old town in munster in germany

Wer schämt sich denn am besten fremd?

Teil 2 — Über die eigene Scham, wenn Andere sich daneben benehmen

Szenenwechsel: In unserer therapeutischen Ausbildung in Münster mussten wir „Mutproben“ bestehen. Wie soll man auch als schüchterner Therapeut Menschen zu mehr Selbstsicherheit verhelfen?!

Die hohe Schule des Selbstsicherheitstrainings waren die sogenannten „shame attacking exercises“. Die „Scham angreifenden Übungen“. Also, Verrücktes tun, ohne sich zu schämen. Das war für mich – nach meinen ganzen Vorübungen in der Jugendzeit – kein wirkliches Problem. Wir waren etwa zwanzig Studenten der Verhaltenstherapie. Die Aufgaben zogen wir aus einem Hut. In Dreiergruppen ging es dann unter das Volk.

Einer von uns hatte die Aufgabe gezogen, vor dem Eingang des größten Münsteraner Kaufhauses lauthals ein zeitgenössisches, provokatives Gedicht zu rezitieren. In dieser Prosa kamen auch gewagte Zeilen vor wie: „Ich gestehe, ich habe Geschlechtsverkehr ausgeübt – mit geöffneten Augen!“

Da stand also unser Kommilitone und mühte sich nach Kräften, laut und deutlich gerade diese Textstelle vorzutragen. Was geschah? – Nichts. Die meisten Menschen dachten sowieso nur an ihre Einkaufszettel. Einige wenige schüttelten im Vorübergehen leicht ihren Kopf. Und ein paar Studenten blieben stehen und klatschten laut und johlend Beifall. 

Der Kommilitonin von uns war die Aufgabe zugefallen, mit einem Handtuch über der Schulter ins naheliegende Hotel zu gehen und an der Rezeption nach einer freien Dusche zu fragen. Und nicht locker zu lassen.

Und auf meinem Zettel stand: „Geh die Salzstraße rauf und runter, bleibe vor den Schaufenstern stehen und rufe jedes Mal laut aus! „Nä, was ein herrliches Design!“ – Wobei „Design“ als „Dessäng“ auszusprechen war.

Irgendwie war es eine verrückte und herrliche Zeit. 

An den Beispielen erkennst Du die hohe Schule, die eigene Scham selbstsicher zu überwinden.

Claudia schämt sich ja noch immer für andere. Mir hilft bis heute allerdings der Satz: „Ich kann die Welt nicht retten.“ Also auch niemanden vor der Vielzahl seiner eigenen Fettnäpfchen schützen. 

Manche Handlungen finde ich skurril. 

Manche Verhaltensweisen voll daneben.

Manche Gewohnheiten absurd.

Aber, wer weiß… Vielleicht bin ich ja nicht nur Psychotherapeut geworden, um Menschen als außenstehender Coach durch Krisensituationen zu begleiten. Sondern auch, um zu lernen, dass es besser ist, nicht zu viel Verantwortung für andere zu übernehmen. Denn eine Regel der Psychotherapie besagt ja auch: Jeder Mensch, Kunde, Klient im geistigen Normalzustand ist für sein Leben selbst verantwortlich. Und das ist auch gut so.

Deshalb brauche ich mich ja für niemanden fremdzuschämen.

In herzlicher Verbundenheit

Ihr Georg Rupp