Eine psychologische Beschreibung
Ich bin mit Leib und Seele Demokrat. Diese Aussage mag für manche Leserinnen und Leser nicht sehr interessant sein. Oder selbstverständlich. Aber ich darf diese Tatsache hier sicher erwähnen. Ist ja mein eigener „Futter-für-die-Seele“-Artikel. 🙂
Ich halte die Demokratien weltweit für großartige Erfindungen – und gleichzeitig für extrem gefährdet.
Woran lässt sich das erkennen?
Vor kurzem las ich ein Interview mit Stephan Lewandowsky. Er ist vielfach ausgezeichneter Professor an der Universität in Bristol (Hafenstadt in England) und dort Inhaber des Lehrstuhls für kognitive Psychologie.
Lewandowsky beschreibt als das „größte Problem, das wir momentan haben“, die „hellen, blinkenden Lichter neuer Informationen, die alle fünf Millisekunden auf unseren Smartphones aufleuchten und versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Seine These lautet: Unsere Demokratien sterben an einem Übermaß an Information. (Siehe: „Psychologie heute“, März 2026, Editorial)
Schauen wir doch einfach mal in ruhigere Zeiten zurück. In eine Zeit ohne Handys. Und beschreiben die „Lagerfeuer-Romantik“ der Pfadfinder oder Hippies. Wir saßen im Kreis, blickten in die Mitte auf das lodernde Feuer. Mit Sicherheit hatte jemand seine Gitarre dabei. Das Feuer wärmte uns – und wir sangen die Lieder, die zu unserer Generation passten. Der Kreis gab uns Schutz in der Gemeinschaft. Das Knistern und der Funkenflug waren Friedensangebote für Herz und für Seele. Der Kreis und das Feuer gaben Raum zu fühlen und mitzuschwingen. Und Platz für die eine oder andere Geschichte.
Und heute? Gibt es ein Übermaß an Informationen. Dafür sind wir aber nicht gemacht, sagt Stephan Lewandowsky. Wir können so viele Informationen nicht verarbeiten: „Wir haben uns vor tausenden von Jahren entwickelt, da saßen wir ums Feuer herum und haben zugehört, wie einer aus der Runde eine Geschichte erzählt hat. Heute werden wir mit Informationen geflutet, 24 Stunden lang, 7 Tage die Woche.“ Und das führe schließlich dazu, dass niemand diese Flut kognitiv verarbeiten könne.
Die Folge: Wir geraten unter Stress und müssen uns entscheiden, welchen Dingen wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Das ist schwierig. Denn unser Gehirn bevorzugt unter Stress negative Nachrichten – evolutionär verständlich, weil es einst für unser Überleben wichtig war. Heute aber schädlich, weil wir Katastrophen-Meldungen und populistischen Übertreibungen den Vorzug geben.
Ein Lösungsansatz könnte sein, die Anzahl der konsumierten Informationen drastisch zu reduzieren. „Limit your input“, rät Professor Lewandowsky. Schenken wir uns mehr Zeit – auch in der Verarbeitung von Informationen. Denken – und fühlen – wir wieder mehr. Und länger.
Am „Lagerfeuer“ (oder vor einer Kerze) sitzen, das Smartphone abschalten, sich vertiefen, Zeit nehmen, die Seele baumeln lassen … nie hätte ich gedacht, dass die Reduzierung von Stress auch unserer demokratischen Entwicklung helfen kann.
Setzen wir uns doch einfach wieder öfter vor einen knisternden Ofen – und legen die hellen, blinkenden Lichter meilenweit weg.
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Georg Rupp
