiben, bis sie fünfzig sind …“, erklärt die Mittvierzigerin. Ihre beiden Freundinnen lachen. Diese Spontananalyse steht im Drehbuch eines Fernsehfilms. Ist mehr dahingeplappert, trifft aber sicher auf viele männliche Exemplare zu.

    Tatsache: Es gibt Männer, die sind 50 und glauben immer noch, sie müssten am Strand ihren Bauch einziehen, um einer 20-Jährigen zu imponieren. Sie sind in ihrem Alter noch nicht angekommen. 

    Natürlich kannst Du Dich mit 60 oder 70 viel jünger fühlen. „70 ist das neue 50!“ habe ich irgendwo gelesen. Aber selbst in San Francisco findest Du kaum noch Uralt-Hippies, die am „Summer of Love 1968“ festhalten. Viele von ihnen sind ja auch erfolgreiche Rechtsanwälte und Zahnärzte geworden.

    „Jeder Zeitraum hat etwas Eigenes“, sang vor Jahrzehnten schon André Heller.

    Aber nach wie vor gibt es viele Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte, die das Motto „Forever young“ nicht loslassen wollen. Wie aber kann ich für immer jung bleiben? Leben ist Bewegung und keine Stagnation. „Forever young“ halte ich für eine total stressige Devise.

    Es ist doch so: Viele Schwierigkeiten entstehen im Leben, weil Menschen in der zweiten Lebenshälfte versuchen, an den Lösungen festzuhalten, die in der ersten Lebenshälfte gepasst haben. Soll heißen: Sie lernen nicht dazu, sondern greifen auf alte Lösungsmuster zurück. Das Leben verändert uns aber. Das sollten wir akzeptieren und uns weiterentwickeln. 

    Ein Gedankenspiel: Stell Dir das Leben nicht als geraden Strich vor, von der Geburt bis zum Tod, sondern als Kreis, als Mandala. Vielleicht hilft es Deiner Vorstellungskraft, wenn Du einen farbigen Mittelpunkt zeichnest. Und einen große Kreis darum malst. In dieser bunten Mitte des Kreises beginnt und endet Dein irdisches Leben. Du machst Dich also mit Deiner Geburt auf eine Wanderschaft zum Rand des Kreises. In Deiner Lebensmitte, am Ende Deiner ersten Lebenshälfte, bist Du an der Grenze angekommen. 

    Jetzt musst Du buchstäblich die Kurve kriegen. Denn Du hängst in Deiner Midlife-Crisis (= zweite Pubertät) erst einmal über den Rand hinaus. Weißt eigentlich nicht mehr, wer Du wirklich bist. Die alten Mechanismen funktionieren nicht mehr.

    Was jetzt? Beruf wechseln? Partner wechseln? Stadt wechseln? – Hilft alles nichts. Sortiere erst einmal Deine eigene Persönlichkeit. Wer bist Du jetzt, am Beginn Deiner zweiten Lebenshälfte, am Beginn Deines Weges zurück zum Ursprung? 

    Ein Lösungsansatz ist folgender: Auf Deinem Rückweg zur Mitte des Kreises 

    (= älter werden, loslassen können, zufriedener sein) ist es sinnvoll, das zu leben, was Du auf dem Hinweg zum Rand des Kreises, Deiner Lebensmitte, noch nicht gelebt hast. Ergänze Dich also durch die nicht gelebten Seiten. Sonst wirst Du als Mensch nicht „ganz“.

    Hast Du vier Jahrzehnte lang Dein Ego gelebt, solltest Du Dich jetzt zum „mitfühlenden, weisen Lehrer“ entwickeln. Hast Du Dich hauptsächlich in Deiner Mutterrolle gefunden, solltest Du jetzt – mit vierzig – Deine eigenen Bedürfnisse leben lernen.

    Wenn Du in der ersten Hälfte den olympischen Idealen „schneller, höher, weiter“ gefolgt bist – was solltest Du auf Deinem Rückweg lernen? – Klar, die ergänzenden Gegensätze. 

    Also: Statt schneller nach vorn? – Richtig: langsamer und entspannter leben. 

    Statt höher hinaus? – Natürlich: tiefer und achtsamer empfinden. 

    Und statt weiter ins Außen? – Ja: näher zu Dir und dem Sinn Deines Lebens. 

    Jetzt ist die Lebensphase gekommen, um andere Gaben in uns zu entfalten. Nämlich solche, die uns im Laufe der Zeit befähigen, unser erlerntes Wissen, unsere Lebensweisheiten an die jüngeren Generationen weiterzugeben. 

    Lasst uns auf dem „Rückweg“ neugierig bleiben. Machen wir noch viele Erfahrungen – und teilen sie mit anderen. 

    Lasst uns in der zweiten Lebenshälfte viel erzählen. Untereinander, mit unseren Kindern, mit unseren Enkeln. In unseren Familien, in unserem Freundeskreis. Sprechen wir über unser Leben.

    Schneller, höher, weiter? Das darf auf dem Hinweg zur Lebensmitte sein. Und auf dem Rückweg? Neugierig bleiben, Zeit lassen, Sichtweisen vertiefen, Nähe spüren, dankbar sein, „ganz“ werden. Und viel erzählen. Das ist der Weg zu einem reichen und erfüllten Leben. 

    In herzlicher Verbundenheit

    Ihr Georg Rupp